Stoffspielereien: Posamenten

Als junges Mädchen hatte ich mich in einen Tellerrock mit drei Borten als Zierde am Saum verliebt. Meine Mutter nähte mir den Rock tatsächlich. Sie saß alleine drei Stunden beim Festnähen der Borten- von Hand versteht sich. Der Rock war rot, die Borten elegante, gewebte (und vermutlich teure) Posamenten in rot und weiß. Zusammen mit einer Rüschenbluse war das mein Festtagsgewand. Irgendwann erhielt ich sämtliche Posamentenreste von meiner Mutter und erwarb noch einige mehr… Meine Sammlung ist immer noch recht stattlich und bei vielen habe ich überhaupt keine Idee, was ich damit tun könnte…So betrachtet, kam mir dieses Thema gerade recht. Aber, ich gebe zu, mein Einfallsreichtum hielt sich in Grenzen.

Zuerst habe ich fast alle Borten und Kordeln herausgelegt und ein wenig herumgespielt.

Etwas angeschlagen auf dem Sofa liegend, bekamen meine Gedanken eine neue Richtung: Borten an der Innenseite von Kleidung, genau gesagt der dekorative Einsatz von Borten als Necktape. Extravaganz auf den zweiten Blick sozusagen. Bei etwas aufwendiger gearbeiteter, gekaufter Kleidung findet man das Necktape am rückwertigen Halsausschnitt, so sieht die Ware auch am Bügel hängend sehr schön aus. Das größte Ziel des Hobbyschneiders ist ja bekanntermaßen, dass seine Produkte wie gekauft aussehen. Also werden selbstgemachte Arbeiten gerne mit Pseudolabels versehen, sozusagen als letzter Schliff.

Bei der Gelegenheit muss ich schnell eine Episode erzählen, die mir kürzlich auf einem Flohmarkt passierte: Ich hatte schon ein paar kleine Sachen aus umwerfend schaurigschönen Baumwollprints in der Hand und einen tollen Ballenrest englischen Wollstoffes (vermutlich von einem Schneider), als mich eine der Verkäuferinnen ansprach, ob ich Stoffe suchte. Nachdem ich bejaht hatte, meinte sie: „Das, was Sie da anhaben, schaut so selbstgemacht ähh… Chic aus.“

Also zurück zum Necktape. Das Necktape ist eine dekorative Möglichkeit, eine sonst im Nacken sichtbare Halsblendennahtzugabe zu verdecken. Die Voraussetzung ist natürlich, dass das genähte Stück eine angesetzte Halsblende hat, bei T-Shirts, Jersey- oder Strickoberteilen ist das häufig der Fall. Schmale Borten aus Baumwolle eignen sich hervorragend, auch Spitzen kann man verwenden. Wichtig ist, dass das gewählte Band schön weich ist und nicht kratzt. Schließlich trägt man es im Nacken- und die Haut am Hals ist sehr empfindlich. Natürlich kann man ein Necktape auch aus rein dekorativen Gründen festnähen. Jedenfalls ist es eine gute Möglichkeit kurze Bortenreste zu verwenden und dem Kleidungsstück eine zusätzliche besondere Note zu geben. Überraschend ist, welch unterschiedliche Wirkung man erreichen kann:

Die Weichheit der Borte war in meinem Fall nicht das Entscheidende: der Stoff kratzt dermaßen, dass man ohnedies einen Rollkragenpullover oder eine Bluse mit Kragen darunter tragen muss. Trotzdem fiel mir die Entscheidung schwer. Schließlich entschied ich mich für diese Borte:

Wie näht man ein Necktape? Zuerst die passende Länge ermitteln, etwa die rückwertig Halslochweite mit Nahtzugabe (ca.3-4cm). Jetzt muss das Necktape in gerundete Form gebracht werden mithilfe von Dampf und Kraft. Diesen Vorgang nennt man Dressieren. Dazu legt man das Band auf das Bügelbrett und dehnt mit dem Dampfbügeleisen die Außenkante bzw hält die Innenkante ein. Also Bügeleisen fest draufsetzen und ziehen und runden… Bei Baumwollbändern funktioniert das erstaunlich gut.

