Fashion-Revolution-Day: Eine Upcycling-Jacke

Die Modewelt glitzert und winkt verführerisch, aber dahinter stecken Verhältnisse, die sehr denen von österreichischen/europäischen Fabriksarbeiterinnen um 1890 ähneln. Und – vielleicht ist gerade jetzt ein guter Zeitpunkt um über Fairness und Globalisierung am Arbeitsmarkt nachzudenken. In der Aktionswoche des Fashion Revolution Day (24. April), dem Gedenktag an das Unglück des Einsturzes einer Textilfabrik in Bangladesh, soll vor allem die Frage gestellt werden: Wer macht meine Kleidung? Noch viel wichtiger ist wohl die Ergänzung: Wie? Unter welchen Umständen? Zu welchen Bedingungen?

Ich stelle den Artikel Das dreckige Geschäft von Noemi Schwaller aus der textilrevue 17. September 2019 einem Sitzungsprotokoll der „Ethischen Gesellschaft“ vom 4. März 1896 gegenüber.

  • Noemi Schwaller setzt sich in ihrem Artikel mit der Problematik konventioneller Jeansherstellung auseinander. (Zitate kursiv)
  • Die „Ethische Gesellschaft“ in Wien regte 1895 an, das Leben der Arbeiter zum Gegenstand einer Enquete zu machen. Hier erzählen Frauen von ihrer Tätigkeit in der Metallverarbeitung. Die Auszüge stammen von einem Bericht (Sitzungsprotokoll 4.3.1896) einer Glänzerin nach 12-jähriger Tätigkeit in der Fabrik. In dieser wurden Kirchenleuchter, Kirchenluster, Teeservices, Suppen- und Kaffeschalen usw erzeugt. Sie begann mit 12 Jahren dort zu arbeiten. (Zitate blau)

Wir hatten eine Fabriksordnung, diese war aber hübsch oben aufgehängt, sodass man sie nicht lesen konnte (…) Es ist in dieser Fabrik so: Wenn man sich nicht mit jedem abgibt und an sich heranläßt, so wird man beschimpft. Weil ich mich mit einem Arbeiter nicht abgegeben habe, so hat er mich beschimpft und bei den Haaren gepackt. Darauf bin ich zum Herrn gegangen, und dieser sagte: ,Ihr kriegt’s halt jedes 50 Kreuzer Strafe, und wenn euch das nicht recht ist, könnt ihr gehen.‘

… Eine zweijährige Untersuchung des US-amerikanischen Worker rights Consortium über sexuelle Belästigung in Bekleidungsfabriken im afrikanischen Lesotho zeigte zudem, dass Frauen, die Jeans für amerikanische Marken wie Levi’s, Wrangler und Lee produzieren, routinemäßig zu Sex mit ihren Vorgesetzten gezwungen werden. Viele halten sich weitgehend daran, um ihren Arbeitsplatz zu behalten ...

Zur Frühstücks- und Jausenpause konnte man sich nicht waschen, man musste die schwarzen Hände in Sägespänen abwischen. Das Frühstück besteht aus Brot und mitgebrachten Kaffe, der nur im Winter gewärmt werden kann. Man ist gegen den Ruß und Staub nur auf dem Kopf durch ein Tuch geschützt. Gesicht und Hände sind ganz schwarz. (…) In dem Arbeitslokale ist die Luft mit lauter Staub erfüllt…

Fakt ist : Rund 8000 Liter Wasser werden bei der konventionellen Produktion einer Jeans verbraucht, und fast 2 Kilogramm Chemikalien kommen dabei im Durchschnitt zum Einsatz. 1,8 Milliarden Jeans werden jährlich weltweit hergestellt, davon aber nur 1 Prozent umwelt- und sozialverträglich. Nicht zu vergessen die Auswirkungen auf die Menschen, die diese herstellen.(…) Es stinkt und ständig ändert sich die Farbe des Wassers. Mit ungefähr dreißig Jahren werden Fabrikarbeitende in der Jeansindustrie arbeitsunfähig. Viele sterben an den Folgen einer Staublunge: Beim sogenannten Sandblasting zum Aufhellen der Jeans lagern sich Partikel in der Lunge ab.


