Der Färbermarkt in Gutau – Über die Entwicklung des Blaufärbens mit Waid und Indigo in Mitteleuropa

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Ich mach heut blau“ unter diesem und ähnlichem Motto findet jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai der Färbermarkt im kleinen oberösterreichischen Ort Gutau statt. Blau ist auf jeden Fall die dominierende Farbe: Optisch an den vielen schönen Verkaufsständen der Aussteller und auch im Publikum sieht man viel Blaudruck, mal klassisch, trachtig oder modern, alternativ … Oft sehr originell und im wahrsten Sinne des Wortes von Kopf bis Fuß.

Blickt man zurück in die Geschichte der Textilien, war Blau vor allem die Farbe des Alltags am unteren Ende der sozialen Hierarchie. In Europa verwendete man dazu den Färberwaid, eine Pflanze, die eine zuverlässige, allerdings wenig leuchtende Blaufärbung ergibt. Deshalb stand die Farbe nie in sehr hohem Ansehen. Karl der Große befahl im 8. Jahrhundert, dass auf seinen Meierhöfen neben Krapp (für Rottöne) auch der Färberwaid angebaut werden müsse. Die mit ihm gefärbten Kleidungsstücke schrieb er seinen Arbeitern vor – frühe Vorläufer des Blauzeugs oder der ursprünglichen Bluejeans. Aus der Arbeitshose wurde mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkendes Kleidungsstück, das charakteristisch unser Erscheinungsbild prägt: In Blau.

 

Isata tinctoria, wie der Waid botanisch genannt wird, stammt aus der Familie der Kreuzblütler. Die Pflanze war schon in der griechischen und römischen Antike in Gebrauch und wurde zum Färben von Wolle benützt. Im Mittelalter dehnte sich ihr Anbau erheblich aus. In Deutschland war diese Färberpflanze im 10. Jahrhundert bekannt. Nach einer Chronik der Stadt Erfurt aus dem 16. Jahrhundert war der jährliche Gewinn der 300 thüringischen Dörfer so erheblich, dass man von einem Goldberg sprach. Der Waidanbau in Frankreich geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der beste Waid stammte aus Lauragais. Diese Region wurde Schlaraffenland genannt. 1525 erlaubte Heinrich II. den Händlern von Toulouse, Färberwaid nach Flandern, Spanien, Portugal und England zu exportieren. In jener Zeit gelangten jährlich 100.000 Ballen Waid im Wert von 1.500.000 Pfund per Schiff  von Toulouse nach Bordeaux.

Die Einfuhr von Indigo am Ende des 16. Jahrhunderts ließ den Färberwaid vom Markt verschwinden. Gewonnen wird Indigo vor allem aus der subtropischen Pflanze Indigofera tinctoria. Mit der Kolonialisierung und Unterwerfung neu entdeckter überseeischer Gebiete durch Portugiesen, Holländer, Engländer, Franzosen begann der Export und die Großproduktion auf Plantagen. Durch vermehrten Einsatz von Sklaven senkten sich die Kosten und der Profit stieg. Der europäische Waidanbau war bereits während des dreißigjährigen Krieges wegen Übernutzung der Böden und Überproduktion in eine Krise geschlittert. Die höhere Qualität des Indigo hatte in Europa gesiegt. Dazu kam, dass die Engländer mit dem Indigo auch die Baumwolle nach Europa importierten und somit Woll- und Leinenproduktion unter starken Druck gerieten.

