Immer wenn ich etwas gestresst bin oder frustriert, tröste ich mich gerne-falls der Zeitpunkt passt- mit einer neuen Modezeitung. Das bringt mich gleich auf bessere Gedanken, ich kann in Zukunftsvisionen schwelgen und neue Projekte planen. Das heißt natürlich nicht unbedingt, dass alles real wird, aber es hat entschieden eine positive Wirkung. So kaufe ich gerne die italienische Zeitschrift La mia Boutique, weil sich hier gute Schnitte mit italienischer Eleganz und Raffinesse verbinden. Aus diesem Grund kam auch die Ausgabe von Juli/August 2025 in mein Haus. Die Fotostrecken der italienischen Zeitschrift und die Qualität des Drucks sind oft recht unterschiedlich, aber bei dieser Ausgabe kamen mir die Fotos besonders schlecht bzw. seltsam vor. Während ich mich nur wunderte, fand der sachliche, kritische Blick Sabines sofort den Grund für mein Unbehagen: Sämtliche Modefotos waren mit KI hergestellt.
Bis zur Unkenntlichkeit überarbeitete Fotos sind seit der Einführung der digitalen Fotografie besonders in der Werbung ja schon beinahe alltäglich. Arme und Beine der Personen sehen wie aus Knetgummi geformt aus, Gesichter wirken wie aus Kunststoff gemacht. Körperformen werden idealisiert, weit über die natürlichen Möglichkeiten hinaus (Da werden gleich mal ein paar Knochen mit wegretuschiert und ein paar tolle Kurven dazu). In den sozialen Netzwerken werden ebenso munter überarbeitete Fotos verbreitet. Das gefällt mir alles nicht. Aber wenn ich in einer Modezeitschrift, die Schnitte zum Nachnähen anbietet, nicht ein echtes, genähtes Modell fotografiert sehe, bin ich doch sehr irritiert. Ich möchte einfach richtige Stoffe sehen, das ist das mindeste.
Ich kann nicht genau nachvollziehen, was KI generierte Fotos so attraktiv macht. Die Kosten? Wenn wir den realen Energieverbrauch berechnen würden wohl kaum. Außerdem ist es doch einfach schade, gerade die kreative Arbeit des Fotografen mit dem Modell zu zerstören. Bilder mit einem menschlichen Modell haben einfach eine andere Ausstrahlung, es ist genau diese kleine Unvollkommenheit, dieses ganz individuelle der Gesichter, der Augen, des Mundes, die den Charme und die Lebendigkeit ausmachen und die uns berühren. Dabei muss das Fotoshooting nicht unbedingt an einem exotischer Ort sein. Wer mit offenen Augen durch die Gegend geht, findet bald interessante Hintergründe. Studioaufnahmen können genauso attraktiv sein wie Aufnahmen im Freien. Gerade La mia Boutique zeigte oft sehr gut gemachte Fotos im Studio. Großzügigerweise sah man manche Modelle von mehreren Ansichten, was sehr hilfreich war.
Mittlerweile habe ich wieder eine La mia Boutique gesehen mit „echten“ Fotos oder inzwischen, nach einem Jahr Weiterentwicklung der KI Generierung, noch echter wirkend. (Soweit online erkennbar, könnten die Coverbilder, echte Fotografien sein, allerdings haben die Modestrecken lauter unterschiedliche Modells, was in der Modefotografie unüblich ist.) Hier ein Video des aktuellen Magazins. Leider habe ich sie nicht gekauft. In unserem kleinen Städtchen gibt es die Zeitschrift nicht und ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Was bleibt ist ein großes Unbehagen. Eigentlich werden wir belogen. Es wird uns vorgegaukelt reale Menschen präsentieren reale Kleidung an realen Orten und alles ist unwirklich. Ich glaube nicht, dass uns dieses Entwicklung guttut.
Ich kann mich sehr gut mit Fotografien auf einer Schneiderpuppe anfreunden, besonders bei Kindermode gab es da gerade in La mia Boutique immer wieder sehr ansprechende Bilder. Dann besitze ich ein Strickbuch Handknit Style II von Linden Ward und Beryl Hiatt, das ich gerade wegen der toll gemachten Fotos von Brent Kane liebe, wo sämtliche Strickmodelle auf der Puppe gezeigt werden. Es ist mir eine ständige Inspirationsquelle. Im Buch Voila-Glanzstücke historischer Moden1750-1960 erschienen im Verlag Prestel werden die Kleidungsstücke großartig auf Puppen inszeniert. Die Fotografien stammen von Gabriele und Thomas Zimmermann. Und in dem wunderbaren Buch Creating Couture Embellishment werden einzelne textile Meisterwerke auf der Puppe gezeigt. Die Puppe gibt zwar die Form, tritt aber völlig in den Hintergrund und unsere Aufmerksamkeit ist ganz auf das Kleidungsstück oder die spezielle Technik, die zum Einsatz kam, gerichtet.





Genäht habe ich das Modell Nr. 1, weil es einfach ist und weil ich unbedingt über das Thema schreiben wollte. Weil mir der Schnitt gefiel, entstanden gleich drei Versionen. Theoretisch hätte unser Artikel schon im Sommer 25 erscheinen sollen, aber wie das Lebens so ist, wurde Frühling 26 daraus.
Zu meinen Modellen: Der Schnitt ist gut, man braucht wenig Material. Tatsächlich war der schöne grau/schwarz gemusterte Blockprint von Karlotta Pink bereits eine Dirndlschürze. Aber irgendwie fand ich eine Bluse daraus würde mir besser gefallen. Es gibt auch noch eine rein weiße Bluse (weil ich dringend eine für einen Anlass brauche), genäht aus einem Damastkopfkissen. Weiß ist jetzt nicht so meine Farbe. Es sieht nicht sehr gut zu den anders weißen Haaren aus und ist in meiner etwas robusten Umgebung viel zu empfindlich.
Der fröhlich gestreifte Aborigine Print macht sich ebenfalls sehr gut. Leider habe ich an den Seitennähten das Patternmatching total verpfuscht. Ich achtete nur darauf wie sich die Streifen an der Schulternaht treffen. Der Stoff ist aber lebhaft genug, um diesen Mangel nicht allzustark hervortreten zu lassen. Was ich an dem Schnitt sehr mag ist die etwas längere Rückseite. Bei der grauen Bluse hatte ich zuviel Stoff in der hinteren Mitte (oder schlampig aufgelegt beim Zuschnitt?) und darum gibt es hinten am Kragen eine Falte. Der V-Ausschnitt streckt und der Stehkragen schmeichelt.






Fazit: Also abgesehen von den „Fotos“ im Magazin und den rasch improvisierten Fotos von mir: Guter Schnitt, etwas tief beim Ausschnitt. Das lässt sich aber mit der abgenähten, vorderen Falte oder entsprechendem Untendrunter steuern. Schnell genäht, es ist eine wirklich schicke Sommerbluse. Und ich hoffe sehr, dass La mia Boutique Menschen zur Schnittentwicklung beschäftigt…
Schnitt: Modell Nr.1 aus La mia Boutique 7/8 2025
Stoff: Indischer Blockprint und Aborigine Print, beides Baumwolle, von Karlotta Pink
Verlinkt zum MeMadeMittwoch.














