ZERO WASTE NÄHEN ein Buch von Stefanie Kroth

Bei meinem letzten Stadtbesuch sah ich das Buch ZERO WASTE NÄHEN von Stefanie Kroth zum ersten Mal im Buchgeschäft, schön aufgelegt bei den neuen Handarbeitsbüchern. Natürlich habe ich es mir angesehen, darin geblättert, geschmökert. Ich war überrascht wie umfangreich es ist. Jetzt liegt es zuhause neben mir. Immer noch und immer wieder bin ich begeistert von den richtig coolen Fotos. Ein großes Kompliment an den Fotografen Guido Köninger und die Models Miriam, Nina und Lukas. Die Aufnahmen entstanden übrigens am Gaswerkgelände in Augsburg…So nah, so futuristisch und gleichzeitig stimmungsvoll. Das gefällt mir an dem Buch: es geht um ZERO WASTE NÄHEN. Also nähen mit keinem oder wenig Verschnitt. Dazu passt auch die Szenerie der Aufnahmen, die Farbpalette der Materialien und das gleichzeitig alltagstaugliche und extravagante Design der Kollektion.

„ZERO WASTE MODEDESIGN vereint drei Leidenschaften von mir: Drapieren, Teilungsnähte anders ansetzen und Schnittteile puzzlen…“schreibt die Autorin in ihrem Vorwort und weiter:„ZERO WASTE MODE kann nicht auf dem Reißbrett entstehen, so wie der Entwurfsprozess in der Modeindustrie aktuell abläuft. ZERO WASTE MODE entsteht aus einer Idee und entwickelt sich auf Schnittpapier und Stoff weiter bis es ein Modell ist. Ich bastle oft zuerst kleine Papiermodelle und teste eine Stoffvariante, auch wenn noch nicht alle Stoffstücke als Schnittteile vergeben sind. Für die übrigen Teile findet sich beim Drapieren an der Schneiderpuppe- oder wenn das Teil angezogen und in Aktion ist-oft noch eine bessere Lösung.“

Das Buch selber gliedert sich in zwei Teile: die Grundlagen (Erklärung ZERO WASTE, Größentabelle, kleine Stoffkunde, Zuschneiden) und die Projekte.

Die Erklärung ZERO WASTE beginnt sehr schön mit einer Feststellung, die wir alle vergessen haben: „Das Konzept hinter ZERO WASTE-mit null Stoffverschnitt auszukommen-gibt es, seit sich der Mensch in Textilien hüllt. Kein Stück aufwendig gewebten Materials sollte verschwendet werden…“ Es ist eben unendlich langwierig aus feinen Fäden einen Stoff in der Größe eines Kleidungsstücks zu weben- jede WeberIn weiß das (darum zerschneiden die wenigsten Handweber gerne ihre Arbeit). Die Geschwindigkeit moderner Webmaschinen ließ uns das vergessen. Trotzdem ist Stoff immer noch ein wertvolles Material für das viele Ressourcen verbraucht werden. Spannend ist natürlich was Stefanie Kroth mit dem Konzept ZERO WASTE macht. Sie begnügt sich eben nicht mit zwei Rechtecken mit Hals- und Armloch. Ihre Modelle sind aus unterschiedlichen Grundtechniken entstanden: mal sind die Ärmel angeschnitten, mal Vorder- und Rückenteil gegenläufig geschachtelt, mal sind die Schnittteile Dreiecke…

Die Größentabelle hilft uns die passende Größe zu finden: es gibt zwei Größen. Größe1 für Damen 36-40/S-M, für Herren 44-48/ XS-S und Größe 2 für Damen 42-46/L-XL und Herren 50-54/M-L. Die Autorin gibt noch einige Tipps und Hinweise, wie man seine Größe am besten einschätzen kann und welches Maß (Brustumfang, Taillenumfang…) am wichtigsten ist. Ich habe sieben unterschiedliche Modelle genäht. Die Weste sitzt eher locker, der asymetrische Rock ist sehr schmal…Es kommt natürlich auch darauf an, wie eng oder weit man seine Kleidung möchte und welche Figur man hat.

Eine kleine Stoffkunde gibt grundsätzliche Informationen zu Web- und Strickstoffen, Jersey-Tipps und Stoffbreiten.

