November-Dirndl

Dirndl Leinen/ Samt, Schürze Baumwollprint( Karlotta Pink)

Mit dem Dirndlkleid ist das so eine Sache, da streiten sich Puristen und Fashionfans um die wahren (erlaubten) Möglichkeiten und Grenzen, erfinden es neu, suhlen sich im Alpenchic, stellen strenge Regeln auf, halten der Tradition unverbrüchlich die Treue und auch wieder nicht … Das Ganze erinnert mich ein bisschen an Erlebnisse auf einer Volksmusikwoche, die ich mit meinen Kindern einige Male besuchte – obwohl ich gar kein geeignetes Instrument spiele. Also das war so: Ich bin ein großer Skeptiker was die „echte“ Volksmusik betrifft (was ist schon echt?), dachte aber, ich könnte mich in der Hinsicht ja einmal ein wenig bilden. Ich habe tatsächlich viel gelernt – über die richtigen Tempi, habe den Jodler lieben gelernt, meinen Liedschatz erweitert, liebenswürdige Referenten kennen und schätzen gelernt und – das hat mich tatsächlich überrascht -, habe festgestellt, dass sie sich über sich selbst lustig machen können. Mit „sie“ meine ich alle Freaks, die man auf solchen Veranstaltungen findet.

Tracht oder trachtig war obligat, die Veranstalterin hatte eine ganze Kleiderstange Dirndl mit – wohl für jeden Tag eins. Mann trug Lederhose – es gab eine Menge strammer Männerwadeln zu sehen, Frau trug Dirndl, oder Artverwandtes, sogar die Kinder hopsten derartig gewandet durch die Gegend und – worüber bei den Erwachsenen nicht gesprochen wurde (zumindestens nicht laut) – unter den Kindern gab es schon Hinweise wie: das ist aber kein echtes Dirndl. (Wurde zu Sabines Dirndl gesagt, sie hat es mir vor kurzem erzählt.) Zu diesem Zeitpunkt besaß ich selber kein Dirndl (in das ich hineingepasst hätte) – nur ein Trachtenkleid aus Leinen (es war die Hochsaison der Trachtenkleider). Aber ich gebe zu: Es war ein schöner Anblick, wenn die vielen Mädels zum Kirchgang schritten – eine volksmusikalisch gestaltete Messe gehörte nämlich auch dazu …

Dirndl Leinen/ Samt, Schürze Baumwollprint( Karlotta Pink)

Nach dieser Woche war man jedenfalls leicht gehörgeschädigt, vor allem was Steirische Ziehharmonika und Akkordeon betrifft, die hörten nie auf zu spielen … Aber was ich eigentlich erzählen wollte: bei einem fachlichen Vortrag über das Volkslied oder Mehrstimmigkeit beim Volkslied (oder sowas ähnliches) fingen einige tatsächlich zu streiten an, ob beim Hiatamadl an einer Stelle die Terz hinauf oder hinunter gehen dürfe und ob das dann noch echt sei. Wie gesagt Tradition und Brauchtum sind eine ernste Sache. Andererseits ist gerade auch die Bereitschaft zum „Zurechtsingen und Spielen“ unter den Volksmusikanten sehr groß.

Dirndl Leinen/ Samt, Schürze Baumwollprint( Karlotta Pink)

Was die Tracht oder das Dirndlkleid betrifft, da heißt es dann: darf man einen Reißverschluß einnähen, müssen es Hafterl oder Knöpfe sein, müssen die Knopflöcher von Hand genäht sein, muss der Rock in feinen Stehfältchen liegen, ist ein Glockenrock erlaubt, darf der Unterrock hervorblitzen, wird die Schürze hinten oder vorne gebunden … Betrachtet man das alles entspannt: Es liegt ein ungeheurer Schatz an Ideen und Möglichkeiten darin verborgen. Ich selber finde die vielen Variationen und Spielarten, von kurz bis lang, in allen Farben schön, vorausgesetzt es passt zur Trägerin. Interessant sind auch historische Abhandlungen, Publikationen des Heimatwerks oder volkskundliche Stiche, aber genauso das, was die Mode und Designer damit machen und was die Frauen davon wählen und tragen.

Mein November-Dirndl ist dunkel und elegant, mit einem Samtleib und Leinenrock. Der Ausschnitt des Leibes ist sehr halsfern, wirkt fast biedermeierlich, aber gerade deshalb habe ich diesen Schnitt ausgesucht. Die Bluse, die ich auf den Fotos trage, ist nach einem Schemaschnitt, wie im Artikel blaue Blusen, nur ist der Ärmel ein bisschen gerafft und sie besitzt einen Irxenkern (hier eine genauere Beschreibung). Mir gefallen dunkle, festliche Dirndlkleider. Aber dunkle Farben kann ich nur bei Tageslicht nähen, deshalb dauert es immer. Mich haben schon verschiedene Dirndl begleitet, es hat irgendwie alles seine Zeit (und sein Ablaufdatum), aber eines steht fest: immer im Herbst kriege ich so einen trachtigen Anfall, vielleicht weil diese Kleidung bei uns so gut in diese Jahreszeit passt und durch die verwendeten Materialien und die guten Kombinationsmöglichkeiten sehr robust und strapazierfähig ist.

