Zeitreise in die Belle Époque

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Schon als kleines Mädchen habe ich stundenlang historische Kostüme abgezeichnet. Den Reiz der Mode des 19. Jahrhunderts habe ich erst kürzlich für mich entdeckt. Genauer gesagt die Kleider um 1880 (für Detailverliebte etwas vor der Belle Epoche). Typisch für diese Zeit sind die Tournüren die den Hintern überbetonten, sowie aufwendig drapierte Röcke.

Das sollte mein Kostüm für die Fasnacht 2017 werden. Meine allererste Idee war wirklich ein komplettes Kleid mit Korsett, Unterröcken, Unterhemden  usw. zu nähen. Das habe ich dann aber relativ schnell verworfen, da ich nicht mehr so viel Zeit hatte. Auch aus praktischen Überlegungen habe ich ein Kleid nähen wollen, in dem man nicht erfriert und das auch bequem sein sollte. (Die Luzerner Fasnacht dauert ganze sechs Tage und ist zu 90 % an der frischen Luft). Daher besteht das Kleid aus der Jacke, dem Rock, einer Tournüre, einem Beutel und einem kleinen „Pölsterchen“ für den Po.

Im gesamten habe ich in etwa 15 Meter Stoff gebraucht. Der Oberstoff ist ein alter Vorhang vom Flohmarkt. Vier Vorhangbahnen habe ich verbraucht, drei habe ich noch. (ich könnte es mir nie vorstellen, diese mal wirklich als Vorhänge zu verwenden, aber für das Kleid ist der Stoff perfekt und den Rest kann ich immer noch für Probemodelle aus Viskose oder ähnlichen weich fallenden Materialen hernehmen). Als Futter im Rock habe ich Baumwollstoff von Ikea verwendet (das Knallblau war eher graublau und harmonierte perfekt mit dem Vorhang) und die Jacke ist passend mit grauen Steppfutter versehen. Für die Tournüre und das Pölsterchen verwendete ich ordinäre weiße Baumwolle.

Die Jacke

Als Grundlagen für die Jacke diente ein Burda Schnitt für eine Lederjacke mit Keulenärmel aus dem Jahr 2013. Der Schnitt wurde vorne wie hinten verlängert. Am Rückenteil ließ ich den Schlitz, dafür wurden die Schösschen deutlich breiter. Mehr musste am Schnitt für die passende Optik nicht verändert werden. Damit es auch schön warm ist, ist die Jacke mit Steppfutter gefüttert. Vorne ist verdeckt ein Reißverschluss eingenäht, die Knöpfe sind rein dekorativ darüber festgenäht. Für ein Kleid für die Fasnacht, wäre es reiner Wahnsinn echte Knopflöcher zu nähen. Der Pelzkragen ist nur festgesteckt und verdeckt den nicht so perfekten Kragen der Jacke.

Der Rock

Der Schnitt für den Rock ist von Butterick. Ich habe ihn das erste Mal in der Sendung Great British Sewing Bee gesehen. Daher wusste ich bereits am Beginn dieses Projektes, dass dieser Schnitt perfekt sein würde für das Kleid. Die Näherin aus der Sendung, die diesen Rock nähte, hatte einige Probleme, doch zu meiner Überraschung war der Rock sehr sehr schnell genäht. Nachdem ich Futter und Oberstoff zugeschnitten habe, brauchte ich ihn nur mehr zusammennähen. Die Anleitung dazu habe ich mehr oder minder ignoriert. Im Original ist auch noch eine Schleppe vorgesehen, diese musste ich leider weglassen. Ich hatte kein Interesse daran, dass jeder drüber laufen würde und praktisch sind Schleppen ja im Allgemeinen auch nicht. Da ich durch die Drapierung nicht genau sagen konnte, wo dann ohne der Schleppe der fertige Saum sein würde, hatte ich sie vorerst drangelassen.

Später als der Rock fertig war, und mit der Tournüre darunter, wurde erst der fertige Saum gesteckt. Danach habe ich diesen mit der Hand am Futter festgenäht. Hätte ich den Saum am Oberstoff festgenäht, wäre dass eine sehr, sehr unregelmässige Naht geworden (durch die Drapierungen). Den Saum nähte ich bis zum letzten Abend vor der Fasnacht. Der Clou, dass der Rock aber am Ende so toll aussieht, sind die Bindebänder im Inneren des Rockes. Diese werden hinter den Beinen gebunden und sorgen dafür, dass die Drapierungen hinten bleibt. Um für jede Wetterlage gerüstet zu sein, habe ich am Bund Spielraum eingebaut.

