Rosa – diese Farbe gehört uns Frauen ganz allein !?

In einem europäischen Modemagazin sah ich kürzlich eine wunderschöne Zusammenstellung von Designs in allen erdenklichen Rosatönen. Der Titel dazu: „Finger weg! Diese Farbe gehört uns Frauen ganz allein!“ Das inspirierte und irritierte mich. Daher entschied ich meine rosafarbenen Stoffe zu vernähen und über die Farbe Rosa zu schreiben …

Rosa ist die Kennfarbe des Weiblichen von Geburt an und Rosa ist ein internationaler Mädchenname. Rosa steht auch für Frühling, das Angenehme, Jugend, Kindheit, Naivität, das Weiche, Süße oder Leichte. Wir sprechen von der rosaroten Brille oder rosaroten Wolken – wobei immer so ein Hauch Zynismus mitschwingt, ein „das ist nicht ganz ernst zu nehmen“. Rosa ist die Bonbonfarbe und unsere Geschmackserwartung ist Süßes. Sauer-salzig und Rosa – das passt nicht zusammen. Ein Buch mit rosa Umschlag erweckt schnell den Eindruck eines Kitschromans. Rosa kombiniert mit Grau kann sehr edel wirken.

Warum ich ausgerechnet jetzt über Rosa schreibe? Nun Rosa ist weiblich und ich wünschte mir sehr, dass Frauen auch Frauen bleiben ganz gleich wie hoch sie die Karriereleiter klettern. Denn eines sollte uns Frauen klar sein: Wir spielen ausschließlich nach männlichen Spielregeln in unserer Gesellschaft und die Digitalisierung verstärkt diese Tendenz. Frauen kleiden sich um ernstgenommen zu werden – männlich, also grau, hellblau, weiß, schwarz. Klare sachliche Formen wie Anzug oder Anzugartiges, Etuikleid oder Kostüm mindestens ein Blazer, das versteht man gemeinhin unter Businesslook. Ich war ganz irritiert als mir meine Tochter Anna zeigte wie Bewerbungsfoto heutzutage auszusehen hätten. Die jungen Damen sahen alle gleich aus, am ehesten noch wie aus einer Bankwerbung: hellblau, weiß, grau.

Wenn man durch Großstadtstraßen geht wird man auch ganz trübsinnig: Alles dunkel und grau. Na, zur Zeit sind honiggelbe Mäntel in, aber sonst … Unsere moderne Welt ist sehr von Technik geprägt und die Farben dazu sind Schwarz, Silber, Grau. Man braucht nur einen Blick auf eine Parkplatz werfen oder an der Ampel die grauen und schwarzen Autos zu zählen. In der farblich sehr zurückhaltenden Kleidung spiegelt sich das ebenso wieder. Dabei wünsche ich mir so sehr, dass Frauen sich nicht in Männer verwandeln wollen, dass sie einfach den Mut aufbringen Weiblichkeit als Alternative und Ergänzung einzubringen. Sabine hat mir zu dem Thema einen sehr hübschen Animationskurzfilm gezeigt „Purl„. Die Geschichte erzählt wie aus dem pinken Wollknäuel ein kantiger Grauüberzogener wird, der so besser in der männlichen Geschäftswelt Akzeptanz findet …

Womit wir wieder bei Rosa sind …

Der Brauch neugeborene Mädchen rosa zu kleiden ist nämlich so vertraut, dass man meint, es wäre immer schon so gewesen. Aber, der Schein trügt. Diese Sitte entstand erst um 1920. Rosa ist also die Mädchenfarbe oder doch nicht? Es lohnt sich der Geschichte und Bedeutung dieser sanften Farbe nachzuspüren: Rosa ist nämlich eigentlich das kleine Rot und Rot ist eine männliche Farbe, vermittelt sie doch ganz deutlich Macht und Herrschaftsanspruch. Rosa ist eine Mischung aus dem männlichen Rot und dem weiblichen Weiß. Rot ist groß und stark, Rosa ist klein und zart. Weiß ist kühl, Rosa ist weich und anschmiegsam.

