Geheimnisse des Dirndlnähen 2: Leib & Rock

Dirndl 1
Selbst genähte und gekaufte Dirndl

Stoff und Schnitt sind abgehakt, nun geht es ins Detail bei der Herstellung von Leib und Rock.

Der Leib

Der Leib ist das am meisten sichtbare Stück des Dirndlkleides, deswegen sollte ihm auch am meisten Aufmerksamkeit gewidmet werden. Einerseits natürlich, dass dieser sehr gut sitzt, andererseits sollte große Sorgfalt auf Ausführung und Dekor gelegt werden.

Bei der Ausführung und Dekoration gibt es viele Möglichkeiten von schlicht, minimalistisch bis üppig verziert, offenherzig bis hochgeschlossen, mit und ohne Ärmel/Schösschen.

Selbstgenähte Rüschen entlang dem Ausschnitt sind eine Möglichkeit. Diese können üppig oder aber zurückhaltend Ton in Ton sein, auch eine schlichte Rüsche in einer Akzentfarbe ist möglich. Zum Thema Rüschen kann ich nur das Buch Rüschen von der Trachten Kulturberatung Baden empfehlen. Besprochen hier. Ein Tutorial zu einer dieser Rüschenkombinationen gibt es hier.

Eine weitere Möglichkeit, die auf unaufdringliche Art und Weise den Leib veredelt, ist Schnurstepperei.

Sehr schön wirkt auch eine breite farbigen Passe. Bei uns nicht so oft zu sehen: Stickerei ist eine elegante Variante, sowie eine dekorative Schnürung.

 

Paspeln

Alternativ kann entlang dem Ausschnitt eine andersfarbige Paspel vernäht werde.

Allgemein sind Paspeln entlang des Ausschnittes, Armlochs und den Teilungsnähten eine sehr vielfältige, variable Gestaltungsmöglichkeit. Bei den Wiener Nähten können Paspeln ebenfalls sehr effektvoll eingesetzt werden. Die Paspel können aus dem Leibchenstoff, Ton in Ton sein oder in einer Kontrastfarbe. Es kann auch der Rockstoff oder Schürzenstoff aufgegriffen werden. Um sich das spätere Verstürzen mit dem Futter zu erleichtern werden am besten Ausschnitt und Armlöcher mit Paspeln versehen.

Die Herstellung der Paspel: Aus einem ca. 40 cm langen Stoffstück werden 3 cm breite, diagonale Streifen geschnitten, diese dann zusammen gesetzt und mit einer Paspelschnur versehen. Eine echte Erleichterung ist da der Paspelfuss ( z.B. Nr 30 von Bernina).

Wenn der Stoff ein schräg laufendes Muster hat, sollte man sich daran orientieren.

Paspeln am Ausschnitt ermöglichen einem, sollte der Ausschnitt etwas ausgeleiert sein, , den Ausschnitt wieder etwas einzuhalten und in Form zu bringen. Das gleiche gilt für Armloch oder Teilungsnähte. Wichtig ist hier, dass die Schnur in der Paspel nicht versehentlich fest genäht wurde.

Paspel

Verschluss:

Der Verschluss ist im Idealfall zum leichteren Anpassen in der vorderen oder hinteren Mitte. Seitlich ist deswegen nicht zu empfehlen, weil man den Leib nicht mehr so leicht an etwaige Figurschwankungen anpassen kann. Zur Auswahl stehen Haken, Knöpfe oder der eher verpönte Reissverschluss. Auch wenn ein Schnitt auf die eine oder andere Verschlussvariante ausgelegt ist, kann dieser sehr einfach an den Wunschverschluss angepasst werde. Bei einem Schnitt mit Hakenverschluss muss einfach an der vorderen Mitte ca 1 cm dazugefügt werden für den Knopfverschluss…

Haken

Der Leib stosst hier mittig ohne Überlappung aneinander und wird rechts und links neben der Kante 5 mal mit einem halben Zentimeter Abstand abgesteppt. Die Haken werden gegengleich festgenäht mit einem Abstand von 2,5 cm und die Öse steht immer jeweils ein bisschen vor. Die Haken eher etwas zu weit hinten annähen als zu weit vorne. Später beim Tragen kommt ja Zug darauf und es könnte ein Spalt entstehen. Damit unabhängig davon, ob dann später ein Spalt entsteht oder nicht, man eine schöne Optik erhält und unerwünschte Einsichten vermeidet, sollte ein seperater Untertritt eingenäht werden. Dieser kann an einer Seite fix angenäht werden und auf der zweiten Seite wird er mit Druckknöpfen in Position gehalten.

