Hauptsache- mein Besuch in der Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum München mit Hutworkshop

Ich bin immer wieder auf der Suche nach Büchern zum Thema Hut. Da begegnete mir das Buch mit dem Titel Hauptsache. Mein erster Gedanke: Cool, ein neues Buch. Dann: Das muss ich sofort bestellen. Nach genauerem Lesen: Oh, das Buch erscheint erst und es gibt eine Ausstellung dazu, besser gesagt anders herum, es ist der Katalog zur Ausstellung… Danach: Alltagsstress im Herbst, die üblichen Aufregungen, die sich halt so ergeben… Mit einem Wort: ich habe die Angelegenheit vergessen. In einer Mußestunde, während eines Skype-Gesprächs mit Sabine fiel mir die Ausstellung wieder ein und Sabine machte mich auf die begleitenden Veranstaltungen aufmerksam: Ein Hutworkshop mit einer Modistin! Da muss ich hin! Irgendwie ist es ja ein Wunder, dass es geklappt hat, denn aktuell traue ich mir kaum allzu viele Termine einzuplanen. Aber ja, ich habe mich bei Anna als Gast angekündigt und auf ein Deutschlandwochenende hingearbeitet. Die Reise bis zu Annas neuem Wohnsitzt verlief gemütlich und unkompliziert. Ihr Hund Tommy begrüßte mich begeistert und nahm mich sofort wieder als Familienmitglied auf. Am nächsten Morgen fuhr ich nach München, bepackt mit vier alten Hüten und Proviant. Ich war total überzeugt, ich würde einen gemütliche Spaziergang zum Museum machen, musste aber leider feststellen, dass ich mich in München gar nicht zurechtfand. Also entschied ich mich doch für eine Fahrt mit der U-Bahn, bei der Station wusste ich wieder nicht weiter und musste nochmals fragen! Soweit zu meinem Orientierungssinn.

Im Museum versammelten sich bereits viele Besucher zur 11 Uhr Vormittagsführung (einige besondere Hutfans mit originellen Hüten waren auch darunter) und einige Damen mit mehreren Hüten oder Taschen- das waren die anderen Teilnehmerinnen meines Workshops. Wir wurden von der Organisatorin freundlich begrüßt und an eine wissenschaftliche Mitarbeiterin weitergereicht, die unserer exclusiv, kleine Runde von 6 Personen äußerst umfassend und kompetent durch die Ausstellung führte. Es ist eine wunderschöne Ausstellung, für jeden, der an Handarbeit und Kostümgeschichte bzw. Mode interessiert ist. Genauso aber für volkskundlich Interessierte. Es werden ca. 300 Objekte gezeigt und nur 50 davon sind Leihgaben. Diese Zahlen zeigen sehr anschaulich, welch umfangreichen Bestand das Museum birgt.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. Beginnend im Mittelalter mit Abbildungen, Reliefs und Skulpturen und einigen wenigen erhaltenen Kopfbedeckungen führt ein großer Bogen bis hin zur aktuellen Hutmode. Natürlich werden mehrere kirchliche Kopfbedeckungen gezeigt: verschiedene Modelle der Mitra aus unterschiedlichen Epochen. Ein Relief, das sehr schön die gesellschaftliche Hirarchie des Mittelalters zeigt, und ein anderes auf dem der Kopfschmuck der Frauen: das gebundene Tuch samt Kinnbinde (damit sie nicht soviel reden), darstellt. Gerade die Bildnisse und Gemälde, Fotografien und Titelseiten von Illustrierten, die sehr anschaulich vermitteln, wie die Leute mit den gezeigten Hüten und Hauben tatsächlich aussahen, machen die Ausstellung lebendig und erwecken die Kopfbedeckungen und die Zeit, in der sie getragen wurden, zum Leben. Ein schwarzer Zylinder an sich mag nicht sehr spannend sein, aber Modezeichnungen und Gemälde der jeweiligen Zeit stellen Hutmoden in den richtigen Zusammenhang. Außerdem gab es Zylinder aus Stroh, aus Filz, aus Stoff, aus Fischbein geflochten, mal hoch, mal niedrig, gerade, geschwungen.Viele der Zylinder stammen von Kronprinz Ludwig von Bayern und die meisten sehen sehr unbequem aus.

Die einzelnen Abschnitte der Ausstellung sind in farblich unterschiedliche Bereiche gegliedert, was einen so schön eintauchen lässt in eine Wunderwelt im grünen, roten oder grauen Raum… Reizvolle Einzelobjekte, wechseln sich mit größeren Vitrinen ab. Natürlich gab es nicht nur Hüte zu bewundern sondern auch so manches Drumherum: Den Haubenstock, zum Beispiel, auf dem die Kammerzofe der gnädigen Frau das Spitzhäubchen aus den vier Einzelteilen zusammenstecke bzw. heftete um es auf die kunstvolle barocke Frisur zu setzen. Vielleicht kennen manche von euch die Redewendung: „stocksteif wie ein Haubenstock“. Also, ich geb es zu, ich wußte gar nicht wie ein Haubenstock aussieht. Dann gibt es anderes Kurioses, wie schön bestickte Schlafmützen für den kahlköpfigen barocken Herrn, in der Öffentlichkeit trug er die Puderperücke. Oder eine Kapuze, die wie ein Kutschenverdeck aussieht für die Biedermeierdame und ihre üppige Frisur. Außerdem eine Vitrine mit wunderschönen Hutnadeln. Ein eigener Abschnitt der Ausstellung widmet sich der Hutproduktion (dafür hatten wir leider nicht Zeit).