Es liegen über hundert Jahre zwischen den beiden Berichten. Schockierend ist einfach wie sehr sich die Verhältnisse gleichen. Dabei brauchen wir nicht so zu tun als ginge uns das, was in Asien, Afrika oder Indien passiert nichts an. Auch wenn unsere Gewässer sauber sind, die meisten Arbeitsverhältnisse fair, wir, als Verbrauchende, müssen uns darüber im klaren sein, dass Umweltverschmutzung und Ausbeutung nicht gestoppt, sondern nur verlagert wurde. Ressourcenschonende Materialgewinnung, Nachhaltigkeit und Transparenz werden zwar für viele Produzenten wichtiger, aber vieles (z.B. Textilrecycling) steckt noch in den Kinderschuhen. Die Nachfrage der Endverbrauchenden nach nachhaltigen Produkten könnte der eigentliche Wendepunkt sein. Das heißt: mit jedem Kauf entscheiden wir höchstpersönlich mit über Umwelt- und Lebensqualität.

Ich wollte unbedingt Upcycling mit alten Jeans machen, dafür habe ich momentan als Material meine sich auflösende Lieblingsjeans. Sie war als Hose nicht mehr zu retten. Daher entschied ich mich sie komplett aufzutrennen und mit Shweshwestoff aus Südafrika als Ergänzung etwas neues daraus zu schaffen.

Zuerst habe ich die einzelnen Schnittteile aus einer ausgemusterten Leinenbettwäsche zugeschnitten und danach die Teile aufgelegt und händisch festgenäht. Begonnen habe ich mit den Jeansteilen um erst einmal festzustellen, wie ich diese gut platzieren könnte. Der afrikanische Shweshwestoff füllt die Lücken. Für Untertritt und Besatz kam er ebenfalls zum Einsatz. Mit dem Stickgarn und dessen Farbe habe ich wie hier berichtet ein wenig herumprobiert. Die Jacke ist mit der Maschine zusammengenäht, der Besatz händisch mit Vorstichen fixiert. Ich entschied mich die Jacke ungefüttert zu lassen, weil auch die innen sichtbaren Handstiche reizvoll sind.

Mehr zur Herstellung und den Stickereien habe ich in meinem Work-in-Progress Blogpost geschrieben.


Fazit: Manchmal entsteht etwas tatsächlich so, wie man es sich wünscht.

Stoff: Shweshwestoffe von Karlotta Pink, aufgetrennte Jeans

Schnitt: Schnittmuster aus dem Buch Selbstgenähte Garderobe nach Maß von Charlotte Auzou, erschienen im Stiebner Verlag – bereits hier vorgestellt

Verlinkt bei Einfach Nachhaltig.


23 Gedanken zu “Fashion-Revolution-Day: Eine Upcycling-Jacke

  1. Wow! Eine tolle Jacke – da haben sich jeder Stich und jede Minute Arbeit gelohnt.
    Deine Ausführungen über die Arbeitsbedingungen sollten unbedingt auch Menschen lesen, die sich vergleichsweise weniger Gedanken über dieses Thema machen als wir Hobbynäherinnen. Vielleicht findest du einen Weg? Die Lokalzeitung …?
    LG
    Siebensachen

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  2. Huh, das ging jetzt aber schnell :-)
    Das ist mal ein echter Hingucker, ich drücke die Daumen, dass die Jacke genauso geliebt wird wie die Hose. Der Gummibundabdruck ist klasse, verstehe ich, dass du den unbedingt erhalten wolltest. Die Arbeit hat sich jedenfalls gelohnt, jetzt hast du ein tragbares Kunstwerk.
    Liebe Grüße Christiane

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    1. Das war beim Auftrennen so richtig spannend, was da hervorgekommen ist! Ich hatte zwischendurch eine echte Flaute- aber der Stoffspielereiensonntag hat mich motiviert und danach ging es tasächlich schnell! Liebe Grüße Silvia

