Meine Vintage-Bluse vom Nähweekend

 

Beim Durchblättern eines Stapels neu eingetroffener Burda Hefte aus den 50ern ist mir diese Bluse gleich ins Auge gesprungen. Hauptsächlich wegen der etwas ausgefalleneren Schnittführung. Ärmelaufschläge, aufspringende Falten und ein Mandarin Kragen, wer kann da schon wiederstehen. Ich nicht. Außerdem waren in meinen Heften der späten 50er bisher kaum Blusenschnitte. Blusen waren also offensichtlich nicht immer ein wesentlicher Bestandteil der (angestrebten) Garderobe gewesen oder waren manchmal auch schlicht unmodern.

Der Stoffvorschlag war, wie für die Zeit durchaus nicht unüblich, Popeline in Rot und ich wusste sofort, dass ich meinen weinroten Handloom von Karlotta Pink dafür verwenden wollte. Ein Stückchen Stoff von etwa 1,5 Meter von meinem allerersten Besuch in Einsiedeln. Da habe ich mehrheitlich nur Stoffrollen gekauft, da ich noch keine so konkreten Pläne hatte, um mir einen Stoff genau herunterschneiden zu lassen. Da sind Rollen aus Reststoffen praktisch, man hat einfach eine bestimmte Stoffmenge und muss sich überlegen was man daraus nähen kann. Basta.

Und zu meiner Freunde ging sich mein Wunschschnitt genau aus dem Stück Stoff aus. Obwohl ich mich entschied, die Ärmelaufschläge auch hinten zusätzlich zu nähen und nicht wie im Original nur vorne.

Genäht habe ich die Bluse, nachdem ich sie etwas länger hin und her schob, dann am Nähwochenende in Wasserfallen. Und ich muss sagen, ich bin sehr froh über meine Entscheidung die Bluse am Nähwochenende zu nähen. Denn ich musste an der Bluse keine Änderung der Passform vornehmen (das vertraut man doch am liebsten einer Schneiderin an). Trotzdem war die Bluse anspruchsvoll und beschäftigte mich gerade richtig für dieses Wochenende.

Das Nähcamp Schweiz, so die richtige Bezeichnung wird von Frau Fadegrad organisiert (hier ihr Bericht dazu) und fand im April das erste Mal in Wasserfallen im Baselland statt. Da ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreiste, habe ich möglichst kompakt gepackt: ein Rucksack, ein kleiner Koffer und die Nähmaschine. Bei meiner Anreiseplanung hatte ich nur übersehen, dass von der Busstation zur Talstation der Bergbahn, mit der es hinauf zum Hotel ging, ein Fussweg von 900 Meter ist. Eigentlich kein Problem, wenn die schwere Nähmaschine nicht wäre, für die ich kein Nähköfferchen mit Rädern zum ziehen habe. Irgendwann kapitulierte ich, stellte die Nähmaschine einfach auf meinen Koffer und zog mit maximaler Vorsicht den Koffer die leichte Steigung hinauf. (Und hoffte inständig, dass die Rädchen des Koffers das Gewicht auch aushalten würden). Ohne einen Nähmaschinenabsturz erreichte ich dann die Talstation. Der Kartenverkäufer fand mein Gepäck auch höchst interessant, die übliche Kundschaft sind halt Wanderer und Familien. Die nächste Herausforderung war das Drehkreuz: mit Ticket, um das Drehkreuz zu aktivieren, einen Koffer, eine Nähmaschine und am Rücken ein praller Rucksack, da hat man eindeutig eine Hand zu wenig. Spannend wurde es auch gleich bei der Gondel, die ja zum Einsteigen nur langsam durchgleitet. Ich packte also Koffer und Nähmaschine, wartete auf die nächste Gondel um so schnell wie möglich hineinzuhüpfen. Während der Gondelfahrt konnte ich entspannt die Aussicht genießen, bevor es an die neue Herausforderung „Ausstieg“ ging. Überraschung: Es gab erneut einen kurzen Fußweg zum Hotel.

