Tipps & Tricks fürs Karo vernähen

karo vernähen

Karostoffe gibt es in unendlichen, überraschenden und schönen Varianten. Kein Wunder,dass es immer wieder in der Mode auftaucht.

Modelle aus Zeitschriften

Auf dem Foto unten siehst du, wie verschieden Karomuster sein können. Was unterscheidet sie?

Tatsächlich gibt es „gute“ und „böse“ Karomuster, nein, natürlich nicht wirklich, aber ich nenne sie so. Eigentlich nennt man „böse“ Karos: einseitig ausgerichtete Karos.

„Gutes“ Karo ist ausbalanciert und in alle Richtungen fortlaufend gleich. Diese Stoffe sind zwar anspruchsvoll beim Zuschnitt, sorgen aber meist nicht für böse Überraschungen. Zum Einfachtest eine Ecke umschlagen. Kann das Muster fortlaufend gelegt werden, ist das Karo symmetrisch. Trotzdem kann es sein, dass die Karos- bedingt durch die Webart- nicht hundertprozentig gleichseitig sind, unbedingt kontrollieren. Hier ein paar Beispiele für „gutes“ Karo:

„Böses“ Karo ist asymmetrisch und manchmal erkennt man das nicht auf den ersten Blick.

Bei manchen Karos dominieren Längs- oder Querstreifen. Das Muster ist symmetrisch, du kannst eine Mitte finden.

Was solltest du beim Zuschnitt beachten:

Bei großen Karos darf das Muster nach dem Zusammennähen nicht „verrutscht“ aussehen. Beim Zuschneiden zuerst das Karo aufeinander stecken, danach die Mustermitte festlegen. Genau darauf achten, dass der Stoff nicht verzogen liegt. Gute Vorarbeit verhindert späteren Ärger. Die Mitte des Musters muss mit der Mitte des Schnittteils übereinstimmen! Schnittteile entsprechend auflegen. Der Stoff wird in der Mitte des Motivs zum Stoffbruch gefaltet, damit links und rechts die gleichen Karos erscheinen. Womit wir gleich bei den Herausforderungen sind. Bei symmetrischen Karos gibt es einen sogenannten Hauptstreifen (central stripe): das sind die Drehpunkte um die herum sich das Muster regelmäßig fortsetzt.

Und noch mehr als bei anderen Stoffen gilt es mit grösster Präzision zuzuschneiden. Je Präziser Zugeschnitten, desto „einfacher“ ist es dann beim Nähen. Wird eine Naht beim zusammenstecken trotzdem ein Stachelschwein durch die vielen Stecknadeln, vermutlich.

Dafür muss man nicht viel rummessen was den Fadenlauf. Der ist wunderbar im Webmuster sichtbar.

ACHTUNG: Ein „böses“ Karo hat keine so eindeutige Mitte und du musst selber überlegen, was du als Mitte annimmst. Hier macht es auch Sinn offen zuzuschneiden, da ja das Karo asymmetrisch ist und nicht aufeinander gesteckt werden kann. (Hilfreich ist es das ganze Vorder- oder Rückenteil auf Papier zu zeichnen. Dann kann man genau platzieren und ausrichten.)

asymmetrisches Karo: Oberteil gerades Karo, mit schrägem Karo an Ärmeln und Stehkragen, perfektes Pattern Matching vorne am Ärmel/Brustbereich und an der vorderen Mitte des Stehkragens

Seitennähte: Seitlich wird das Muster wegen der Brustabnäher an der unteren Saumkante angepasst (vorausgesetzt Vorder- und Rückenteil sind gleich lang). Unterhalb des Brustabnähers sollte das Karo seitlich auf einer Höhe weiterlaufen. Bei Hosen ist das auch vorne im Schritt und hinten am Gesäß wesentlich. Da Schnittteile selten ganz gerade sind, weil sie sich den Rundungen des Körpers anpassen müssen, kommt es in der Senkrechten zu Musterabschneidungen, die Querlinien des Karo sollten aber übereinstimmen.

Knopfleiste/Reißverschluss: Auch über die Knopfleiste läuft das Karo in einer Höhe gleichmäßig weiter. Links und rechts von der Knopfleiste muss das Muster identisch sein (bei symetrischen Karos).

Ärmel: Bei einem Oberteil mit Ärmeln musst du dir überlegen, wo das Karo am Ärmel weiterlaufen soll. Am Vorderteil und am Ärmel einen markanten Punkt suchen, an dem du das Muster weiterlaufen lassen möchtest (üblicherweise an der Armausschnittlinie). Vielleicht gefiele es dir besser, wenn das Karo höher über die Schulter läuft? Da ist ein bißchen Überlegung und individuelle Planung notwendig, da der Schnitt und die Karogröße ausschlaggebend sind. Auch die Schulternähte im Auge behalten. Manche Karos wirken recht stark im Hell/Dunkelkontrast, andere sind unruhiger…Eine Möglichkeit ist den Ärmel im diagonalen Fadenlauf zu nähen.

ACHTUNG: Es kann sein, dass- durch die Schnittformen- es nicht möglich ist überall Pattern Matching zu haben. So muss man entscheiden welche Nähte einem wichtiger sind. Seitennaht oder Schulternaht, fortlaufendes Karo über den Ärmel oder nur fortlaufendes Karo am Ärmel vorne und dafür ein fortlaufendes Karo an der Seite?