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  3. Im Laufe der Jahre sammeln sich im eigenen Schrank so viele Kleidungstücke an die viel zu gut für die Kleidersammlung sind. Es lohnt sich allemal, das eine oder andere Stück umzuarbeiten. Die Verhältnisse in Asien heutzutage sind vermutlich noch schlimmer als früher hier bei uns.
    In meiner Stadt gab es vor Jahrzehnten mehrere Textilfabriken. Nur eine ist noch existent, alle anderen abgerissen.
    Solange die Verbraucher immer viele Stücke für wenig Geld kaufen wollen und werden, wird sich an den Bedingungen in Fernost nichts ändern. Leider.
    Mir wäre es allerdings wohler, wenn wir auch wieder heimische Textilbetriebe hätten. Nur dann wäre die Kleidung dann teuer bis sehr viel teurer. Das wäre vermutlich auch umweltfreundlicher.
    Mein Wunsch wird sich wohl nicht erfüllen….
    Liebe Grüße
    Susan

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    1. Ich hoffe sehr, dass, auch durch die aktuelle Coronakrise, ein bißchen ein Umdnken stattfindet, vor allem auch was die permanente Suche nach dem billigsten Produktionsstandort bei größtem Gewinn berifft. Irgendjemand bezahlt immer den (unfairen) Preis und im allgemeinen sind es die, die keine oder nur eine leise Stimme haben: Arme,(vor allem Frauen und Kinder) Tiere, Natur. Irgendwie glaub ich , wir haben vegessen, wieviel Arbeit hinter -sagen wir einem T-Shirt-steckt. Im Idealfall, unsere Standards auf der ganzen Welt, das wär‘ doch was? Wir hätten vielleicht weniger, aber jedenfalls ein besseres Gewissen! Liebe Grüße, Silvia

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  4. Wahnsinn, ist die toll geworden! Die Kombination mit dem Shweshwe-Stoff, aber auch wie Du die Jeansteile platziert hast – einfach super! Mir wird richtig schlecht, wenn ich solche Berichte lese. Es ist ja nicht nur die Textilindustrie, in der Computerindustrie und in allen anderen „schmutzigen“ Industrien, die in Drittweltländer ausgelagert wurden, geht es ja ganz gleich zu! Ich bin ziemlich gut im dieses-Wissen-Verdrängen, und dann immer wieder (wenn meine heile Blase platzt) fassungslos, wie es zugeht auf der Welt…
    Ich habe gerade nachgeschaut: Spätestens Mitte Mai fällt die Entscheidung, ob Webermarkt + Symposium dieses Jahr durchgeführt werden… *seufz* Sonst muss man sich einfach privat besuchen. Ihr wolltet doch auch mal nach Graz kommen? Liebe Grüße, Gabi

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  5. Deine Jacke ist echt der Hammer. Sitzt perfekt und die Erarbeitung… super. Die Einbeziehung der farblichen Abstufungen der aufgetrennten Abnäher und des Gummibundes gefallen mir richtig gut und geben dem Stück etwas besonderes. Ebenso Deine guten handwerklichen Stick- und Ziernähte. Richtig toll!!

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  6. Was für eine wundervolle Jacke! Danke fürs Mitnehmen in den Entstehungsprozess. Ich versuche mich auch immer mehr aufs Upcycling und Reparieren zu konzentrieren. Fast fashion habe ich schon lange abgeschworen..
    Liebe Grüße Juniper

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    1. Gummiband-Shibori, genau das ist es! Ich bin auf jeden Fall überzeugt, dass jeder Diskussionsbeitrag wichtig ist. Nach persönlicher Möglichkeit eben. Natürlich würde ich mir, sowie du auch, mehr Wissen, Verständnis, Transparenz, Bewußtsein usw wünschen, aber viele kleine Schritte bringen uns auch weiter! Liebe Grüße , Silvia

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  7. Wow, super schön. Genau sowas in der Art hab ich seit längerem im Kopf. Dann noch besticken.Ich glaub das muss ich jetzt definitiv angehen!!!
    LG
    Gabi St.

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  8. Deine Jacke ist toll geworden! Aber danke auch für die wirklich zum nachdenken anregende Gegenüberstellung! 100 Jahre ist eigentlich gar nicht soooo lange her, dass die Verhältnisse bei uns noch ähnlich waren. Wir sind nur richtig gut darin, sowas auszublenden und zu verdrängen. Ich kauf Jeans seit Jahren nur noch nachhaltig – dafür seltener. Am Ende zahlt man so auch nicht mehr und die Arbeiter werden hoffentlich fairer entlohnt und die Umwelt weniger belastet.
    Vielen Dank fürs Teilen bei „einfach. nachhaltig. besser. leben.“
    LG, Marlene vom Blog „Verrücktes Huhn“

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