Aber auch der Indigo bekam Konkurrenz: Durch seine wirtschaftliche Bedeutung zog er ökonomisches Interesse und wissenschaftliche Forschung auf sich. Nach vielen Analysen und Experimenten gelang es das Geheimnis seiner chemischen Zusammensetzung zu lüften. Dem jungen Engländer William Perkin glückte es schließlich eine Substanz zu erzeugen mit der Baumwolle und Seide gefärbt werden konnten. 1883 fand der Professor für Chemie Adolf Baeyer die Strukturformel des Indigo. Das war die Geburtsstunde der Anilinfarben. Im Jahr 1897 gelang es der Badischen Anilin und Sodafabrik nach Überwindung größter Schwierigkeiten, synthetischen Indigo zu 16 Mark pro kg herzustellen, zu einem Preis, der mit dem echten Indigo konkurrieren konnte. 1904 kostete synthetischer Indigo nur mehr 7 Mark und verdrängte das Naturprodukt bis 1913 fast vollständig. Synthetischer Indigo bot, wie alle anderen Anilinfarben, eine Reihe von Vorteilen: Die Farben sind lichtecht, leuchtend und vor allem abriebfest. Erst die BlueJean brachte natürlichen Indigo wieder zurück in die Mode, mit dem Used-Look, dem natürlichen Abfärben und Auswaschen bei längerem Gebrauch.

Der Blaudruck und die Blaufärberei/Zeugfärberei mit natürlichem Indigo hielt sich am ehesten in ländlichen Gegenden und bei traditionellen Trachten. Der Name „Blaudruck“ täuscht allerdings, es handelt sich um kein Druck, sondern ein Reserveverfahren ähnlich wie bei der Batik. Nur werden die Muster nicht aufgemalt, sondern mit Holzmodeln aufgedruckt.

Gutau war ein Zentrum des Blaudruck. Bis 1968 wurde hier noch gedruckt und gefärbt. Heute bietet das alte Färberhaus, als kleines Färbermuseum Einblick in die Kunst der Blaudruckerei. Der alljährliche Färbermarkt lässt ein bisschen von der alten Tradition aufleben. Vor allem Blaudrucker und Färber aus Tschechien, Slowakei, Ungarn, Deutschland und auch Österreich, allesamt kleine Handwerksbetriebe, zeigen hier ihre schönen Stoffe. Daneben gibt es Handwerk, Knöpfe, Gewebtes, Genähtes, Musik, eine Modenschau und natürlich Kulinarisches für die Gäste.

 


Wann: Jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai, 8.30 – 17.00 Uhr

Wo: Gutau, Oberösterreich, Österreich

Verwendete Literatur: Die Kunst des Färbens von Lydie Nencki, erschienen 1984 im Haupt Verlag; der Artikel Blau- Farbe der Götter und des Alltags von Ute Berger erschienen in der Zeitschrift Weben+, Herbst/Winter 2/2018

 


4 Gedanken zu “Der Färbermarkt in Gutau – Über die Entwicklung des Blaufärbens mit Waid und Indigo in Mitteleuropa

  1. Danke für diesen Beitrag! Ich fand in sehr spannend und interessant. Mir war gar nicht bewusst, dass die Indigofärberei auch hierzulande so weit verbreitet war. Vor ein paar Monaten war ich in Indien und habe dort, in Bagru, an einem Workshop zum Thema Indigo und Blockdruck teilgenommen und dabei einiges über die Geschichte und Verwendung von Indigo in Indien erfahren. Hoffentlich geht sich nächstes Jahr ein Besuch beim Färbermarkt aus!

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    1. Die Geschicht des Blaudruck und auch die vielen unterschiedlichen Arten der Anwendung in allen möglichen Kulturen sind hoch interessant, da gebe es noch mehr zu erzählen! Die Blaudrucker in Gutau freuen sich bestimmt über interessierten Besuch. Ein Workshop in Indien ist sicher eine tolle Erfahrung, sehr schön , dein Post auf deinem Blog. Liebe Grüße Silvia

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  2. Über diesen Markt würde ich ja zu gern mal schlendern. Ostsachsen ist auch eine der traditionellen Blaudruckregionen, leider haben nur wenige Werkstätten überlebt. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie modern manche der alten Muster wirken. Meine Reststücken-Sammlung soll irgendwann mal zu einer Patchworkdecke werden. Vor einigen Jahren gab es hier in Dresden eine Katagami Austellung „logical rain“ – Blaudruck auf japanisch – das gleiche Prinzip und doch ganz anders.
    Danke für den ausführlichen Bericht,
    LG Malou

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