Wasserfallen7

Dort angekommen war ich erst mal fix und fertig. Nach einer kurzen Verschnaufpause lernte ich die anderen Näherinnen kennen und wir starteten natürlich sofort mit dem Nähen. Zu meiner Freude gab es im Hotel 5 Katzen, sehr verschiedene Charaktere: eine „du bist nicht würdig mich zu streicheln“ Langhaar Diva, ein echter Schmuser, ein wilder Struppel, eine Kämpferkatze mit rauher Schale und weichen Kern und im Laufe des Wochenendes konnte ich auch alle bis auf eine streicheln. Die anderen Teilnehmerinnen bekamen schnell mit, dass ich ein Katzenfan bin – ich vermisse unsere Katzen von daheim sehr – und informierten mich, sobald eine Katze auf der Terasse unterwegs war.

Meine Bernina war übrigens nicht mal die ältesteste, das fand ich toll. Bei den Nähmaschinen gab es von alt bis etwas neuer (überwiegend Bernina, typisch Schweiz eben) alles mögliche. Es gab zusätzlich ein paar Nähmaschinen Premieren: gleich mehrere Näherinnen probierten das erste Mal ihre neue Overlock aus. Eine Teilnehmerin hatte sogar erst am gleichen Morgen, beim Kauf letzter Kleinigkeiten, eine Overlock erstanden.

Im Hotel waren wir ganz ungestört. Nur ein Ehepaar und eine Autorin, die man kaum sah, waren ebenfalls zu Gast. Wir wurden gut verpflegt – verhungern mussten wir also nicht. Wir vergaßen eher darauf – vor lauter Begeisterung. Es hieß: „Das Essen ist fertig“, aber wir konnten halt gerade nicht loslassen … Dabei richtete man sich wegen der Essenszeiten ganz nach unseren Wünschen. Nachmittags gab es eine Kuchenpause, bei der wir das Traumwetter und die tolle Aussicht auf der Terasse genießen konnten. Kurzum es war einfach nur entspannend und ruhig, wenn nicht gerade eine Naht aufgetrennt werden musste oder eine Anleitung höchst kompliziert tönte. Sonntag Mittag war meine Bluse fertig und ich merkte auch wie langsam meine Energie schwand. So verplemperte ich den Nachmittag mit Kleinigkeiten, genoss die warme Sonne und streichelte eifrig Katzen bis es Zeit wurde zu packen und sich alle auf dem Heimweg machten. Netterweise brachte mich eine der Teilnehmerinnen zur Bahnstation, sodass ich nicht erneut meine Nähmaschine schleppen musste.

Mir hat es jedenfalls so gut gefallen, dass ich im Oktober (20/21, Samstag Sonntag) beim nächsten Nähcamp Schweiz – dieses Mal in Solothurn in einer Jugendherberge – dabei sein werde. Ich bin gespannt wie es wird und wen ich dort wiedersehen werde. Ein zwei Plätze sind noch frei, vielleicht sehen wir uns dann in Solothurn.

Und ja ich bin ganz verliebt in unsere Fotos. Enstanden auf einem original Holzmotorboot aus den 60ern mit den Fotografen Dani von Fotospuren und Marco von Mr-Foto vom Fototeam Luzern. Ein herzliches Dankeschön an die Besitzer des Bootes, für die Gastfreundschaft, und dass sie mit uns kreuz und quer über den Vierwaldstätttersee fuhren, um immer die schönsten Hintergründe zu finden. Dieses Mal war das Fotoshooting eindeutig mehr für die Fotografen eine Herausforderung, wenn wieder einmal das Boot durch starke Wellen recht heftig schwankte. Ich dagegen durfte ganz entspannt sitzen.

Bootskapitän


Fazit: Ich finde die Bluse einfach nur hübsch. Aber sie wird ein Einzelstück bleiben, eine zweite Bluse nach dem gleichen Schnitt fände ich langweilig, es gibt noch so viele andere spannende Schnitte. Und von der Nähtechnik und Verarbeitung ist die Bluse trotz des einen oder anderen Irrwegs doch eines meiner ausgereifteren Nähwerke.

Änderungen: etwas weiter an der Taille gezeichnet vor dem Zuschnitt.