Kleid nähen Belle Époque 1880

Die Tournüre

Nach einer ersten Anprobe des Rockes musste ich feststellen, dass die Drapierungen zwar sehr schön ausschauen aber doch etwas traurig runterhingen. So entschied ich mich noch eine Tournüre zu nähen. Die Tournüre habe ich nach dem Buch Historische Schnitte genäht. Es gab eine große und kleine Tournüre zur Auswahl und ich nähte die mehr der Zeit entsprechenden kleinen Tournüre. Aus 90 cm Stoff entstand als die Tournüre. Auch hier bin ich eher vage der Anleitung gefolgt. Auch bei der Konstruktion habe ich nicht alles so genau genommen – es ist ja schließlich ein Kostüm. Aber es kam am Ende eine tragbare und funktionierende Tornüre raus. Leider sind die verwendeten Stäbchen nicht steif genug, diese sollte ich unbedingt gegen Stabilere austauschen. Mit der Tournüre sah der Rock schon viel besser aus.

Die Accessoires

Der Beutel und das Polsterchen waren beide ganz spontane Projekt am Abend vor der Fasnacht. Beide habe komplett frei ohne Masse und Schnitt zugeschnitten. Das Polsterchen ist ein überdimensioniertes Hörnchen gefüllt mit Watte (dafür habe ich ein Kissen geschlachtet) und zwei Bindebändern.

Der Beutel besteht im wesentlichen einen Kreis als Boden und ein langes Rechteck für den Rest und das einmal in Vorhangstoff und Futter.

Kleid nähen Belle Époque 1880

Der Hut wurde gekauft mit einem passenden Hutband versehen und mit ein paar Federn und einer aktuellen Fasnachtsplakette dekoriert. Einem großen Dank muss ich hier jetzt meiner Mutter aussprechen, denn ohne sie wäre das Kostüm nie zeitgerecht fertig geworden. Mein so ausgeklügelter Nähplan war dann doch nicht so erfolgreich.

Das Anziehen des Rockes war auch noch eine Herausforderung für sich. So habe ich mich bis jetzt noch nicht entschieden wie und in welcher Reihenfolge ich die einzelnen Komponenten des Rockes am besten anziehe. Das Tragegefühl ist auch ganz ungewohnt, da man viel mehr Stoff auf einem hat als gewohnt. Ich gehe auch gerne zügig mit großen Schritten, so musste ich mich doch umstellen auf ein Trippeln. Im dichten Gedränge hatte ich stets etwas Sorge um mein „Hinterteil“, doch das Kleid hat die Fasnacht ohne größeren Schaden überstanden und auch eine Runde in der Waschmaschine heil überlebt.

Nun bin ich gespannt ob sich beim MMM und after work sewing noch ein paar Kostüme von der Fasnacht/Fasching/Karneval finden.


Fazit: Mit dem Nähen hätte ich eindeutig früher anfangen können, doch ich wurde rechtzeitig fertig. Und ich denke optisch auch ein Hingucker

Schnitt: Jacke Burda August 2013, Rock Butterick 5969, Tournüre Historische Schnitte, Beutel und Polsterchen im Freistil

Material: alter Vorhang ca. 7m, Futter für den Rock ca. 5 m, Steppfutter für die Jacke 1,50 m, Stäbchen

Kleid nähen Belle Époque 1880


26 Gedanken zu “Zeitreise in die Belle Époque

  1. Wow! Zuerst dachte ich…. ist da ein Biedermeier-Fest in Luzern? Aber klar, die Fasnacht war ja in vollem Gange. Ein umwerfendes Kleid! Wunderwunderschön! Ich musste lachen, als Du Deinen Trippel-Spaziergang erwähnt hast. Ich hätte einzig Angst, dass es Löcher in das schöne Kleid gibt. Aber anscheinend ist alles gut gegangen. Ich wünsche Dir, dass es noch ganz viele Gelegenheiten gibt, dieses wundervolle Kleid zu tragen.
    Liebe Grüsse
    Milena

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    1. Herzlichen Dank.
      so ein Fest gibts leider nicht in Luzern (Der Wasserturm war nicht zu verwechseln), dafür die Fasnacht. Löcher hatte ich keine Glücklicherweise nur ein paar Flecken am Rockhinterteil, die anstandslos mit der Waschmaschine weggingen. Der nächste Anlass das Kleid wieder zu tragen wäre ja Belle Epoche in Kandersteg nächsten Januar
      Lg SAbine

