{Rezension} Top-Down Häkeln

*** Rezensionsexemplar vom Stiebner Verlag zur Verfügung gestellt ***

Top down häkeln Dora Ohrenstein Stiebner

Sängerin, Autorin, Designerin und Lehrerin, die amerikanische Häkeldesignerin Dora Ohrenstein ist eine vielfältige Frau und erzählt auf ihrem Blog, dass sie in ihrer Jugend zwar ein paar Sachen gehäkelt hatte, die gut aussahen, aber selber nicht wusste warum. Dann rückte ihre Karriere als Sängerin in den Mittelpunkt ihres Lebens bis sie 2003 wieder zur Häkelnadel griff. Diesmal wurde es ernsthaftes Studium und wer ihr Buch zu lesen beginnt merkt: diese Frau weiß wovon sie spricht und sie weiß auch worin der Unterschied zwischen Häkeln und Stricken liegt. Natürlich wissen das andere auch, alle, die es einmal in der Schule oder zuhause gelernt haben. Der springende Punkt ist einfach: Strickarbeiten bleiben immer schön weich, Häkelarbeiten werden schnell steif und bockig. Ich bin leider keine große Strickerin, daher bin ich immer wieder auf der Suche nach Anleitungen für schöne Häkelpullover und ich muss sagen, die meisten, die man so in Zeitschriften sieht, abgesehen von Sommerpullis, sind echt hässlich. Irgendwie ahmen viele Häkelpullover Strick nach und das funktioniert eben nicht. Die Gründe dafür sind auch technische.

Die Designer von Häkelmodellen stehen vor etlichen Herausforderungen: Eine davon ist die unterschiedliche Höhe der Häkelmaschen, eine andere, dass Ajourmuster meist über mehrere Maschen und Reihen gearbeitet werden. Dadurch wird es ganz schön knifflig, die perfekte Passform zu erzielen. Die Krönung ist, dass für jedes Modell eine eigene präzise Methode der Formgebung ausgearbeitet werden muss.

Der Untertitel des Buches lautet „14 passgenaue Pullover und Cardigans“, das sagt schon einiges aus. Es geht der Autorin tatsächlich um gute Passformen. Dora Ohrenstein erklärt deshalb sehr genau die Konstruktion der Passe (alle Modelle werden von oben gehäkelt), Passformkontrolle, Korrektur fehlerhafter Maschenanzahl und Konstruktion der Achselpartie. Ihre Pullover haben entweder Rundpassen oder sind Raglanmodelle. Wie man Auschnitte individuell verändern kann und Pullover in Jacken verwandelt beschreibt sie ebenfalls. Sie geht in ihrem Buch sehr ausführlich auf das Material, die Drehung der Wolle bzw des Garnes und die Nadelstärke ein. Weist aber auch auf die individuellen Unterschiede hin: der eine häkelt fest, der andere locker. Wie geht man damit um, wie kann man ausgleichen.

Zwei Pluspunkte von Modellen, die aus höheren Maschen gehäkelt werden , sind, dass sie schnell gehen und schön fließend fallen: da Doppelstäbchen nur oben und unten mit den Nachbarstäbchen verbunden sind, ist die Partie zwischen den Maschenkörpern sehr flexibel.

Mir gefällt die Akribie mit der sie an ihre Arbeit geht, definiert und erklärt. Auch dem Spannen der fertigen Häkelei schenkt sie einige Aufmerksamkeit. Und sie ermutigt es nochmals zu versuchen, wenn das erste Modell vielleicht (noch) nicht so perfekt gelungen ist.

Das Buch zeigt zu Beginn leichtere Modelle, dann folgen etwas schwierigere und zuletzt anspruchsvolle Anleitungen. Es gibt sieben Modellpaare, bei den meisten Modellpaaren ist eines aus sehr edlem, das andere aus günstigerem Material gehäkelt. Da viele Garne nicht sehr lange auf dem Markt sind, hat sie klassische Mischungen gewählt, die so oder so ähnlich immer wieder erhältlich sind. Es wird immer auch eines der Modellpaare an einer molligen Frau gezeigt (und extra Styling Tipps für Mollige gibt es ebenfalls).