Damit die Haken und Ösen nicht hervorblitzen verwendet man Schwarze bei dunklen Stoffen. Haftelverschlüsse sind ideal für edle Dirndl bei denen der Verschluss nicht mit dem Schmuck konkurrieren soll: zum Beispiel bei edlen Seiden- und Wolldirndl, beim sommerlich Waschdirndl ist diese Art von Verschluss unüblich.

Knöpfe

Allgemein sind kleine, flache und runde Knöpfe zu empfehlen. Ein glatter Rand lässt sich besser knöpfen. Eckige Knöpfe sind ein Paradebeispiel von hübsch aber schrecklich zum Knöpfen. Und da das Dirndl eng sitzt, knöpft es sich ohnehin nicht so leicht, wenn die Knöpfe dann auch noch unhandlich sind…

Silber wird klassischerweise bei winterlichen Wolldirndl verwendet. Bei Sommerlichen Waschdirndl aus Baumwolle und Leinen passen Perlmuttknöpfe perfekt dazu. Gold wird üblicherweise selten eingesetzt.

Knopflochabstand: 2,5 cm

Abstand zu vorderen Mitte: 1 cm

Ideale Knopfgröße: 1 cm

Wer die Technik beherscht, dem wird empfohlen die Knopflöcher mit der Hand zu Nähen.

Die Knöpflöcher können bereits vor dem Zusammennähen von Leib und Rock genäht werden (das ist jedenfalls deutlich handlicher unter der Maschine). Mit dem Aufschneiden kann man ja noch warten bis der Rock angnäht ist, sollte ein Knopfloch zu viel genäht sein, kann dieses dann nicht geöffnet oder wieder aufgetrennt werden.

Bei „vier Augen Knöpfen“, kann man sich mit dem Annähen angenäht etwas spielen: ein klassisches x, zwei parallele Linien oder alle Fäden kommen aus einem Loch heraus, das sieht dann aus wie ein Tannenzweig.

Reissverschluss

Der Reissverschluss ist eine weitere Möglichkeit, wenn auch die ganz traditionellen Dirndlnäher darüber die Nase rümpfen. Wichtig ist, dass kein nahtverdeckter Reißverschluss verwendet wird, dieser ist zu schwach, denn der Leib soll ja möglichst eng sitzen. Wie beim Hakenverschluss trifft der Leib vorne in Mitte Kante an Kante aneinander. Der Reissverschluss wird erst eingenäht wenn Leib und Kittel miteinander verbunden sind.

Das Nähen des Leib

Nachdem Zuschnitt werden alle Teil mit Einlage versehen, auch wenn es ein fester Stoff ist, das verleiht dem Stoff einfach eine zusätzliche Stabilität und verhindert das der Stoff an Form verliert.

Wer traditionell das Dirndl nähen möchte, dem empfehle ich die sehr genaue Beschreibung des Prozesses von Sewing Galaxy. Kurz gesagt wird Futter und Oberstoff als eine Lage verarbeitet- früher gab es keine aufbügelbare Einlage-, Nahtzugaben werden mit der Hand anstaffiert, die Armlöcher und Ausschnitt mit Paspeln versehen und ebenfalls mit der Hand anstaffiert.

Moderner und schneller ist es Futter und Oberstoff seperat zu nähen und dann zu verstürzen. Zuerst werden Abnäher und Wiener Nähte genäht, Schulternähte geschlossen und schon wird die erste Anprobe gemacht.

Leinen weitet sich beim Tragen, da darf der Leib bei der Anprobe extra eng sein.

Eventuelle Korrekturen auf den Schnitt (falls der Schnitt erneut genäht wird) und aufs Futter übertragen, das identisch mit dem Oberstoff genäht wird. Nach dem Anpassen wird Futter mit Oberstoff verstürzt. Die Seitennähte werden nicht geschlossen und verstürzt. Ein so aufwendiges Kleidungsstück wie das Dirndlkleid sollte eine möglichst lange Tragedauer haben. Deshalb werden die Seitennähte immer so verarbeitet, dass es nur eine einzige Naht gibt (Oberstoff und Futter werden hier wie eine Schicht verarbeitet und behandelt!) Auf diese Art und Weise kann man den Leib immer wieder weiter oder enger nähen. Anbringen des Verschlusses und zum Schluss kommt noch die Dekoration.