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    1. Dankeschön,
      meine Lieblingsfotos mit dem Wasserturm im Hintergrund waren eigentlich reiner Zufall, da wir am Reussufer warteten und dann feststellten perfektes Licht und niemand der durchs Bild laufen kann, wenn dahinter der Fluss ist.
      Lg Sabine

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  2. Boah! Meine Eltern hatten früher ein „Lexikon der Mode“. Dort waren auch historische Kleider abgebildet, ich habe es geliebt und mir immer wieder diese schönen Kleidungsstücke angesehen. Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass ich so etwas auch nähen könnte. Toll, dass Du das umgesetzt hast und dann auch einen Trage-Anlass für dieses wunderschöne Kostüm hast. Ich bin begeistert! LG, Tanja

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    1. Meine Mama hat eben auch so einen Lexikon der Mode Wälzer, mittlerweile hab ich auch mein eigenes Kostümbuch.
      Und ich muss sagen, ich finde es extrem schade, wenn ich auf manchen Näblog historische Roben bewundere, die aber vermutlich nie getragen werden, nach dem Fotografieren. Und im nächsten Januar gibts wieder einen Anlass das Kleid zu tragen und vielleicht haben dann meine Nähkurladys auch ihre geplanten Roben genäht.
      lg Sabine

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    1. Dankeschön
      ich glaube nicht, dass der Vorhang ohne mir noch eine sonderlich lange Lebensdauer hätte. Und denn Rest der wird gerade als Probemodell für ein 40er Kleid verarbeitet.
      Lg SAbine

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  3. Wahnsinniges Kleid, allein die verbrauchte Stoffmenge ist schon zum Staunen. Das Kleid ist perfekt, das ganze Outfit ist wow, und dann noch so schön fotografiert. Ich würde so ein Kleid zu gerne mal tragen, einfach um zu wissen, wie man sich darin fühlt. LG Angela

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    1. Dankeschön, zum Glück habe ich alte Vorhänge verwenden können für 2 €, andernfalls wäre dass sicher teurer geworden. Luzern ist einfach ein tolles Fotomotiv. Und das Tragegefühl ist definitv anders, man deutlich langsamer unterwegs, es wird Platz gemacht und man merkt auch das Gewicht vom Stoff, jedenfalls wahr nachdem ich das Kleid über mehrere Tage getragen habe, die normale Kleidung sehr leicht und luftig. Besonders am Hintern wars auffällig, da hat man ja einiges an Stoff und Unterbau.
      Lg Sabine

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  4. Klasse! Mal ein ganz anderes Kleid! Wahnsinnsarbeit die dahinter steckt. Aber es hat sich echt gelohnt und toll, dass du es noch einmal anziehen kannst.
    lg Charla

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    1. Dankeschön.
      Ja es war vom nähen mal was ganz anderes und ein bisschen weniger streng durfte man auch sein.
      Bin auch sehr erfreut, dass ich noch eine zweite Möglichkeit habe, dass Kleid anzuziehen. Wäre ja schade drum.
      Lg Sabine

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  5. Zwei Dinge find ich schade: Dass die Schönheit Luzerns in real durch die Touristenmassen nicht zu Geltung kommt, sondern wie so ein Disneypark wirkt und dass man mit solch einem Kleidungsstil ausserhalb der Fasnachtszeiten zu arg auffällt, bzw. es wahrscheinlich unpraktisch für die Frau von heute ist.
    Ich fände das so cool, so ausstaffiert rumzulaufen. Also, glaub ich, ich habs nie probiert. Es sieht jedenfalls grandios aus!

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    1. Ach wenn man den Schwanenplatz meidet und nicht glaubt über die Kapellbrücke laufen zu müssen, kommt eigentlich gut mit den Touristen zurecht. Da gibt es bei weiten überlaufener Plätze wie Venedig.
      Aber ich denke, wenn man so außerhalb der Fasnacht, mit dem Kleid rumlaufen würde, würden alle gucken und sich fragen wo noch eine Kostüm Party stattfindet und die Touristen würden alle die Handys zücken.
      Allerdings meist wird man ignoriert (bin schon aus diversen Gründen mit anderen historischen Kostüm unterwegs gewesen)
      Lg u

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