{Nadelbrief} Sehnsucht nach dem Paradies oder Mission B

Sehnsucht nach dem Paradies2

Sehnsucht als Thema habe ich vorerst einmal ignoriert. Natürlich kennt man Sehnsucht nach etwas – aber wie darstellen? Dann sah ich auf der Straße ein paar kleine Taubenfedern im Wind sanft schaukeln und dachte: Vielleicht Sehnsucht nach dem Fliegen? Auf jeden Fall wurde mir klar, dass ich den Begriff eingrenzen und definieren muss, wenn ich Erfolg haben möchte. Ikarus, Leonardo da Vincis Fluggeräte, die ersten Flieger, diese Sehnsucht die Schwerkraft zu bezwingen, da kamen mir viele Bilder in den Kopf. Ich wollte auf jeden Fall die Feder oder mehrere davon verwenden. Beim Suchen nach dem Untergrundmaterial fand sich aber dieser schöne Stoff, die Feder passte nicht dazu, aber Käfer?

Sehnsucht nach dem Paradies, dem Heilen, der unberührten Wildnis, das würde mein Thema werden. Jedes Jahr treibt es Tausende von uns Hightech-Menschen hinaus in die Welt, in der Hoffnung irgendwo das ursprüngliche Leben zu finden, nachdem wir zu Hause fast alles ratzeputz bereinigt haben. Wo wir suchen? An den entlegensten Plätzen, am Dach der Welt, in Wüsten und Dschungel, eigentlich ist nichts mehr vor uns sicher. Aber eben nur für zwei oder drei Wochen, möglichst im klimatisierten Hotel mit Bad, WC und unbedingt mit Handy – und Internetempfang. Wir möchten es schon so ein bisschen, aber das andere wollen wir auch und zugegebenermaßen: Es ist uns egal, wenn das reale Paradies daran zugrunde geht.

Meine Sehnsucht nach dem Paradies zeigt einen Käfer als Sinnbild für die vielen Insekten, die aussterben, bevor wir wissen, dass es sie gibt. Und so ungern ich das eingestehe, meist sind wir mit unserer Maßlosigkeit, unserer Reinheitssucht und Einheitsgärtenerei daran Schuld.

Mein Käfer hat übrigens einen Namen: er gehört zu den Bockkäfern (weil ihre Fühler so lang und schön geschwungen sind wie bei einem Bock), den Cerambycidae (zumindest sollte er so aussehen). Gestickt habe ich ihn auf einen sehr schönen, afrikanischen Batikstoff von Karlotta Pink. Flügel, Brust und Kopf sind mit kleinen Filzstückchen unterlegt und sind Applikationen aus Stoffresten. Die Kanten und Konturen der Käferformen sind umstickt, bzw ist der Käfer teilweise bestickt. Seine Augen sind kleine Glasperlen.

Ich bin weder ein großer Reisender noch Handybesitzer, trozdem gibt es bei mir Verbesserungspotential bei den Lebensgewohnheiten. Aber immerhin: Unser Garten ist eher ein großer Durcheinander und sehr beliebt bei allen Tieren, tatsächlich selbst die Nachbarskatzen dösen lieber in der wilden, langen Wiese oder unter den Sträuchern, als im kurz geschorenen Minirasen – es ist einfach spannender. Es gibt hier soviel mehr Leben. (Das heißt nicht, dass die Nachbarn solch einen „ungepflegten“ Garten schön finden. Wir haben Disteln und Kletten, oh Schreck! Und die dürfen sogar groß werden und aussamen!) Darum also den Blick schärfen für die vielen kleinen Wunderdinge um uns herum, sich daran erfreuen und begeistern, sich inspirieren lassen vom Einfalls- und Formenreichtum der Natur, überhaupt etwas zulassen, vielleicht auch mal den eigenen Schönheitsbegriff überdenken. Mehr MIT als gegen die Natur agieren. So wird das Leben auch viel entspannter und harmonischer. Das wäre möglicherweise ein guter Anfang.

In der Schweiz gibt es derzeit eine tolle Aktion von RSI, RTR und RTS: Mission B, ein gemeinsames Projekt für mehr Biodiversität in der Schweiz. Jeder und jede, ob Einzelperson, Familie, Verein, Firma, … kann mitmachen, jeder auch noch so kleine Beitrag zählt: Egal ob ein Blumentopf mit heimischen Pflanzen am Fensterbrett steht, ein Flachdach begrünt wird oder eine Ecke im Garten der Natur überlassen wird. Viele gute Tipps und nähere Informationen findet ihr oben im Link.  Das Ganze hat einen ernsten Hintergrund: In der Schweiz werden jede Sekunde 0,7 Quadratmeter Grünfläche verbaut. (In Österreich ist die Ziffer ähnlich schlimm.)


Fazit: Käfer und überhaupt Insekten sind großartig in ihrem Farben – und Formenreichtum. Ich habe mir eben viele Bilder (ganz, ganz tolle!) im Internet angesehen, alleine diese vielen unterschiedlichen Bockkäfer, die es gibt, großartig! Dieser Nadelbrief ist mein erster Beitrag für meinen „Käfersommer“, möglicherweise wird daraus ein „Insektensommer“. Mein Käfer ist nicht ganz symmetrisch geworden, speziell am Brustpanzer hat der arme Kerl eine Ausbeulung abbekommen, aber sonst ist er äußerst plakativ. Ich hätte übrigens gerne wenigstens einmal einen lebendigen Käfer mit am Bild gehabt, aber die Kerle haben sich gleich aus dem Staub gemacht.

Buch: Mein Motiv stammt aus dem Buch The Stumpwork, Goldwork and Surface Embroidery Beetle Collection von Jane Nicholas, erschienen bei Milner Craft Series 2004 , ein tolles Buch, in dem auch die Biologie der Käfer nicht zu kurz kommt

Mitmachaktion: Mit diesem Beitrag möchte ich mich etwas verspätet dem Thema Sehnsucht für das große Nadelbriefjahr anschließen.

Sehnsucht nach dem Paradies1


6 Gedanken zu “{Nadelbrief} Sehnsucht nach dem Paradies oder Mission B

  1. jaaaa! Ein Nadelbrief mit Sehnsuchtspotenzial und Botschaft zugleich! Was für ein Käfer, liebe Silvia, und das noch auf so tollem Pflanzengrund. Wirklich sehr gelungen! Danke fürs Verlinken und LG. Susanne

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  2. Welch eine schöne Umsetzung der Sehnsucht. Ja, das Thema fand ich auch nicht einfach, aber Du hast es mit diesem tollen Käfer und der Botschaft super gelöst.
    Liebe Grüße
    Monika

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  3. Wow, der Käfer ist richtig cool! Tolle Botschaft für ein wunderschönes Nadelbriefchen, klasse Idee:) Es gibt dieses Jahr augenscheinlich wirklich viel weniger Insekten, es ist beängstigend….

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