Verlinkt zu RUMS, Create in Austria, Freutag.


Fazit: Ich freue mich, dass ich wieder ein passendes Dirndl habe und werde es noch um zwei Schürzen erweitern – und auch Blusen.

Schnitt: Tiroler Dirndl Revue Sommer 1982, Mod. 3 Seewinkel Tracht

Stoff: Bluse und Rock: Leinen aus Österreich, Leib: Samt von einem alten Samtrock, Schürze: Indischer Kalamkari Stoff von Karlotta Pink, für dieses Projekt unentgeltlich zur Verfügung gestellt

Dirndl Leinen/ Samt, Schürze Baumwollprint( Karlotta Pink)

 


13 Gedanken zu “November-Dirndl

  1. Ein indischer Stoff für die Trachtenschürze, das gefällt mir ja 😀
    Ich mag Dirndl auch sehr gern und finde deins sehr gelungen. Leider wohne ich in keiner Dirndl-Region … ich finde es sehr schade, dass nur im Süden noch Tracht getragen wird.

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    1. Der Rock war schon von meiner Mutter in Stehfältchen gezogen- gedacht als Trachtenrock – jetzt nachdem ich ihn schon jahrelang im kasten herumgeschoben habe ,wurde endlich was hübsches draus- also waren mehrere an diesem Projekt beteiligt l.G. Silvia

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  2. Ich finde Dirndln passen immer, auch wenn ich (noch) keines habe. Ich habe zwar mal meiner Tochter eines genäht, aber für mich trau ich mich ‚drüber. Ich denke zur Firmung meiner Tochter, werden wir beiden uns einkleiden… mal sehen.
    Was mir and deinem Dirndl besonders gefällt ist die Mischung der Materialen.. also vom Urprung her… alter Samtrock… österreichisches Leinen.. .und indischer Kalamkari…
    Herrlich ist das
    LG Birgit

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    1. Auf jeden fall ein schönes Festkleid für die Firmung, das gefällt mir zum Beispiel am Salzkammergut sehr Tracht und Dirndl sind selbstverständliche Festkleidung- z. B. auch zur Maturafeier..Und die Materialmischung das hat etwas friedlich Völkerverbindendes. L.G. Silvia

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  3. Es steht dir hervorragend! Du bist unglaublich fesch in deinem Dirndl! Messe der Trachtenpolizei nciht zu viel Wert bei… Dirndl sind – wie alle Kleidungsstücke – Mode. Und über die lässt sich eben trefflich streiten. Ich trage auch sehr gerne Dirndln im Klassischen Sinn, finde viele Ausschnitte total vugär, „Vorhang“-Blusen lächerlich, nicht gezogene Röcke schiach… du siehst auch ich hab hier meien Maßstäbe. Aber na und – es ist Mode! Wenn das Kleidungsstück jamnd anders tragen will als ich… bitte! Gerade in der Volksmusik und Volkskleidung ist der Grat zwischen Bewahren und Stillstand ein ganz schmaler!
    Abscließend nochmals das Wesentliche: fesch bist damit!

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    1. Du hast meine volle Zustimmung. Und richtiggehend begeistert bin ich von deiner Formulierung vom Grad zwischen bewahren und Stillstand- es ist genau das was ich denke! Schade , dass mir diese Formulierung nicht einfiel- aber dein Kommentar ergänzt es ja nun. L.G. Silvia

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  4. Vielen Dank für den amüsanten Ausflug in die Volksmusikszene. Die Diskussion über das was Original ist und was nicht, hält die Tradition ja auch am Leben und ich denke, selbst Traditionen sind nie starr – auch wenn wir das meinen. Sie entwickeln sich über die Zeit weiter und so finde ich gerade die Schürze aus einem indischen Stoff besonders schmückend und das Dirndl sowieso. So würde ich ein Dirndl auch tragen wollen. Liebe Grüße, Ingrid

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  5. Vielen Dank für den amüsanten Ausflug in die Volksmusikszene. Die Diskussion über das was Original ist und was nicht, hält die Tradition ja auch am Leben und ich denke, selbst Traditionen sind nie starr – auch wenn wir das meinen. Sie entwickeln sich über die Zeit weiter und so finde ich gerade die Schürze aus einem indischen Stoff besonders schmückend und das Dirndl sowieso. So würde ich ein Dirndl auch tragen wollen. Liebe Grüße, Ingrid

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