Vintagehut mit vielen Möglichkeiten

Aktuell beschäftige ich mich wieder einmal sehr intensive mit dem Thema Kopfbedeckungen. Ich besitze mittlerweile schon eine ansehnliche Sammlung von Schnittmustern, teils aus Büchern, teils Einzelschnitte, manche habe ich auch selbstgezeichnet („Meine Kappe, deine Kappe„, „Sonnenschild„) oder in Zeitschriften gefunden. Besonders ergiebig sind alte Modezeitungen aus den 50er und 60er Jahren.

In den 50er Jahren feierte der Hut nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren seine letzte große Zeit. Er wurde Teil der Kleidung und farblich darauf abgestimmt. Es gab große „Wagenräder“ aber auch kleine, randlose Kappen mit kurzen Schleiern, witzige Cocktailhüte und Fascinators. Während des Sommers trug man gerne flache Strohhüte mit großen Krempen. Der selbstgenähte Hut, möglicherweise passend zu Kleid oder Kostüm, war eine ideale und vor allem kostengünstigste Variante.

Aus dem Heft Der neue Schnitt 6/1962 stammt dieses Modell, gedacht als Ergänzung zur Strandmode. Das Bemerkenswerte daran ist die Konstruktion der Krempe. Sie besteht aus einem 46 cm langen und 14 cm breiten, geradem Stück Stoff. Dieses wird in sechs Abschnitte gegliedert und dort werden jeweils 2 cm tiefe Falten gelegt (ich habe dazwischen auch Falten gelegt, also 14 weniger tiefe Falten.) Ziel ist , dass Krempenansatz und Kappenumfang übereinstimmen. Durch diese gerade Krempe verbraucht man sehr wenig Stoff, die Materialangabe im Heft lautet 55cm bei 90cm Breite, ideal zur Resteverarbeitung. Der Kopfteil des Hutes besteht aus 6 Segmenten wie bei vielen modernen Kappen. Diese Segmente sind bei allen Hüten im schrägen Fadenlauf zugeschnitten, ausgenommen bei dem Streifenstoff. Wen die Naht zwischen Krone und Krempen stört muss ein Hutband oder ähnlichen Dekor verwenden. Alle Hüte sind gefüttert. Die Krempe kann aus einem gefalteten Stoffstück genäht werden oder eine unterschiedliche Ober- und Unterseite haben. Was an diesem Hut besonders praktisch ist: Er lässt sich gerollt gut transportieren!

Das Boutique-Mädchen aus dem Modemagazin hat die Krempe wesentlich stärker aufgeschlagen und trägt den Hut am Hinterkopf, eher wie eine Pillbox. Das sieht besonders mit Stirnfransen recht hübsch aus. Ich hatte mir nur den Schnitt herausgenommen und die Anleitung mit der Hand abgeschrieben (ja, das gibt es). Als ich ihn zuhause nähte, hatte ich das Foto längst vergessen. Erst bei Sabine, ihr gehört die Vintage-Zeitung, und nach dem Fotoshooting, fiel uns die unterschiedliche Tragweise auf.

Ich habe das Modell aus leichten und schweren Stoffen genäht, daher verhalten sich die Hüte recht individuell. Mein erstes Modell nähte ich aus einem sehr schönen, kleinen Stück Biobaumwollstoff von Karlotta Pink. Es ist ein sehr leichter Stoff, daher ist das fertige Modell auch sehr leicht und weich. Garniert habe ich den Hut mit weißer Baumwollspitze.

Mein zweites Modell entstand aus einem Rest Aborigineprint von Karlotta Pink, der gewissermaßen schon einen langen Leidensweg unter meinen Händen erlitten hatte…Einfach gesagt: Ich habe Verschiedenes damit probiert und es ist nichts Gescheites daraus geworden. Aber es ist ein fröhlicher Hut daraus entstanden. Das Innenfutter ist einfarbig, man könnte den Hut -wenn man es möchte -wenden.

Der Jeansstoff mit Gräserprint war einmal ein Kinderdirndl. Diesmal ist der Stoff wesentlich schwerer. Daher verhält er sich anders. Ich probiere immer herum: Welche Einlage soll es sein? Wie steif darf/muss sie sein? Welche Wirkung erwarte ich? Geschmückt habe ich den Hut mit einem, selbst hergestelltem, Band aus blauweißem Tupfenstoff auf dem ein weißer, geklöppelter Schmetterling sitzt. Besonders viel Spass macht mir das „in eine halbrunde Form“ bügeln, damit sich das Band schön um die Rundung legt. Ich bin begeistert und erstaunt, wie weit man ein gerade gewebtes Stoffstück nur mit Hitze, Dampf und Druck verformen kann.

Den creme/schwarz gemusterten Baumwoolsatin verwendete ich bei meinem Mantel-Sew-Along als Innenfutter. Diese elegante Hutvariante entstand, weil ich auf der Suche nach einem extravaganten Muster den Stoffrest wiederentdeckte. Ich wollte sehen und lernen, wie sich ein starkes Muster für einen Hut einsetzen lässt bzw. wie es getragen auf dem Kopf wirkt. Garniert ist der Hut mit einem schwarzen Köperband. Dieses Modell wirkt überraschend damenhaft, sehr erwachsen, sehr ladylike.