Man kann die Schulternaht sowie die Seitennaht ganz am Schluss schliessen, dies ermöglicht einem später ein leichteres Anpassen der Träger und lässt das Dirndlkleid „mitwachsen“ (bei Kindern).Schnurrstepperei 2


Der Rock/Kittel

Ganz klassisch wird der Rock gestiftelt, alternativ in Falten gelegt oder auch ein Tellerrock angesetzt. (Das entspricht aber sogar nicht mehr dem recht Verschnittlosen Nähen des Dirndls und ist doch eine ziemliche Stoffverschwendung.)

Stifteln

Zum Stifteln braucht es ein Hanselband-das ist ein kariertes Stoffstück-, Knopflochseide und viel Geduld. Bei der vorderen Mitte bleibt ca 80 cm blank (vorne kommt die Schürze drüber und es soll nicht unnötig der Bauch betont werden), beim Rest des Rocks wird das Hanselband mit der Hand festgeheftet. Dann geht es daran 5 bis 6 cm Reihen zu stifteln, damit meint man, dass mit gleichmäßigen Vorstichen mit einem festen Garn (Perlgarn, Knopflochseide…) die ganze Länge in paralellen Reihen gearbeitet wird. Nachdem Stifteln wird gleichmässig zusammengezogen. Von der Breite so zusammenziehen, dass das Gestiftelte bis unter die Schürze reicht, bzw sind die vorderen Abnäher , je nach Lage, auch ein guter Orientierungspunkt. Allerdings dürfen die unteren Reihen nicht ganz so fest zusammengezogen werden, das Gestiftelte soll nach unten leicht auffächern. Das Gestiftelte muss sich ja auch an die Kurven des Körpers anpassen. Wenn die Position des Gestiftelten passt, können die Fäden mit zwei drei Stichen fixiert werden und dann zu einem Band geflochten werden. Das ermöglicht einem nach Bedarf das Gestiftelte weiter oder enger zu machen, also nicht kurz abschneiden!!! Der Reststoff wird in Falten gelegt, in denen auch das Ende des Gestiftelten verschwindet, auch ein Kittelsack=Tasche wird darin verborgen eingenäht..

Ein gestiftelter Rock ist ein typisches Zeichnen von Handarbeit und aufwendiger Verarbeitung. Auch bietet sich hier die Möglichkeit viel Stoff zu verarbeiten. Ich selber finde das Gestiftelte eher unbequem, da das Gestiftelte an der Taille sehr fest und steif ist.Dirndl

Falten

Hier gibt es die Möglichkeit in der hinteren Mitte eine doppelte Kellerfalte zu nähen und dann von der hinteren Mitte weg nach vorne Messerfalten zu legen. Alternativ könnte man auch Kellerfalten oder doppelte Kellerfalten legen.

Entweder können die Falten so gelegt werden, dass der ganze Stoff verbraucht wird, die Faltentiefe muss etwas tiefer gemacht werden und es muss vorab berechnet werden wie viel Stoff pro Falte verbraucht wird. Stoffbreite minus Taille ergibt den Stoff für die Faltung. Stoff für die Faltentiefe durch die Anzahl der Falten ergibt die Menge an Stoff pro Falte.

Rechenbeispiel: Taille 70 cm, Stoffbreite 300 cm (zwei Stoffbahnen), Anzahl der Falten 23 (Taille/Faltenbreite 3 cm), Faltenbreite 3 cm

Wenn in der Hinteren Mitte eine doppelte Kellerfalte gemacht wird muss von der Stoffbreite 30 cm (Stoffbedarf für die doppelte Kellerfalte) und von der Taille 6 cm (Breite der doppelten Kellerfalte) abgezogen werden.

Ohne doppelte Kellerfalte

300-70=230 cm Stoff der für die Faltentiefe über bleibt

230/23 (Anzahl der Falten)= 10 cm Faltentiefe pro Falte


Mit doppelter Kellerfalte in der hinteren Mitte

300 Stoffbreite -30 cm = 270 cm neue Stoffbreite

70 Taille – 6 cm = 64 cm neue Taille

64/ 3 cm Faltenbreite = 21 Falten

270-70=200 Stoff für die Faltentiefe

200/21 Falten=9.5 Faltentiefe


Rock komplett mit doppelter Kellerfalte

Taille 70 cm

Stoffbreite 300 cm

Anzahl Falten 10 doppelte Kellerfalten

Faltenbreite 3,5

300 Stoffbreite -70 Taille= 230 cm Stoff für Faltentiefe

230/10 doppelte Kellerfalten= 23 cm pro doppelter Kellerfalte

23/8 (Anzahl der Faltenböden pro doppelter Kellerfalte) = 2,875

Wenn die Anzahl der Falten nicht perfekt 22.00 ist, ist das kein Problem, in der Vorderen Mitte, kann da ein bisschen geschummelt werden und die Falten zB weniger tief gemacht werden, wenn der Stoff knapp wird.

