{Nadelbrief} Baumrinde – Eine Inspiration aus dem Buch „Textildesign Sticken“ von F. Tellier-Loumagne

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Baumrinden sind fasziniernend: Im Frühling, wenn man überrascht ist, dass aus so grobem Material plötzlich grüne Triebe sprießen oder einfach durch ihre unterschiedlichen Strukturen. Ganz klar, Baumrinde würde ein tolles Thema für mich sein – es war nur nicht so leicht umzusetzen wie gedacht (wie so oft). Ich bin viel spazieren gegangen und habe Rinden fotografiert, verglichen, berührt … Schon lange bewundere ich das Foto einer textilen Rinden-Struktur in dem Buch Textildesign Sticken von Francoise Tellier-Loumagne, erschienen im Hauptverlag. Es sollte der Ausgangspunkt für meine Umsetzung werden. Die Autorin zeigt einen, aus verschiedenen Strickstoffen, gepatchworkten Rinden-Pulli, in herrlichen Rot- und Brauntönen, dessen Flächenteile mit dem Knopflochstich umstickt sind. Sowas wollte ich schon immer mal probieren, aber ich habe im Moment kein passendes Material zuhause, also entschied ich mich für Weberei aus grober, handgesponnener Wolle und Effektgarn. Das Gewebe habe ich überstickt. Mit den Brauntönen bin ich etwas schlecht sortiert, darum ist meine Rinde sehr dunkel ausgefallen. Eine Flechte aus aufgetrennter, daher stark gekräuselter, Wolle mit Perlen gibt der Vorderseite einen Akzent.

Das Zweite, das ich in meinem Nadelbrief unterbringen wollte,  ist das für uns hier momentan sehr akute Thema Borkenkäfer. Die Fichte wurde in den letzten Generationen stark als Wirtschaftsbaum forciert, in Monokultur. Sie ist schnellwüchsig, gibt gutes gerades Nutzholz zum Bauen oder Heizen, und das alles in relativ kurzer Zeit. Aber die Fichte hat ein Problem: Es wird ihr zu warm. Des einen Leid des anderen Freud: Der Fichtenborkenkäfer findet solch unnatürlich heiße, trockene Sommer sehr angenehm und er bevorzugt gestresste Bäume. Er riecht sie geradezu. 50.000 bis 100.000 Nachkommen können in einem kräftigen Baum heranwachsen. Wenn alles gut geht kommen die Käfer auf 3 Generationen im Jahr. Ich habe selber in einem Waldstück erlebt wie rasch das alles geht: Im ersten Jahr waren es 4 befallene Bäume, im nächsten Jahr gab es am Ende des Sommers 40 befallene Bäume … Der Fichtenborkenkäfer oder Buchdrucker wird übrigens nur ca 4,2mm – 5,5mm groß, manchmal ist er auch in Gemeinschaft mit dem Kupferstecher (1,6mm – 2,9mm groß) tätig. Sie teilen sich die Aufgaben. Der kleinere Kupferstecher nimmt Quartier in den dünnen Ästen und Kronen, der größere Buchdrucker am Stammholz unter der Rinde. Die Namen haben sie von den tollen Ornamenten, die durch ihre Bohrgänge entstehen.

Über das Buch Textildesign Sticken

Das Buch Textildesign Sticken führt weit über die traditionellen Wege des Stickens hinaus zu sehr expressiven, unkonventionellen Möglichkeiten. Der erste Teil befasst sich mit der Entwicklung der Stickerei, industriellen Techniken, Handtechniken, den wichtigsten Stichen, usw. Der zweite Teil erklärt und illustriert in zwölf Kapiteln die verschiedenen heutzutage angewendeten Gestaltungsprinzipien. Das Buch bietet keine konkreten Vorlagen, sondern zeigt großformatige Naturfotos und deren mögliche Umsetzung. Es besteht fast nur aus Fotos in einem modernen Layout, und wenig Text, der aber eine nicht unwesentliche Ergänzung ist. Teilweise gibt es sogar Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

In diesem Buch  dominiert die Buchgestaltung den Inhalt: es ist inhaltlich gegliedert (Einleitung, Kapitel), aber beim Durchblättern verschwimmt diese Gliederung. Es gibt keinen Unterschied zwischen: das ist eine Inspiration, das ist eine Arbeitsanleitung. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Autorin das durchaus beabsichtigt hat. Sie zeigt auch -und weist expliziet darauf hin-, am Ende der Kapitel Foto als Inspiration, aber ohne Umsetzungsvorschlag: „Der Leser selbst soll die Stickerei und ihre jeweilige Funktion kreieren.“ Es ist eine Entdeckungsreise darin zu blättern. Anfangs war ich eher hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Ablehnung. Zum Beispiel gibt es durch die großen, abfallend gedruckten Foto kaum Seitenbezifferungen. Das erschwert schon die Suche, wenn im Text auf Seite 145 verwiesen wird, es aber nach 143 erst wieder bei 159 weitergeht. Man braucht ein bisschen um mit dieser Aufmachung zurechtzukommen. Trotzdem nehme ich das Buch gerne zur Hand und lese darin (unten ein paar Zitate aus der Einleitung!).