Danach die Borte feststecken und annähen, fertig ist das Teil. Ich habe die Borte mit der Maschine angenäht, beginnend an einer schmalen Kante, dann die obere, enger gekurvte Kante, dann den Rest. Zum Abschluss nochmals bügeln.


Sabine hat vor ein paar Jahren sich an Posamentenknöpfe, diese sind ein wohlbehüteter Schatz in meinem Knopfschrank.

Heute sind wir zu Gast bei Gabi von made with Blümchen und dem Thema „Posamente“. Für die nächsten Stoffspielereien möchten wir Euch jetzt schon herzlich einladen, hier bei uns, dem Blog Petersilie & Co, mit dem Thema „Ornament“. Wir freuen uns auf Eure Beiträge!

ZU DEN STOFFSPIELEREIEN

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Die Stoffspielerei-Termine 2022:

  • 27.11.2022: „Ornament“ bei uns
  • Dezember: Winterpause


19 Gedanken zu “Stoffspielereien: Posamenten

  1. Ja, ja das Necktape (seufz).
    Ich muss gerade meinem Mann erklaeren/EINreden, dass so’n Dingens evtl. eine rettungstechnische Loesung fuer (s)ein im Kragen innen abgewetztes Lieblings-Leinenhemd sein koennte.
    … meinen Anti-Farben-Fan kennend, habe ich das dafuer in Frage kommende weisse BW-Webband schon mal div.’s Male, aehem, im Kochtopf ‚geruehrt, gekocht und sonstwie intensiv-geschrumpft‘.
    Ich verdaechtige, dass durch die krasse Vorbehandlung ‚DIEses/Das Necktape‘ selbst evtl. ein ‚Rettungs-Necktape‘ brauchen wird. D.h., ‚Madame Mitunter-sehr-Skeptisch‘ wird darum vorsichtshalber keine ‚must-be-strong-for-eternity‘-Naeh-Aktivitaet dafuer anwenden sondern f. eine leichtere ‚Rettungs-Chance der Rettung‘ opten.

    Uebrigends: kuerzere Baendchen-/Schnur-Stuecke arbeite ich immer gerne in meine Blusen in den Kragen zum ‚Finger-Hakeln‘ wenn die Bluse als Jacke arbeiten muss aber dann selbst ‚etwas zu viel‘ Klamotte (= ausgezogen, da zu heiss) ist und irgendwann am Finger haengend ueber der Schulter getragen wird: Wetter eben und dies mit gleich mehreren ‚Jahreszeiten‘ an einem Tag \../.

    Die Knoepfe von Sabine sind uebrigends sehr nett. Jedoch muss ich noch heute lachen, als vor Jahren eine Dame beim damaligen Me-made-Mittwoch ganz beherzt einen groessen, Stoffbezogenen sich selbst kreierte, indem sie kurzerhand die Plastik-Verschluss-Kappe einer Saftflasche, aehem, ‚passend bekleidete‘. Ich glaube, es war dies einst ‚Frau Nahtzugabe‘, welche ich da noch immer kichernd bewundernd im Kopf habe (= aber mein Kopf wird langsam ‚kaesiger‘, sprich loechriger mit seinem einstigen elefantoeserem Gedaechtnis /..\ )

    Zum „… schaut so selbstgemacht ähh… Chic aus.“
    Ich darf Dir sagen, dass gar manche Herren (!) dies mitunter aus gaaanz anderen Gruenden feststellen OHNE es evtl. lt. zu Worte zu bringen: u.a. sind ‚derlei‘ Menschen (= naehende Herren gibt’s schliesslich auch!) eben haeufigst viel weniger ’08/15′ gekleidet. Wenn ich mich selbst und meinen ueberdimensionalen ‚Zelt-Tick‘ mal abrechne, dann sehen diese Menschen haeufigst auch passformgerechter gekleidet aus als der Durchschnitt?