Oder es werden die Falten einfach nach einer Einheit gelegt zb 3 cm breite Messerfalten mit einer Faltentiefe von 6 cm (Stoffbedarf: 3x Taillenumfang plus Nahtzugabe und 24 cm für die doppelte Kellerfalte in der hinteren Mitte). Werden auf diese Art und Weise die Falten gelegt muss nicht gerechnet werden, der Überschüssige Stoff wird am Ende einfach entfernt. Oder bei einem grösseren Taillenumfang die Falten unter der Schürze weniger tief gelegt.

Der Kittelsack

Jedes Dirndl hat auf der rechten Seite unter der Schürze einen Kittelsack. Teilweise bei den gekauften auch in der Seitennaht. Der Kittelsack sollte in etwa wie zwei Lungenflügel aussehen (beide Taschenteile werden als ein Stück zugeschnitten). In etwa in der der dritten Falte von innen oder in der Mitte zwischen vorderen Mitte und Seite (ca 10 cm von der Taille runter positionieren) wird der Kittelsack aussen aufgenäht (Rechteck, später der Tascheneingriff). Aufschneiden wie ein Paspelknopfloch, den Kittelsack nach innen wenden, alle Schnittkaten versäubern und den Kittelsack absteppen. Mehr trara wird um den Kittelsack nicht gemacht.

Den Kittelsack schön gross machen, so dass locker ein Smartphone reinpasst, die Kittelsäcke waren schon immer gross. Und da der Kittelsack unter der Schürze verborgen ist, kann man den auch gut befüllen, ohne das es optisch unschöne Beulen gibt. Manche Dirndl haben da wo der Kittelsack ist auch eine durchgehende Naht, um den Kittelsack wie eine Nahttasche einzunähen.

Wenn die Taschen in der Seitennaht als Seitennahttaschen verarbeitet werden (nicht so üblich), dann sind diese Taschen oft mit einem Nahtverdeckten Reissverschluss gearbeitet, sodass nichts rausfällt und verloren geht.

Das Kittelblech

Das Kittelblech ist einerseits ein Hingucker andererseits eine Möglichkeit, bei teurem oder knappen Stoff Stoff zu sparen. Kurz gesagt ist es ein Falscher Saum Es gibt dem Rocksaum Gewicht und sorgt für einen schönen Fall des weiten Rockes. Das Kittelblech ist in etwa 20 cm breit und sollte keinesfalls schwerer als der Rockstoff sein.

Das Kittelblech kann unsichtbar eingenäht werden, aus dem gleichen Stoff wie der Leib sein oder aus einem kontrastfarbenen Stoff bestehen. Am Rocksaum wird das Kittelblech nur beim Gehen, Drehen oder dem Hinsetzen sichtbar. Natürlich kann das Kittelblech ganz gezielt als Hingucker eingesetzt werden, es kann auch auf der Vorderseite als schmaler oder auch breiterer Streifen sichtbar werden.

Es kann aber ein normaler Saum gemacht werden, hier empfiehlt es sich einen breiteren Saum zu machen, Minimum ca 10cm.

Bei beiden Säumen ist es am schönsten wenn mit dem Blindstich genäht wird (egal ob mit der Maschine oder Hand)Kittelblech

Dekor am Rocksaum

Natürlich kann am Rocksaum eine Borte angenäht werden. Oder breitere Samtbänder entlang dem Saum wirken auch immer schön. Drei ist eine sehr typische Anzahl. Wenn der Saum mit einer normalen Naht angenäht wird, lässt sich mit einer Borte wunderbar die Naht verdecken.

Natürlich können auch Biesen gemacht werden, bei 1cm Biesen, muss der Rock pro Biese 2 cm verlängert werden, damit dieser nach dem Nähen der Biesen nicht auf einmal zu kurz wird.Saum


2 Gedanken zu “Geheimnisse des Dirndlnähen 2: Leib & Rock

  1. Ein Kompendium des Dirndl-Nähens stellst du da gerade zusammen! Toller ausführlicher Artikel, danke dafür! lg, Gabi

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