Der blauweiße Streifenhut ist meine maritime Variante. Ich denke dabei an Sanddünen und Strandkörbe, Möwen und weiße Baumwollpullis… einen Strand, am Atlantik, in Holland oder an der Nordsee, jedenfalls eine Küste, wo es richtig windig ist. Natürlich wollte ich die Längs- und Querstreifen als Gestaltungsmittel nützen. Krempe und Krone sind quergestreift, die aufgeschlagene Unterseite der Krempe hat kontrastierende senkrechte Streifen. Die Krone des Hutes ist völlig unelastisch durch den geraden Fadenlauf, das mindert den Tragkomfort, es macht den Hut ein bißchen fest und unbequem. Garniert ist dieser Hut mit einer schönen Kordel und einem eleganten Knopf vom Schneiderei-Markt in Wien.

Es gibt auch eine Version in hellgelben Leinen mit romantischem Blumendekor. Man sieht den Hut am ersten Beitragsbild. Allerdings lässt sich dieser Hut wegen der Blumen nicht rollen und daher nicht so leicht transportieren… Er musste zuhause bleiben, als ich mit den anderen Hüten im Koffer zu Sabine in die Schweiz fuhr…


Fazit: Ich bin immer wieder fasziniert, was unterschiedliche Stoffe aus einem Modell machen. Dieses Hutmodell wirkt mit seiner weichen Krempe nicht formell, je nach Farbe und Muster aber durchaus elegant. Es ist ein praktischer Hutschnitt für die Freizeit und den Koffer…

Schnitt: Der neue Schnitt 6/1962 Modell 8161

Stoffe: diverse Reste


7 Gedanken zu “Vintagehut mit vielen Möglichkeiten

  1. Hmmm, obwohl er ja sehr huebsch ist, ist’s evtl. an der Zeit das Ding leicht zu ‚modernisieren‘ ?
    Der Schnitt ist ja wirklich huebsch, aber fuer meinen derzeitigen Wohnort leider nicht ganz passend.
    Gut, „falt-/knautsch-bar“ ist mM immmmer richtig! Jedoch ist er – aufgrund Fuetterung – ein wenig zu ‚mollig‘. Minimum ist in SEINEM Fall: Kronenweite groesser als der eigentlich Kopfumfang und mit einem ‚Luftzirkulations-Ring‘ versehen auf Passform gebracht.
    Ausserdem waere ein ein-/ausknoepfbarer Genickschutz auch guuuut sinnvoll (mM).
    Let’s talk „Luftzirkulations-Ring“(Einsatz* oder Fix-Einrichtung):
    Ein (Rundum) Band zum an den inneren Hutumfang zu knoepfen an welchem an einer Seite kleine weiche Roellchens (= Stoff; vorzugsweise) mit Lueftungsabstaenden zu einander dann den Hut in Passform bringen und eben auch Luftzirkulation bieten.

    Sorry, ich „meine“ ja nur; d.h., wenn man sich schon selbst die Arbeit macht und der Markt ohnehin meist nur ‚One-size-fits-most‘ (^^?) und herzlich wenig praktische Ideen hat. Dies aendert – bei mir zumindest – oefter (und auf gar vielen Gebieten) gaenzlich deren eigentlich Idee von „eine schnelle Muenze machen“ um und setzt ein gehoeriges „K“ (= auch f. Konsum-Verweigerung, da nicht ausreichend tauglich) an diesen Satz-Anfang.

    Liebe Gruesse,
    G

    *kann dann ausgeknoepft werden und in entweder einem anderen Hut verwendet werden oder eben im huebsch/anders Gefuetterten ‚inside-out‘ auch verwendet werden.

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    1. Das wird dann die Tropenhelmvariante…Grundsätzlich geht es auch ohne Futter- ich habe einfach Spass daran, einem Hut ein attraktives Innenfutter zu geben. Die Größe ließe sich sehr leicht variieren, man könnte sicher auch Ösen oder dergleichen rein machen oder locker gewebtes Material am ganzen Hut oder an Segmenten verwenden oder Netz- ich habe vor allem meinem Spieltrieb freien Lauf gelassen. Deine Ideen wären noch eine Erweiterung technischer Art, ich habe übrigens noch einen zugeschnitten aus weißem Leinen…liebe Grüße, Silvia

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      1. “ …. attraktives Innenfutter …“

        …. hat auch noch weitere Vorzuege: hierzulande sind z.B. gerne die Huete fuer ‚Social Sportspeople‘ *(?) in der Kombination von ‚Weiss aussen und Gruen innen‘ benutzt. Das Weiss ist leicht selbsterklaerend (wenn man in Phys.&Chem. nicht gaenzlich geschlafen hat ), das Gruen der Krempen-Unterseite daempft den Blend-Effekt auf die Augen welches die Farbe Weiss** zusammen mit krasser Sonneneinstrahlung schon ziemlich intensiv bringen kann.