Manschette: Rechte und Linke müssen gleich sein. Auch hier gilt: die optische Wirkung kann stark variieren. Es ist sinnvoll Musterstreifen an den Ärmel zu halten um die Wirkung zu testen: gerade, quer, heller oder dunkler….

Kragen und Abschlüsse: Wie sieht der Kragen vorne aus? Wie aber an der hinteren Mitte? Auch bei diesem Punkt lohnt sich sorgfältiges Probieren und Überlegen.

Saumabschluss: Hell oder Dunkel? Feine Linien oder das große flächige Karo? Je nach Karo wird die Entscheidung unterschiedlich ausfallen…

Bauernkaro, am Halsabschluss diagonal

Gerader oder schräger Fadenlauf: Eine schöne Gestaltungsmöglichkeit ergibt sich in der Kombination von Karo im geraden und schrägen Fadenlauf. Sehr reizvoll z.B. an Knopfleisten, Paspeln, Manschetten, Sattel oder Seitenteilen, aufgesetzten Taschen und Taschenklappen. Auch ein Ensemble in geraden (Oberteil) und schrägem Fadenlauf (Rock) wie bei Sabines Kostüm im Stil der 60ger-Jahre ist äußerst attraktiv.

ACHTUNG: Bei Schnittmustern, die im schrägen Fadenlauf zugeschnitten werden, ist wieder einmal das böse „asymmetrische“ Karo tückisch. Aufgrund der Asymmetrie verläuft das Karo nicht im 45 Grad Winkel über eine Achse, sondern es kippt je nach Musterart optisch ein bißchen in die eine oder andere Richtung. Also unbedingt beim Zuschnitt die Optik berücksichtigen.

Oberteil gerades Karo und Rock diagonales Karo

Beim Dirndlleib aus Karo werden bei Wiener Nähten die Seiten im schrägen Fadenlauf geschnitten.

Bei angeschnittenen Ärmeln oder Kragen, wie an Silvias Jacke unten, ensteht ebenfalls ein starker Effekt. Man sollte das aber bei der Planung berücksichtigen.

Kwik 3462 Karojacke
angeschnittener Kragen, Saumabschluss an Ärmel und Jacke unterschiedlich

Welche Schnitte eignen sich gut:

Karo können sehr reizvoll eingesetzt werden. Allerdings verbraucht man dabei oft mehr Stoff, besonders bei großen Karos, und sollte sich beim Auflegen Zeit lassen. Ein Schnitt aus zu vielen Einzelteilen ist für erste Versuche nicht empfehlenswert. Dabei verliert man leicht den Überblick.

Vorsicht bei Volants, Tellerröcken und Hutkrempen, das Karo erscheint durch die Kreisform des Schnitts mal gerade mal schräg, das kann möglicherweise seltsam wirken. Daher vorher genau Überlegen.


Fazit: Zusammen gefasst, gut verarbeitetes Karo ist eine Augenweide, dafür ist der Weg dorthin eine Herausforderung. Es lohnt sich aber auch. Darum die Empfehlung, symmetrisches Karo und kein zu flutschiger Stoff und keine 30 Schnittteile.


6 Gedanken zu “Tipps & Tricks fürs Karo vernähen

  1. Bewunderndes „Haaaach&Huuuuch“: bei mir heisst Du ab jetzt noch zusaetzlich „Frau Doktor Karo“ aufgrund der hier gelieferten ‚entkarierten Doktor-Arbeit‘ !

    Ich koennte mir bestens vorstellen, dass gar manche naehend-kreative Person Dir geistig dankbarst um den Hals fallen wird fuer DIEse Deine Erklaerung(en) !!!

    Und: Boy oh Boy, das Ergebnis der Sorgfaltsarbeit bei den von Euch gezeigten Kleidungsstuecken ist wirklich eine Augenweide!

    Liebe Gruesse und besten Dank
    G

    PS:
    Stelle Dir mal ruhig das tolle Bild einer begeisterten Hut-Traegerin vor, welche sich hier gerade geistig aaaalle ihre Huete bewundernd sich vom Kopf reisst!
    … und die Aufraeum-Arbeit hinterher – wenn ‚Die Tat‘ in Realitaet ausgefuehrt – waere echt ‚beschaeftigend‘ (sehr!) aufgrund von Menge! ;-) :-D

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  2. Hey Sabine, schön mal wieder von Dir zu lesen. Das ist ein tolles Kostüm, dass Dir prima steht! Ich schneide Karo fast immer einlagig zu… Herzlichen Dank für den informativen Post. Liebe Grüße Manuela

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    1. Ja mich gibt’s noch. Ich Nähe auch noch, nur deutlich weniger und auch mehr nach Bedarf weniger, darauf hätte ich gerade Lust, einfach so.
      Das Karo Kostüm stammt aus meinen Nähanfängen und ist inzwischen weitergewandert. Es sass irgendwann etwas eng und nun ja Bleistiftrock und ich…
      LG Sabine

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  3. Oh ja, Karo, ich liebe und ich hasse es. Ich verbringe jedes mal Stunden damit, auf dem Fußboden (aka Zuschneidetisch) herumzurutschen und das Karomuster auszurichten. Und jedes mal schwöre ich, dass es das letzte Mal sein wird! Ich werde natürlich immer wieder schwach :-) Geht es Euch auch so, dass ihr heimlich Leuten mit RTW-Karokleidung hinterherschaut, um zu gucken, ob die Karos gut ausgerichtet sind? Liebe Grüße, Anne Sophie

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