Über Jahrhunderte war Hellblau die Farbe für kleine Mädchen, Blau ist die Marienfarbe. Rosa, das kleine Rot, war die Farbe der Jungen. Das Jesuskind trägt auf vielen Gemälden ein rosa Kleid. Kinderkleidung war früher allerdings „kleine Erwachsenenkleidung“ und häufig sieht man Söhne Adeliger in Rosa gemalt, selbst ältere Männer trugen im Rokoko Rosa. Rosa war weder geschlechts- noch altersgebunden, genausowenig wie es blaue Kleidung war. Mit der farbigen Babykleidung kam der Umschwung, der das männliche Rosa zur weiblichen Farbe machte. Dafür gab es viele Ursachen: die christliche Farbsymbolik verlor an Bedeutung, nach dem Ersten Weltkrieg mit der Abschaffung der bunten Uniformen waren Farben auch in der zivilen Herrenkleidung verpönt. Die Farben der Damenkleidung wurden ebenfalls reduziert. Dazu kam die Moderevolution mit dem kurzen Rock und der Befreiung vom Korsett und damit die Einführung eigener Kinderkleidung. Blau war nicht mehr die Farbe des Marienmantels sondern die Farbe der Marine, in der industriellen Arbeitswelt trugen nun fast alle Männer Blauzeug. Für Mädchen blieb also die traditionelle Kontrastfarbe Rosa. In den siebziger Jahren hatte sich das weibliche Rosa durchgesetzt. Noch 1960 wirkte ein rosa Herrenhemd geradezu skandalös.

Heute verschwimmen die geschlechtsbezogenen Farben wieder. Trotzdem wird man Rosa oder Hellblau auf fast jeder Glückwunschkarte für junge Eltern finden.

Mein rosa Beitrag für etwas mehr weibliche Intuition in der zu grauen Welt stammt aus dem Buch Colour Blocking von Asuka Hamada. Es ist das Modell M, ein T-Shirt mit Viereckärmeln. Die finde ich sehr apart. Im Buch gibt es überwiegend Schnitte aus geraden, geometrischen Teilen in einer Einheitsgröße. Ich habe die Bluse original zugeschnitten und genäht.

Änderungen: Ein paar Zentimeter Zugabe in der Weite würde ich beim nächsten Mal machen. Der ca. 5 cm breite Saumstreifen ist bereits eine Verlängerung, ich hatte Angst sie wird zu kurz. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nötig gewesen wäre. Hinten schiebt sich die Bluse etwas, weil sie auf der Hüfte aufsitzt, weil eben etwas Hüftweite fehlt bzw. sie jetzt zu lang ist. Aber irgendwie passt das zu der unkonventionellen Form der Bluse.


Fazit: Nach Startschwierigkeiten bin ich gerade auf der rosa Welle, ich mag Pink und finde auch Rosa sehr apart. Ich habe leider etwas herumgepfuscht. Den ersten Blusenschnitt, den ich versuchte, musste ich wieder aufrennen – der Schnitt funktionierte nicht. Darum sind jetzt zwei andere Blusen entstanden, wobei eine nochmal wegen Passform und Proportionsmängeln zurück in die Werkstatt muss.

Diese asymmetrische, japanische Colour-Blocking-Bluse aus geraden Teilen macht sich gut in der gezeigten Farbkombination. Der rosa Stoff ist wunderbar zart, besitzt eine leichte Streifenstruktur und ist herrlich zu verarbeiten. Der schöne Blockprint-Rest in Grauschattierungen bringt das Rosa zum Leuchten.