        Die Tropenhelm-Variante ist schon seeehr nuetzlich selbst bei ‚weniger Tropen‘ aber laengerem, aehem, ‚Zwangsaufenthalt‘ (genannt „Arbeit“) im Freien. Ich habe meinem Mann da schon mal ganz fix auf seinen Arbeitshut eines dieser leichten Kuechen-Wash/Wischtuecher mit dem Buero-Hefter montiert. Vorteil: es ging dies soooo schnell, dass er
        a) mit dem Protestieren nicht ausreichend schnell zu Zuge kam
        b) das protestierende RUNTERmontieren ihn in Umkehr laenger gedauert haette als den Nutzen davon einfach zu (er)tragen.
        … und guuut so war das: der Sonnenbrand an seinen Aermeln (^^) war nervig genug und im Genick waere ein Solcher wirklich eeenorm ‚anti-angenehm‘ gewesen!

        Der Luftzirkulations-Ring (Einsatz oder Fix-Einrichtung) ist bei mir bei Sommerhueten ein absolutes Muss an eigenem ‚Value-Add‘ Aufwand. Die ‚Halte-/Fixier-Linie‘ eines Hutes mit seiner dann stickigen, schweisstreibenden Hautnaehe bringt sonst gar manchem meiner Huete eine sehr schnelle neue ‚Job-Beschreibung‘: er wird zum Frisby = weg damit!
        Schweissbaender sind uebrigends nicht ausreichend fuer mich /bei mir: schnell(st) tropfnass und irgendwann unangenehm kalt.

        … und wenn wir schon von „praktisch“ reden: hierzulande wird fast ueberwiegend max. nur in ‚Der Stadt‘ Regenschirm*** getragen/benutzt (zumindest „versucht“; wegen meist gleichzeitig viel Wind).
        Ca. ’50m ausserhalb der/einer Stadtgrenze‘ arbeitet man meist lieber mit Hut (mit ‚Dachrinne‘!!!) oder man spielt heldenhaft „getaufte Ratte“ auf der Hetzjagd zu seinem Auto.

        Liebe Gruesse,
        G
        (Loesch‘ den Summs hier ruhig: ist lang und evtl. auch langweilig)

        * lustige Unterscheidung/Behauptung ? Gemeint sind hierbei ueberwiegend:
        – Rasen-Sportplatz-Bowling
        – Golfen
        – Line-dancing im Freien
        – Joga (usw.) im Freien (so Hut ‚an nagelbar‘ haltbar zu machen ;-) ?)

        **
        bei schoenem (sprich: echtem Gebrauchs-) Wetter kriegen diese allerdings sehr schnell sehr leicht ‚Sonnenbraeune‘ durch einen huebschen, einheitlichen Hauch des doch oftmals unsichtbar herumfliegenden roetlichen Staubes hierzulande. Wenn dann nicht mit Xtrem sauberen – vor allem trockenen – Fingern gehandhabt, kann man entsprechende ‚Press-Muster‘ nicht einmal mehr abschuetteln sondern ‚Die Waesche‘ ruft so man (s)eine „nice Fuss-Pot-Atitude‘ (s)einer einstigen Heimat beibehalten hat/will.
        Merke: ich bin (hochgradigst begeister ;-) !!!) KEIN ‚Auslaender‘; zumindest in diesem und ein paar andern Zusammenhaengen.

        ***
        Besuchende und auch den ‚tropischen Landesteil‘ hier einst tourende europ. Freunde brachten mir freudestrahlend einen SUUUPER-toll gemusterten Regenschirm mit zurueck. Die Dame davon war dann sehr schnell gut verwirrt ueber mein Zoegern beim Annehmen des Gastgeschenkes und erkundigte sich um den Grund. Ich erzaehlte ihr, dass ich sehr wohl weiss, WIE wertvoll/teuer diese Dinger sind, ich das arme Dingens jedoch kaum benutzen werde/kann, da sonst sofort als ‚Auslaender‘ oder Staedter‘ identifizierbar. Nachdem diese Freunde selbst einmal f. einige Monate hier gelebt haben, fiel ihnen aber erst durch meine Erklaerung diese ‚Landes-Eigenheit‘ auf. Wir einigten uns dann lieber auf: wird Jemanden in Europa die dortigen Regentage verhuebschern (und mir hierzulande weder die Haende behindern noch mich als Auslaender verraten; zumindest so lange ich den Mund dabei halte ;-) ;-) :-D ! )
        … und ich hasse „getauftes Ratten-Dasein“, vor allem im Winter!

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    1. Zu kaufen gibt es den nicht, aber nachkonstruieren kannst Du ihn: den Kopfteil einer Baseballmütze oder ähnliches (aus 6 gleichen Teilen) verwenden und eine gerade Krempe mit den beschriebenen Maßen ansetzen. Das mit den Falten ist Geschmackssache, im Original sind es sechs Falten, bei mir doppelt soviel. Liebe Grüße, Silvia

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