Mein Neujahrs Dirndl oder die Sache mit dem Hansel

Dirndl Leinen jeans

Während unseres kurzen Wintereinbruchs mit Schnee und Eis, langen Abenden und der vorweihnachtlichen Dunkelheit habe ich wieder einmal meine Dirndlliebe entdeckt. Eigentlich hatte ich endlich, als ich beim Ordnungmachen darüberstolperte, ein fast vollendetes Sommerdirndl fertiggestellt. Der neu ergänzte Rock musste festgenäht und gesäumt werden, genauso fehlten der Schürze ein paar Kleinigkeiten. Dieses Dirndl, besser der Leib stammte noch aus unserem Hack My Dirndl-Projekt, unserer Zusammenarbeit mit CoBranda. Den ganzen Herbst spielte ich immer wieder mal mit dem Gedanken nach München zu fahren um weitere Secondhand-Dirndlschätze zu erwerben, aber irgendwie waren die Umstände gegen mich.

Momentan ist auch nicht der ideale Zeitpunkt für Vergnügungsfahrten, also war es naheliegend das eigene Stoffdepot zu begutachten. Da gibt es einige schöne Stoffe. Schweres Leinen vor allem, von meinen Eltern, das ich schon oft hin- und hergedreht, herausgenommen und wieder weggräumt hatte. Nie kam ich zu einer Entscheidung. Aber jetzt! Als ich ein sehr interessant gemustertes Stück Jeans (wieder) sah, zuwenig für eine Jacke, aber genug für einen Dirndlleib, war die Sache entschieden. Ein grün-schwarzes Fischgratleinen sollte dazu der Rock werden.

Für den Leib verwendete ich den Grundschnitt aus dem Buch Trachten aus und rund um Wien. Das ist ein reiner Grundschnitt, an dem man die Ausschnittform selber ausgestaltet. Genau das macht die Sache sehr interessant. Ich habe den Ausschnitt, wie im Buch von den Autorinnen Christl Schöffer und Hannelore Rosenberger vorgeschlagen, erst nach der ersten Anprobe gestaltet. Da kann man den Ausschnitt weniger offenherzig oder mehr machen, kantig, rund oder sogar hochgeschlossen, eventuell auch mit Stehkragen. Da es Winter ist und beide Stoffe schwer sind, ist der Ausschnitt nicht allzu groß. Die Kanten von Arm- und Halsausschnitt sind mit Paspeln versäubert.

Einen Dirndlrock kann man in Falten legen oder stifteln. Das Stifteln funktioniert gut, wenn der Verschluss vorne in der Mitte ist. Bei einem Seiten- oder Rückenverschluss ist man mit gelegten Falten auf jeden Fall besser dran.

Mein Rockleinen habe ich mit dem Hansel- oder Stiftelband gezogen. Dieses Band ist eine tolle Erfindung. Genaugenommen ist es ein grauer oder weißer Stoffstreifen mit eingewebtem Karomuster. Zuerst muss man den Hansel endeln und mit Heftfaden an den Rock nähen. Je nach Lust und Ausdauer kann man 7,8 oder auch mehr (oder weniger Reihen) mit Vorstichen exakt dem „vorgezeichneten“ Webmuster stifteln, Nährichtung ist von rechts nach links (für Rechtshänder).

Der Faden zum Stiftel muss möglichst reißfest sein, zum Beispiel farblich passendes Knopflochgarn. Ich greife auch auf Stickgarn zurück, falls die Farben besser passen. Wichtig ist: ca 1/4 der Taille wird nicht gestiftelt. Anders gesagt der vordere Teil, also 40 cm links und 40 cm rechst von der vorderen Mitte bleiben voerst glatt. Hier werden je zwei tiefe Falten gelegt, in denen das Ende des Gestiftelten verborgen wird und auch der Kittelsack, die Tasche, wenn man eine machen möchte. Dieser Bereich wird eigentlich immer von der Schürze abgedeckt. Mit dieser Verarbeitung erhält man erstens einen schönen Abschluss von dem gestiftelten Teil, zweitens spart man Stoff und drittens der Rock tragt am Bauch nicht zu sehr auf.

Der braune Rock unten war eigentlich als sehr weiter Trachtenrock geplant und durchgehend gestiftelt. Erst viel später entschied ich ein Dirndl daraus zu machen, mehr dazu hier (Novemberdirndl). Ich hatte einen Teil des Gestiftelten aufgetrennt, den Hansel abgeschnitten und trotzdem Mühe, die ganze Stoffweite unterzubringen.

Beim Stifteln kann man kann mehrere Nähte gleichzeitig arbeiten. Dadurch benötigt man nicht so lange Fäden, weil man die Anfangsteile schon zusammenziehen kann. Genausogut kann man jede Reihe einzeln fertignähen und, nachdem man später die Fäden gekürzt hat, die Fadenreste zum Annähen der Knöpfe bzw für handgenähte Knopflöcher verwenden.