    Liebe Gruesse und wohl noch eine grosse Portion „gesundheitliche Besserung“ (?),
    G

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    1. Gut, dass Du es erwähnst: Das Necktape im Hemd sieht man auch immer wieder, sieht auch cool aus… liebe Grüße, Silvia-übrigens das mit dem Bändchen, als Aufhänger bei Blusen finde ich auch prima

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  2. Die unterschiedliche Wirkung der verschiedenen Bänder ist wirklich verblüffend, es gibt dem Pullover jeweils einen ganz eigenen Charakter. Ich kann solche „Necktapes“ nicht tragen, ich bin da sehr empfindlich, aber wenn der Pulli sowieso kratzt – ein netter Hingucker! Danke fürs Mitmachen! Liebe Grüße, Gabi

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  3. Ein toller Bortenvorrat! Ist es nicht wunderbar, ab und zu darin zu wühlen und sich an der Vielfalt zu erfreuen? Was braucht es da noch praktische Verwendungszwecke. Wobei so ein Necktape im Ausschnitt schon was hermacht.
    Die Posamentenknöpfe von Sabine sind toll, hab ich schon oft bewundert.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  4. Diese „Halsbänder“ geben Strickpullis auch zusätzlichen Halt und Verstärkung. Ich finde sie schick. Es gibt tatsächlich noch gut gewebte, nicht kratzende Bänder, nicht solche mit einem durch Hitze verklebten Rand. Man muss sie allerdings suchen, da gebe ich dir recht. Eine feine Anregung für mein nächstes Strickprojekt. Liebe Grüße, Elvira

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  5. Eine gute Idee, diese schmalen Borten als Necktape zu verwenden! Danke für den Tipp, die Borte zu dressieren – wenn man kleine Fältchen legen würde, könnten diese eventuell kratzen – aber so …. Und das Thema mit dem Eindruck, etwas könnte selbst genäht aussehen: manchmal ist solch ein Kommentar auch als Kompliment gedacht. Wurde mir zumindest versichert, als ich eine solche Bemerkung mit fragendem Blick beantwortete. Anders herum glauben die Mitschülerinnen meiner Tochter ihr manchmal nicht, ihre Shirts wären selbstgenäht … Man hat es echt nicht einfach ;-) Liebe Grüße!

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  6. Eine schöne Idee Borten als Necktape zu verwenden. Ich habe von meiner Schwiegermutter einen Haufen alter Borten geerbt, alle reine BW, die kratzen vielleicht nicht. Das werde ich auf jeden Fall ausprobieren. LG Gabi

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  7. Sieht auf dem Bügel einfach gut aus. Mich zu entscheiden, wäre mir auch schwer gefallen. Direkt auf der Haut ein Kratzproblem, aber mit dem Dressieren gut gelöst. Ich sehe mit Vergnügen, dass wir alle herrlich reichhaltige Materialpools haben.
    Vuiele Grüße, karen

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  8. Wie schön deine necktapes sind! Als Bandweberin war ich sofort hellhörig. Das MUSS ich bald ausprobieren. danke!
    LG, Beate

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  9. Gut dass die Themen der Stoffspielerei uns manchmal abtauchen lassen in den Bestand zur Inventur. Da sind ja bei Dir Sachen mit emotionalem Wert dabei.
    Dein Bänderbild Ton in Ton finde ich sehr gelungen.
    Manchmal kann auch ich nicht anders und muss praktisch. Deine Verwendung als Blende ist auch edel und gefällt mir.
    LG Ute

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  10. Deine Bortensammlung ist sehr beeindruckend, Ideen zur Verwendung werden noch kommen, wenn man an etwas ganz anderes den,t.
    Ein necktape habe ich noch nie genäht, der Ausdruck ist mir kaum geläufig. Ich nähe Kragen immer mit gedoppeltem Steg an, der Kragen wird dazwischen gefasst. Ich glaube, eine Borte würde mich stören. Deine Beispiele sehen hübsch aus, und die Knöpfe bewunderte ich schon, als wir sie zum erstenmal sehen durften.
    Danke für die schönen Beispiele,
    Liebe Grüße
    Tyche

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