Schnitt: Burda 2/1954

Material: dunkelroter Handloom von Karlotta Pink CH / DE

Zeit: innerhalb von 24 Stunden genäht

Verlinkt zu Frau freut sich, AWS, DDD, SewLaLa, CreateInAustria

Boot


24 Gedanken zu “Meine Vintage-Bluse vom Nähweekend

  1. Liebe Sabine
    Die Bilder auf dem Boot sind wunderschön. Deine Bluse ist ein wahrer Hingucker. Ich freue mich, dich am Nähcamp in Solothurn wieder zu sehen und bin jetzt schon gespannt auf deine Projekte.
    Herzlichst
    Verena

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  2. Liebe Sabine,
    Das ist ein perfekter Blogpost. Die Bluse ist wunderschön, die Bilder sind ein Traum, die Location ist nicht von dieser Welt… DU HAST SOGAR KATZEN IN DEINEM POST!!! Ganz großes Kino.

    Ich bin total neidisch und will jetzt auch zum Nähcamp in die Schweiz!!

    Liebe Grüße,

    Bianca

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  3. Todschick, die Bluse! Kurz habe ich überlegt, ob ich was Ähnliches brauche – aber solcher Faltenkram ist so blöd zu bügeln, finde ich, die läge bei mir Monate im Bügelkorb statt tragebereit im Schrank zu hängen :D Ich hoffe, dir geht es da anders, zum Versauern wär das schöne Teil viel zu schade!

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    1. Nun bisher habe ich die Bluse nicht gewaschen, also habe ich noch keine Erfahrungswerte mit Bügeln der Falten. Aber ich hab noch einen Schnitt, der diesen sehr ähnelt nur ohne den Falten und nicht ganz so hochgeschlossen.
      Lg Sabine

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  4. Eye Candy! Danke dass du uns auf deine Zeitreise mitnimmst, mir macht das viel Freude. So tolle Details an der Bluse. Diese spitzen Ärmelaufschläge – Hammer. Mir wäre das zu aufwändig, all die Knopfschlaufen alleine… aber ich verstehe, dass du das tun musst, denn du siehst einfach großartig aus in diesen Vintage Sachen. Mit einer Nähmaschine auf Reisen erzielt man Aufmerksamkeit – ich bin letztes Jahr mit einer Nähmaschine im Handgepäck geflogen -und wurde auch komisch angeschaut vom Bodenpersonal, das mich selbstverständlich meinen Koffer öffnen ließ nach dem Abscannen ;-)

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    1. Das glaube ich gerne, das Nähmaschinen im Handgepäck nicht üblich sind. Ich hätte da Angst, dass sie glauben könnten dass die Nähmaschine irgendwie gefährlich sein könnte und zurück bleiben muss.

      Und ja die Schlaufen waren dass aufwendigste weniger, das Schlauch nähen, mehr das gleichmäßig hinbekommen der Schlaufen.
      Lg Sabine

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  5. Liebe Sabine, die Bluse ist natürlich der Hammer – sie steht Dir sehr! Auch, wenn ich Dich natürlich „nur“ von den Bildern kenne, scheint sie deinen Typ sehr zu unterstreichen. Das finde ich toll! Und die schönen Bilder -auch von den Katzen – sind sowieso eine Augenweide!
    Liebe Grüße! Karin

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  6. Was für eine interessante Schnittführung! Danke fürs Zeigen. Wirklich schön. Da sieht man einmal mehr, wie stark Schnitte in wenigen Jahrzehnten an Komplexität verloren haben. Wie hast Du denn die Knopfschlingen gemacht, sind die auch aus demselben Stoff oder gehäkelt? LG Manuela

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    1. Herzlichen Dank.
      Darum nähe ich auch mehrheitlich nach alten, es sind zwar nur Kleinigkeiten die die Schnitte ausmachen, aber die sind wesentlich um aus den Schnitten mehr zu machen.
      Die Schlingen sind ganz feine genähte Tunnel, ein bisschen fummelig beim umdrehen, aber dafür schön filigran.
      Lg Sabine

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