Mein Beispiel unten zeigt ein typisches Anfängerproblem: die Fäden schon abgeschnitten und verknüpft bevor man noch wusste wie die endgültige Weite sein wird. Außerdem habe ich keine Falte darübergelegt. Das sieht dann leider sehr unschön aus. Ich habe das Dirndl trotzdem häufig getragen, mittlerweile ist es zu eng und ich werde einen neuen Leib dazu schneidern. Dabei kann ich gleich das Problem mit dem Stiftelende lösen.

Nachdem alle Reihen gestiftelt sind, den Rock zusammenziehen, dabei unbedingt leicht auffächern, damit sich der Rock den weiblichen Rundungen anschmiegt! Auf gar keinen Fall die Fäden gleich kurz abschneiden. Sie werden erst wenn der Rock die passende Weite hat etwas gekürzt und miteinander verknotet (zwei und zwei) oder man kann Zöpfchen flechten und diese festnähen oder auch hängenlassen. So lässt sich der Rock immer wieder anpassen.

Natürlich könnte man auch die Schürze mit dem Hansel stifteln. Meine beiden Schürzen sind mit der Maschine gezogen.


Fazit: Ich werde immer wieder auf’s Dirndlnähen süchtig …

Material: Rock: Leinen in Fischgrat grün/schwarz von der Weberei Vieböck Helfenberg (von meinen Eltern vor langer Zeit erworben), Oberteil: Jeansrest aus dem Schrank, Schürzen: karierter Baumwollebatist, ein Rest von Oma, und Kunstseide neu gekauft bei myTEX

Schnitt: Trachten aus und rund um Wien von Christl Schöffer und Hannelore Rosenberger, erschienen 1985 im Verlag Leopold Stocker

Verlinkt zum MMM

Kater Monet

13 Gedanken zu “Mein Neujahrs Dirndl oder die Sache mit dem Hansel

  1. Kicher: da ‚dirndld‘ sich wohl was in der Familien-Ader ;-) :-D :-D ?
    Schoene ‚Erwachsenen-Winter-Farben‘ welche Du da zusammenkombiniert hast.
    Danke f. die Erklaerung UND Bebilderung eines ‚Rock-Uebels‘: das NICHT-Kraeuseln und/aber Verstecken von Kraeusel-Enden finde ich begeisternd; danke vielmals. Auch wenn diese Idee evtl. fuer mich gaaaanz woanders zur Anwendung kommt: erst wenn man sie kennt/kann, d.h., diesen Trick weiss, kann er hilfreich im Leben sein !
    Darum: danke, da ich selbst als Recycling-Naeherin bisher ueber noch kein ’sooo wertvoll verarbeitetes‘ Dirndl gestolpert bin um DIEsen Trick beim Zerlegen/Begutachten zu lernen (und man lernt so Einiges beim Zerlegen/Umarbeiten von Bekleidungsstuecken!!!).

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    1. Man sieht diese Technik manchmal auch bei Blusen oder Jacken. Und ich gebe dir ganz recht: beim Zerlegen von Kleidung lernt man eine Menge. Schön, dass du eine Recycling-Näherin bist, denn das ist etwas wofür ich mich immer wieder begeistere. Ich arbeite so gerne aus dem Material heraus und wenn’knifflig wird ist es am spannendsten…Liebe Grüße, Silvia

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  2. Das Dirndl sieht klasse aus. Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung, ich bin tief beeindruckt von dieser Verarbeitung. Ein toller Einblick in Handarbeitstechniken und die viele Fleißarbeit, die in einem Dirndl steckt.
    Danke!
    LG Miriam

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  3. Wow, was für ein interessanter Post. Von dieser Technik habe ich noch nie gelesen. Danke für die vielen Detailbilder. Das Dirndl sieht wunderschön aus. Liebe Grüße Birgit

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  4. Wundervoll ist das Kleid und die Fotos so stimmungsvoll dazu. Große Klasse wie schön das Dirndl gearbeitet ist – da braucht es schon Geduld und Liebe zum Detail. LG und ein fröhliches Nähjahr 2022! Kuestensocke

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    1. Manchmal bin ich recht hektisch beim Nähen, ich denke jeder von uns kennt das- man kann es gar nicht erwarten, bis man fertig ist. Aber gerade bei dem Dirndl habe ich das Handarbeiten wieder sehr genossen. Liebe Grüße und ein schönes Jahr 2022, Silvia

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    1. Jein, es ist immer noch Hobbynähen. Wenn der Dirndlleib passt, ist der Rest nicht mehr schwierig. Das schöne ist die unendliche Variationsmöglichkeit- das Spiel mit Farben und vielleicht auch mal nostalgischem Zierrat: Stickereien,Borten…wenn man das mag! Liebe Grüße , Silvia

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  5. Das Dirndl ist wirklich schön. Ich bin ganz neidisch, ich wollte mir auch immer ein Dirndl nähen, aber hier passt es beim besten Willen nicht her und ich käme mir verkleidet vor. Trotzdem danke für die ausführliche Beschreibung. Es ist sehr beeindruckend, so ein Dirndl ist ein echtes Stück Kunsthandwerk.
    Viele Grüße, Stefanie

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