Für das 20. und 21. Jahrhundert bereichern Leihgaben aus bedeutenden Privatsammlungen sowie aktueller Modistinnen und Hutkünstlerinnen die Präsentation.

Nach unserer Führung empfing uns eine liebenswürdige Modistin der Firma Breiter in einer improvisierten Hutwerkstadt. Wir waren nur Sechs, aber es gab einmal erst dieses typische Durcheinander, wie bei jedem Kursstart. Ich hatte überhaupt keinen Plan und wendete mich ganz profanen Dingen zu: Dem Besuch der Toilette und einem kleinen Imbiss. Erleichtert und gestärkt inspizierte ich die, von der Modistin, mitgebrachten Bänder und befreite meine Hüte vom alten Dekor. Für jeden gab es einen hölzernen Arbeitskopf, ich fühlte mich gleich wie ein Profi…Eine mitgebrachte Schautafel zeigte die typischen klassischen Formen der Hutschleifen. Die abgeschnittenen Filzreste von Hutstumpen standen für kleinere Filzgarnierungen zur Verfügung. Die Modistin begutachtete unsere Hüte und schlug das eine oder andere vor.

Ich wollte mein Glück mit meinem Strohhut versuchen. Mittlerweile hatte die Modistin einen verdellten Fizhut elegant in Form gebracht- auch beim Zusehen lernt man eine Menge- und zwei andere Damen bei der Garnierung beraten. Ich entschied mich für Rosa, schnitt einmal das Band zurecht und dressierte es. Das konnte ich schon. Endlich erhielt ich die volle Aufmerksamkeit der Kursleiterin und unter ihrer Anleitung garnierte ich meinen Hut mit eine Doppelschleife im etwas verspielten französischem Stil: „Double French“ genannt und in italienischer Manier, also leicht versetzt, festgenäht. (Ich glaube zumindest, dass das so genannt wird…)

Mein schwarzer Filzhut, eigentlich ein Herrenhut, erhielt ein neues Lederband und eine Filzblüte in schwarz und gelb als Garnierung. Müde und sehr, sehr spät kam ich in Österreich an: Ich hatte jeden Anschlusszug verpasst… Dafür habe ich viele Eindrücke und neue Erkenntnisse mitgebracht.


Fazit: Eine wunderschöne Ausstellung. Es gibt soviel Erstaunliches, Kurioses und Schönes zu sehen. Sehr empfehlenswert ist auch der umfangreiche Katalog mit sorgfältig recherchierten und informativen Texten und Abbildungen.

Ausstellung: Hauptsache Hüte, Hauben, Hip-Hop-Caps im Bayerischen Nationalmuseum München

Bayerisches Nationalmuseum
Prinzregentenstraße 3
80538 München

Telefon: 089 21124-01
Email: kontakt@bayerisches-nationalmuseum.de

Ausstellungsdauer: bis 30.04.2023

Katalog: Hauptsache Hüte, Hauben, Hip-Hop-Caps erschienen 2022 im Volk Verlag München, herausgegeben von Frank Matthias Kammel, fest gebunden, 275 Seiten, durchgehend Foto und Illustrationen, Format 21,5cm x26cm, ISBN 978-3-86222-442-5


10 Gedanken zu “Hauptsache- mein Besuch in der Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum München mit Hutworkshop

  1. Wunderbar, dieser Bericht fehlte mir gerade noch, als ich mit meiner Münchner Freundin in der Handschuhausstellung in Offenbach war, erzählte sie mir auch von der Hutausstellung, wir planen es Anfang dieses Jahres, vermutlich im März, ich sehe, es lohnt sich und so ein Workshop ist natürlich auch eine coole Sache, danke, lg Anja

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  2. Die Ausstellung klingt sehr vielversprechend. Und nach München ist es von Graz nicht gar so weit. Mal sehen, ob ich es bis April mal nach München schaffe. Da auch die Quiltausstellung im Textilmuseum St. Gallen nur bis April gezeigt wird, könnte das Frühjahr recht reisefreudig werden. Danke fürs teilen. LG heike

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      1. Sehr geehrte silviafranziska,
        diese wenigen Hutnadeln sagen garnichts aus. Für das Bayereische Nationalmuseum ist das, meiner Meinung nach, beschämend. Dann hätte ich lieber keine ausgestellt. Ich weiss was ich schreibe, denn ich sammel seit 40 Jahren Hutnadeln und die Geschichte dazu.

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        1. Dann haben Sie vermutlich eine herrliche Sammlung! Ich kann mir gut vorstellen, dass man alleine über Hutnadeln ein Ausstellung machen könnte. Ich kann Sie gut verstehen, besonders, weil Sie viel darüber wissen und da denkt man immer: „Wieso zeigen, die nur dies und dabei gebe es soviel zu zeigen und zu erzählen.“ Kann aber auch verstehen, dass man im Museum das Thema Hutnadel nur andeuten wollte, um den Rahmen nicht zu sprengen. Viel Freude mit Ihrer Sammlung! Liebe Grüße, Silvia

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          1. Sehr geehrte Silvia,
            danke für ihre freundliche Antwort. Ja meine Sammlung besteht aus 1600 Exponaten. Was die Museen (Bundesweit) angeht, so hatte ich in den Jahren meiner Anfragen über eine Sonderausstellung keinen Erfolg. Und es ist so spannend, und trotz der relativ kurzen Zeit, sehr weitreichen. Hauptsächlich, was die Emanzipation betrifft.
            Liebe Grüße
            Reinhard

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