Japan vs Europa – Der Drop-Shoulder-Mantel aus dem Buch „Mein Lieblingsmantel selbstgenäht“ von Yuko Katayama

Ich habe etliche japanische Nähbücher zuhause und ich mag sie sehr. Außerdem habe ich schon vieles daraus genäht und manches ist auch hier im Blog zu sehen (z.B. eine Bluse und Hose aus „Nähen im japanischen Stil“ oder das Balmainshirt von Yoshiko Mizuno).

Jetzt gibt es aber häufig Diskussionen über die japanischen Maße und die richtige Größenauswahl für großgewachsene Europäerinnen. Natürlich sind Japanerinnen und viele Asiatinnen kleiner, zierlicher und völlig anders proportioniert als eine durchschnittliche Europäerin oder Amerikanerin. Wobei auch, zumindest hier bei uns in Europa – bei Nordamerikanerinnen kann ich das nicht beurteilen, immer noch ein enormer Unterschied zwischen einer, sagen wir, Italienerin und einer Norddeutschen oder Schwedin ist. Das ist die eine Seite. Die andere ist: Japaner haben eine völlig andere Ästhetik und Auffassung, was Kleidung betrifft. Japanische Designer umhüllen den Körper, es ist ein Spiel zwischen Stoff, Bewegung und Gestalt. Sie formen ihn nicht ab. Das heißt natürlich auch, dass die Kleidungsstücke oft eher oversize geschnitten und gedacht sind, was wiederum für Frauen wie mich von Vorteil ist.

Kleidung als Hülle, gar nicht so genau festgelegt, immer mit der Möglichkeit des Interagierens zwischen Trägerin und Stoffgewebe war in der Antike das vorherrschende Prinzip. Die Tunika war für alle gleich. Auch der Gast erhielt eine bei Bedarf. Es gab nicht das „auf den Leib geschneidert werden“. Das würde ich als typisch mittel- und nordeuropäische Entwicklung bezeichnen. (Auch die langen Hosen kamen aus dem Norden ins römische Reich – und waren einerseits verpönt andererseits gefragt.) Grob geschätzt jedenfalls setzte diese figurbetonte Mode am Ende des Mittelalters ein – mit Höllenfenstern, Beinlingen und Schnürungen. Einen Höhepunkt erreichte sie wohl im barocken Schnürmieder, immer noch ganz deutlich als Silhoutte erhalten im Dirndlkleid. Gerade der sehr enge Miederleib hielt sich bei uns äußerst hartnäckig über Jahrhunderte. Ich habe unlängst ein Buch über französische Haut Couture durchgeblättert und es ist, wenn man ehrlich ist, noch immer daselbe: Ein tolles Material, aufwendige Dekors und Korsagen in allen Varianten mit weiten Röcken, so der „Prinzessinnenlook“. Das Abformen des Körpers ist der Grundtenor der europäischen Auffassung von Kleidung. Eine moderne Alltagsentwicklung dazu (die auch manchmal peinlich wirkt): Die Leggins.

Aber zurück zu Japan. Wenn man japanische Nähbücher ansieht, fällt zuerst auf, dass die Schnitte oft eher konservativ bis bieder sind, manchmal etwas niedlich, dabei besitzen sie jedoch eine sehr hohe ästhetische Kraft, die gerade in der Zurückhaltung liegt, bei aller Schlichtheit wirkt die Form bezwingend. Das Material ist fast immer sehr unauffällig, was Muster, Farbe oder Struktur betrifft, häufig Leinen oder Baumwolle. Die Schnitte sind locker bis weit geschnitten, bedecken meist das Knie (Coco Chanel lässt grüßen!). Also kein Leoprint, Minirock und Herzausschnitt … Außerdem sind die Modelle in den Büchern alle technisch sehr gut aufbereitet und mit exzellenten Zeichnungen versehen. Das liegt daran, dass die japanische Schrift eine Zeichenschrift ist und Bilder eine gute Möglichkeit sind zu lange und komplizierte Texte zu ersetzen. Wir arbeiten ja auch lieber nach Bildern, oder? Was natürlich nicht heißt, dass jedes Modell für große Frauen tragbar ist. Allzu Mädchenhaftes würde auch mit einem – unseren Proportionen entsprechenden – Burdaschnitt nicht gut aussehen.

Mein heutiges Projekt stammt aus dem Buch Mein Lieblingsmantel selbstgenäht von Yuko Katayama, erschienen Herbst 2019 im Stiebner Verlag. Darin gibt es 18 Mantel- und Jackenprojekte aufbauend auf fünf Grundschnitten mit Variantionen in der Ausgestaltung (zum Beispiel von Länge, Kragen, Taschen und technischer Ausführung). Ich habe, vor allem aus Bequemlichkeit, das Modell A2 gewählt: einen ungefütterten Drop-Shoulder-Mantel. Bei Drop-Shoulder Schnitten habe ich allerdings schon verschiedentlich eigenartige Ausbeulungen am Ärmelansatz erlebt und war, ich gebe es zu, skeptisch, ob das eine sehr gute Idee wäre, gerade diesen Schnitt als Test zu nähen. Weil ich aber, erstens faul, zweitens neugierig war und drittens beim Modell las: fertige Abmessung beim Mantel Brustumfang 121,5 cm, entschied ich mich, den Schnitt ohne irgendeine Anpassung einfach auszuprobieren. Außerdem hatte ich den perfekten Stoff in meinem Schrank erspäht.