Sticken ist Zeichnen, Malen und Schreiben. Es ist „Zeichnen“ auf einem Untergrund mit Fäden, textilen und anderen Materialien…Wie bei der Gravur, der Feder- oder Pinselzeichnung steht der grafische Ausdruck im Vordergrund… Das Buch hat nicht zum Ziel, das „Zeichnen“ mit der Nadel zu lehren, vielmehr will es zum Ausprobieren, zum Fortsetzen und zum Wiederanfangen ermutigen. Sticken ist Betrachten, Analysieren, Auswählen, Erforschen, Übersetzen. Die Bilder in diesem Buch sind verschiedenen Bereichen der Natur entnommen (Gemüse, Blumen, Bäume, Flüsse, Kompost…), die durch ihre Vielfalt verführen und sensibilisieren sollen. In der Praxis sollte man sich zu Anfang jedoch nicht verzetteln, sondern sich lieber auf ein einzelnes Sujet konzentrieren und dieses minutiös studieren…Jedes Modell, jede Vorlage stellt eine unerschöpfliche Quelle dar, durch die man die Welt, aber auch sich selbst entdecken kann, sowie ein Mittel zur Erweiterung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten und Imagination.  Sticken ist auch Ausweiten und Übertreiben. Sticken ist Sichausdrücken, also auch Kommunizieren.


Fazit: Die Sache mit den Bohrgängen hat mich sehr beschäftigt, das war gar nicht so leicht. Anfangs hatte ich es mir eine Spur zu leicht gemacht, darum zeige ich hier die beiden Versuche. Das „minutiös“ Studieren hätte noch Zeit gebraucht, naja vielleicht sticke ich noch eine  Variante. Ich glaube auch, dass der matte Gelborange-Ton besser wirkt.

Mit der äußeren Struktur bin ich jetzt zufrieden. Die Ecken sind etwas wulstig ausgefallen durch die dicke Wolle.

Buch: Textildesign Sticken – Inspirationen aus der Natur von Francoise Tellier-Loumagne, erschienen 2006 im Hauptverlag, Softcover, 302 Seiten, zahlreiche Foto,                     Format 23 cm x 23 cm, ISBN 978-3-258-07081-0

Von der Autorin gibt es noch andere Bücher, die alle empfehlenswert sind.

Mitnähaktion: Nadelbriefjahr von Frau Nahtlust – alle anderen Nadelbriefe sind unter dem Schlagwort „Nadelbrief“ zu finden.


8 Gedanken zu “{Nadelbrief} Baumrinde – Eine Inspiration aus dem Buch „Textildesign Sticken“ von F. Tellier-Loumagne

  1. Liebe Silvia, was für ein faszinierender Nadelbrief, den ich zu gerne in die Hand nehmen wollen würde! DAs ist eine tolle Textur, die dir gelungen ist! Wunderbar auch, wie viele Gedanken, „Spaziergang-Transfers“ und Überlegungen hier eingeflossen sind. Richtig gut! Und das STickbuch hat mich ja jetzt auch direkt in seinen Bann gezogen. Das muss ich mir mal näher betrachten ;-) LG. Susanne

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  2. Liebe Silvia,
    immer wieder spannend wie unterschiedlich die Themen gestaltet werden. Deine Borkenkäferfraßgänge gefallen mir besonders gut. Das Buch hört sich interessant an, ich habe es mir mal auf meine Bücherwunschliste gesetzt.
    viele Grüße Margot

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    1. Für die Sache mit den Fraßgängen hätte ch noch mehr Zeit gebraucht, ich bin nicht sehr erfahren bei der Musterentwicklung oder dem Umsetzen einer Idee in eine Stickerei oder ähnliches, finde das aber sehr spannend. Freut mich, wenn ich dich für das Buch begeistern konnte. Liebe Grüße Silvia

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  3. Liebe Silvia,
    eine sehr schöne Umsetzung der Baumrinde. Mir gefällt auch die Verbindung mit den Borkenkäfern. Super. Das Buch hört sich auch sehr interessant an. Dank Dir für den Tipp.
    Liebe Grüße
    Monika

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  4. Wunderschön:)) und welch ein megatolles Buch das Du hier präsentierst WOW…welch tolle Inspirationsquelle, das kenne ich noch gar nicht! Danke fürs Zeigen und weiterhin viel Freude beim umsetzen.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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