Top down häkeln Dora Ohrenstein Stiebner
Modell Isola, eines meiner Favouriten

Fazit: Ich möchte schon, aber nein, ich bin noch nicht dazugekommen ein Modell zu versuchen. Vielleicht wird es was, wenn die Abende länger werden … Ich habe sogar schon die Wolle zuhause! Am besten gefallen mir die Modelle die typische Häkel-Flächenmuster einsetzen und ganz fein finde ich auch die Möglichkeit zwischen Jacke und Pulli zu wählen. Gute Häkelkenntnisse sind für dieses Buch nötig und sorgfältiges arbeiten, es muss viel gezählt und nach Text gearbeitet werden. Nur für kritische Stellen an der Passe oder unter der Achsel gibt es eine Häkelschrift.

Buch: Top-down: Häkeln/ 14 passgenaue Pullover und Cardigans von Dora Ohrenstein, erschienen 2019 im Stiebner-Verlag, zahlreiche Foto und Illustrationen, 168  Seiten, Format 21cm x 25,5 cm, Softcover, ISBN 978-3-8307-2068-3

Am liebsten hätte ich ja diese ganze Kollektion, die auf der Kleiderstange hängt, aber dafür mangelt es bei mir an Ausdauer …

Top down häkeln Dora Ohrenstein Stiebner2

 


4 Gedanken zu “{Rezension} Top-Down Häkeln

  1. Danke für die feine Rezension! Ich bin Deiner Meinung: gehäkelte Kleidung wirkt oft sehr bockig, zusätzlich gefallen mir altertümlich wirkende Jacken oder Mäntel aus z.B. Granny Squares überhaupt nicht. Das Buch klingt spannend, wenn sich die Autorin bemüht, genau die „Schwachstellen“ der Häkeltechnik aufzugreifen, wie mangelnde Flexiblität des Gewirks und Schwierigkeiten mit der Passform. Aber ich glaube, meine Lust an der Filet-Technik lebe ich weiterhin lieber in Küchengardinen aus :-) und Jacken stricke ich (habe gerade wieder eine angeschlagen). lg, Gabi

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    1. Nun, prima wenn man Jacken stricken kann! Spätestens nach 10cm bin ich erschöpft, da geht häkeln eben schneller. Aber es hat eben, wie die Autorin sehr gut beschreibt, seine Eigenheiten. Liebe Grüße Silvia

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  2. Na ja, die sog. ‚Bockigkeit‘ gehaekelter Stuecke ist fuer manche Menschen aber auch zum Vorteil zu nutzen:
    so wird fuer Molligere naemlich das unvermeidliche ‚Figur-Kleben‘ (= figure hugging?) bei Strickware – egal wie fein oder grob – damit stark abgeschwaecht bis vermieden. D.h.: Haekel-Klamotten, hust hust, mogeln (mM!) schoener/besser! Selbst wenn seeehr locker bzw. weites Material angewandt wird, zeigen/verraten Strick-Klamotten bei jeeedem geringsten unguenstigem Wind-Stoss leider die zu verstecken gewollte unguenstige Original Figur Kontour (= seufz bis fluch!)
    Ich habe z.B. nur EIN T-Shirt in meiner Sammlung, welches vom Material SO ’schwer‘ ist, dass es NICHT zum Figur-Verraeter wird bei jedem Lueftchen.
    Zusaetzlicher Vorteil von Haekelware: eben ‚besagte Bockigkeit‘ kaschiert auch besser die sog. ’nackten Nippel‘ bei Nicht-BH-Traegern (= klima-bedingt oder wegen sonst. Gruenden). Hier in Australien sind diese ’nackten Nippel‘ naemlich wohl ‚moerderischer‘ wenn man diese der Allgemeinheit zumutet als wohl ein echter Mord ^^ !
    … Nachteil von Multi-Kulti eben mit ihrem unterschiedlichen Religions-Wahn, welcher dann als „Recht auf Religionsfreiheit“ leider meist zum „Mein (relig.) Recht ist staerker und wichtiger als Deines“ wird /..\ !
    DIES zwar nicht akzeptierend gehe ich trotzdem demnaechst wohl mal bei Indien-Laeden meiner Umgebung nach mM fuer hiesiges Wetter passenderen Damen-Hosen gucken!

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    1. Ich mag an Häkelsachen auch diese erhabenen, starken Reliefstrukturen und- da bin ich völlig deiner Meinung- es ist auch angenehm für die Trägerin, wenn ein Pulli (die meisten Aktuellen sind mir auch zu dünn und oft durchscheinend) oder T- Shirt nicht jede Köroerkontur abzeichnet. Liebe Grüße Silvia

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