Ich bin keine XS (weder eine europäische noch eine japanische), war ich nie, sogar in meinen schlankesten Zeiten nicht – XS hat immer auch mit der Körpergröße zu tun! Die größtmögliche Größe im Buch ist XL: Brustumfang 90 cm, Rückenlänge 40 cm, Armlänge 55 cm, bei 165 cm Körpergröße. Diese habe ich verwendet. Ich bin 170 cm groß und mein Brustumfang ist 100 cm. Nur bei den Ärmeln habe ich sicherheitshalber 4 cm zugegeben – und musste nachher alles abschneiden. Der Mantel ist so leger geschnitten, dass er mir sehr gut passt so wie er von Yoko Katyama geplant ist, dabei wirkt er nicht plump sondern lässig elegant. Grundsätzlich sollte man bedenken, dass es bei etwas fülligeren Frauen immer besser aussieht Kleidung nicht allzu oversized zu tragen, wohingegen schlanke Frauen mit überweiten Passformen auch stylisch wirken, vorausgesetzt sie mögen diesen Stil.

Nun, ein sehr schöner eleganter Mantel, mit einer perfekten sanften Rundung an der Armlinie (wirklich der Ärmelansatz ist hervorragend gestaltet!) und interessanten Details bei der Ausarbeitung ist entstanden. Das Modell sollte eigentlich mit einer Zwillingsnadel abgesteppt werden, ich habe zwei Steppnähte genäht, darum sind sie nicht immer perfekt. Die Säume sind unversäubert, das setzt natürlich einen nichtfransenden Stoff voraus. Die Nähte werden nicht rechts auf rechts zusammengenäht, sondern übereinander gelegt und zusammengesteppt, da ist ein sorgfältiges Zuschneiden und Aufeinanderstecken wichtig – es hat auch nicht überall gleich gut geklappt bei mir … Es gibt keinen Verschluss, dafür zwei aufgesetzte Taschen. Auf der Puppe gefiel mir der Mantel noch nicht so recht, aber nachdem ich ihn angezogen hatte – ich war und bin begeistert!


Fazit: Schöner Mantel, guter Schnitt, jetzt kommt eine gefütterte Variante dieses Modells an die Reihe. Ich habe einige sehr schöne Mantelstoffe, die schon drauf warten verarbeitet zu werden.

Schnitt: Mein Lieblingsmantel selbstgenäht, 18 Mantel- und Jackenprojekte von Yoko Katayama, erschienen 2019 im Stiebner Verlag, 71 Seiten, zwei Schnittbögen, zahlreiche Fotografien und Zeichnungen, Softcover, Format 21cm x 26cm, ISBN 978-3-8307-2074-4 – Amazon schnappt sich übrigens 40% des Buchpreises, unterstützt lieber die Einzelhändler oder bestellt direkt beim Stiebner Verlag.

Stoff: Doubleface Strickwalk gekauft bei MyTex


8 Gedanken zu “Japan vs Europa – Der Drop-Shoulder-Mantel aus dem Buch „Mein Lieblingsmantel selbstgenäht“ von Yuko Katayama

  1. Wow! Der sieht ja toll aus. Deine super Beschreibung macht Lust auf das Buch. Ich habe ja auch einige japanische Bücher und mag die Schnitte und die Stoffe sehr. Muss aber aufpassen bei meinen 1,78 :-)
    LG
    Christine

    Liken

    1. Der Mantel ist auch wirklich schön geworden und-das ist sehr erfreulich- die Schnittangaben vermerken expliziet die einberechnete Mehrweite, das erleichtert ungemein das Abschätzen, ob und wie Anpassungen nötig sind, wenn man sich außerhalb der Maßtabelle befindet. Liebe Grüße, Silvia

      Liken

  2. Ah! Danke für Deinen Exkurs zu den Unterschieden Japan-Europa! Ich habe mir von einer Freundin „Nähen im Japanischen Stil“ ausgeborgt und möchte grundsätzlich ein paar Teile daraus nähen, eben weil sie klassisch-schlicht-unaufgeregt daherkommen. Da merke ich allerdings, dass ich ebenfalls dem Mieder-mit-weitem-Rock-Schema verfallen bin. 50-er Jahre Wespentaille mit Petticoat-Rock, hachz! Tanzkleider, ja! Aber das Umspielende schmeichelt dem Bäuchlein, und wird in den nächsten Monaten auch in meiner Garderobe mehr Einzug halten. Sehr schöner Mantel, tolle Silhouette! Liebe Grüße, Gabi

    Liken

    1. Mir gefällt die Mieder-weiter Rock Variante auch. Ich schwanke so permanent hin und her. Nun, in deiner Garderobe wird bestimmt Platz für beides sein, aber das klassisch-unaufgeregt Schlichte hat seine Reize. Liebe Grüße, Silvia

      Liken

  3. Der Mantel ist toll! Ich bin ja bekennender Fan der Japan-Bücher (passe aber mit meiner Größe auch bestens ins Schema), weshalb es bei mir im Blog sogar eine eigene „japanische Schnitte“ Rubrik gibt. Ich mag die selbsterklärenden Zeichnungen und das Baukastenprinzip vieler Bücher. So kann man ganz oft, den Körper des einen Modells mit den Ärmeln eines anderen verheiraten und bekommt so immer wieder neue Stücke. Dadurch das die Schnitte oft sehr geradlinig sind, lassen sie sich ohne weiteres vergrößern oder verkleinern, selbst wenn man die hohe Kunst des Gradierens nicht beherrscht.Außerdem lassen sie Raum für schöne Stoffe und Strukturen.
    Herzliche Grüße,
    Malou

    Liken

Kommentar verfassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.