Schnitt: Colour Blocking von Asuka Hamada, 2019 erschienen im Stiebner Verlag, 79 Seiten, zahlreiche Fotos und Zeichnungen, 1 Schnittmusterbogen für 17 Modelle, Softcover, ISBN 978 3 8307 2061 4

Stoff: Bio Seiden/Baumwollhandloom und Baumwollblockprint aus Indien, beides gekauft bei Karlotta Pink


9 Gedanken zu “Rosa – diese Farbe gehört uns Frauen ganz allein !?

  1. Ich hab mir vor einigen Tagen meinen rosa Baumwolljersey angeschaut und überlegt, was ich daraus machen könnte. Er ist vom Nähen eines Sommerpyjama übriggeblieben. Nähen werde eine solche Bluse wahrscheinlich nicht, aber Anregung ist und Mut zu Rosa macht sie. Herzlichen Dank!

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    1. Einige besonders poppige Farbvarianten trag ich auch nur als Pyjama, aber Rosa in Kombination mit Grau, beige oder Schwarz ist sehr edel. Viel Freude noch mit deinem Jersey. Liebe Grüße , Silvia

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  2. Rosa und Pink sind so gar nicht meine Farben, haben aber doch langsam und beharrlich Einzug in meinen (doch recht großen) Stoff- und Wollfundus gehalten. Vor allem in der Kombination rosa mit orange. Und für mich immer noch nur in Kombination mit anderen, vor allem vielen anderen Farben denkbar.
    Interessant finde ich auch, dass ein spezielles Rosa, P-618, das sog. Baker-Miller-Pink, auch Schauss-Pink genannt, in den USA und wohl auch in Nordrhein-Westfalen und vermutlich auch noch anderswo für spezielle, der Beruhigung aggressiver Insassen dienender Gefängniszellen eingesetzt wird. Dieser spezielle Rosaton beruhigt laut Tests Herzschlag und Puls.
    Die Kombination der beiden Stoffe bei deiner Bluse gefällt mir sehr gut, auch in Kombination mit dem Schnitt. Da ist ein tolles Stück entstanden, von zu eng an der Hüfte merkt man nichts
    In diesem Sinne liebe Grüße aus Graz
    Heike (die sich bereits einige der bei dir durchgeblätterten Bücher selbst zugelegt hat, danke für die Inspirationshilfen ;-)

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    1. Danke für deinen interessanten Kommentar. Auf dieses Schauss-Pink bin ich richtig neugierig, es gibt immer noch viel neues für mich über Farbwirkungen zu erfahren. Rosa mit Orange finde ich auch ganz toll, da habe ich einmal einen fantastischen Pulli gesehen. Liebe Grüße nach Graz, Silvia

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  3. Mit Rosa kannst mich jagen, mir steht es auch nicht. Aber Deine Bluse sieht gut aus, auch an Dir. Gut, dass Du sie verlängert hast, kürzer wäre ja schon fast bauchfrei gewesen? Liebe Grüße, Gabi

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  4. Vielen Dank für deinen schönen Beitrag!
    Frauen als Ergänzung oder Alternative zur Männerwelt finde ich wunderbar! Und soooo wichtig!
    Ich liebe bunt, manchmal übertreibe ich es, allerdings bin ich auch nicht in der Businesswelt unterwegs.
    Mein Sohn trug etwa bis er fünf war öfter mal pink/rosa, weil er geerbte Dinge der Schwester auftrug. Oft musste er sich dafür rechtfertigen, dass er „Mädchenkleidung“ trug. Als ihn das mal deprimierte, erzählte ich ihm auch, dass rosa früher die „Männerfarbe“ war und die, die ihn ärgerten einfach keine Ahnung hätten. Daraufhin trug er Rosa eine ganze Weile mit Stolz.
    Als es aber auf die Schule zuging, lehnte er es dann doch irgendwann ab. Schade, dass nicht einfach alle Farben für alle da sein können.
    Deine Bluse gefällt mir übrigens ausgesprochen gut. Sie steht dir wunderbar, passt auch perfekt zu deinem schönen Haar!
    Grüße Christina

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    1. Danke für deinen liebenswerten Kommentar mit der schönen Geschichte über deinen Sohn und seinen „rosa“ Erfahrungen. Und bunt finde ich richtig gut, viel Spass damit weiterhin! Liebe Grüße, Silvia

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