Der wichtigste Abschnitt im Teil 1 ist aber das Zuschneiden. Denn das ist völlig anders. Das Zuschneiden war ein neues Erlebnis. Ich wusste zuerst nicht so genau, wie ich es am besten mache. Letztlich habe ich mich Stück für Stück vorgearbeitet, also die Randteile geschnitten, dann die nächsten usw. Bei einigen Modellen geht das ganz leicht (der Shorts, der Hose, der Wickelbluse, der Longvest..) beim Hoodie war das schon etwas kniffliger. Wichtig ist der im Buch enthaltene Zuschneideplan. Denn beginnt man erst einmal mit dem Zerschneiden des Bogens kommt man schnell durcheinander. Das Schnitt auflegen ist wie ein Puzzle. Zudem liegt Teil an Teil ganz knapp auf dem Stoff gerade eine Schnittbreite getrennt, das ist gewöhnungsbedürftig.

Der zweite Teil umfasst 25 Projekte in unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad von der sehr einfachen Wickelbluse bis zum komplexen Blazer. Gekennzeichnet ist das „Nählevel“ mit Schneiderscheren: eine Schere=Nähanfänger mit Grundkenntnissen (es gibt keine Reißverschlüsse oder Knopflöcher), zwei Scheren=geübte NäherInnen und drei Scheren= versierte HobbynäherInnen. Es gibt Modelle für Männer und Frauen. Insgesamt eine sehr junge, cleane Kollektion, zeitgemäß gedacht, wo sich die Grenzen zwischen Damen- und Herrenmode oft verwischen.

Die einzelnen Modelle werden mit einem ganzseitigen Foto vorgestellt. Dazu gibt es einen kurzen Text zur Idee des Modells. Dann folgen die Materialliste und Schnittteile (das hilft sehr!). Auf den nächsten Seiten folgen die Zuschneidepläne des Modells für beide Größen. Jeder Zuschneideplan ist mit einem 5 x 5cm Raster unterlegt und kann von Hand vergrößert werden oder als PDF heruntergeladen werden. Da gibt es die erste Überraschung: Die Schnittpläne zeigen in sich verschachtelt das Modell, ausgerichtet auf eine bestimmte Stoffgröße z.B. Webware 140cm breit und 49,5cm lang. Im Buch sind neben dem Zuschneideplan Zeichnungen abgebildet, die mithilfe eines 3-D-Avators entstanden sind. Sie helfen das Modell verstehen und zeigen wie das Kleidungsstück real sitzt. „Nähen“ titelt der nächste Abschnitt. Hier werden in nummerierten Absätzen die einzelnen Herstellungsschritte beschrieben. Gelegentlich gibt es zusätzliche technische Zeichnungen oder ein weiteres Foto, um einen Arbeitsschritt zu erklären oder z. B. die Rückenseite des Modells zu zeigen.

Das Layout ist sehr großzügig und übersichtlich gestaltet. Jedes Modell hat eine eigene Kennfarbe: der Titel ist z.B. grün, die Scheren (die den Schwierigkeitsgrad zeigen), die Ziffern der Absätze und die Seiten der Anleitung sind mit dieser Farbe umrandet. Man weiß genau, was noch zum jeweiligen Projekt gehört.

Stefanie Kroth hat eine Ausbildung zur Schnitt- und Entwurfsdirectrice und das Studium Medien und Kommunikation. Moderne und nachhaltige Schnitte liegen ihr besonders am Herzen. Sie arbeitet als Schnittdirectrice und entwirft für ihre Kunden Mehrgrößen- oder Maßschnitt-Kollektionen und kümmert sich um die digitale Umsetzung.

Ich zeige hier drei Modelle: die Shorts genäht in der kleinen Größe 1 aus afrikanischem ShweShwe (sie sitzt bei Sabine etwas knapp) und das Wasserfallshirt ebenfalls in der kleinen Größe genäht. Das Wassefallshirt ist ein genialer Schnitt! Kompliment an die Designerin Stefanie Kroth! Der Hoodie ist Größe 2 und passt natürlich nicht nur Sabine (als „Super-Oversize-Hoody“) sondern auch mir und meinem Mann…Er war etwas anspruchsvoller zu arbeiten, punktet allerdings mit sehr schönen Details, die bei meinem Musterstoff vielleicht nicht ganz ideal zur Geltung kommen.


Fazit: Ein schönes Buch und ein neues Nähabenteuer. Außerdem ein tolles Gefühl: Es bleibt tatsächlich (fast) nichts übrig!

Buch: ZERO WASTE NÄHEN von Stefanie Kroth, erschienen 2022 im Stiebner Verlag, 173 Seiten, durchgehend Fotos und Illustrationen, Softcover, Format 21cm x 26cm, ISBN 978 3 8307 2116 1

Stoffe: ShweShwe gekauft bei Karlotta Pink, Viskosejersey, Strickstoff, Zubehör gekauft bei MyTex


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