Verflickt & zugenäht- ein Buch von Kerstin Neumüller

Verflickt&Zugenäht Kerstin Neumüller Hauptverlag

„Ist es nicht schade, wenn man gezwungen ist, sein liebstes Kleidungsstück wegzuwerfen, weil es verschlissen ist? Im Lauf der Jahre habe ich viele Menschen getroffen, die dieses Problem jewils auf individuelle Weise gelöst haben. Am meisten faszinierte mich daran immer , dass es dabei kein objektives Richtig oder Falsch gibt. So durfte ich einmal eine Woche mit einer Meisterin im Kunststopfen verbringen, die wunderbare unsichtbare Flickarbeiten machte. Ein Loch in einem Sakko reparierte sie beispielsweise, indem sie ein neues Stück Stoff kunstvoll einwebte. Einige Zeit später traf ich meinen alten Punker-Freund wieder, der mir verriet, dass er sein Flickzeug immer bei sich hat. Dabei fischte er Textilkleber und einen bedruckten Stofffetzen aus der Hosentasche…“

Schon die Einleitung von Kerstin Neumüller hat mich begeistert. Weiter erzählt sie, eine gelernte Schneiderin, von der Jeansboutique, die sie zusammen mit ihrem Freund in Stockholm betreibt. Und- das ist aus verschiedenen Gründen interessant-, dass er ein Material-Nerd ist, genau wie sie selber. Beide legen Wert auf solide gearbeitete und langlebige Kleidungsstücke guter Qualität. Die Frage „Was ist eigentlich gute Qualtät?“ beantwortet die Autorin so:

„Kleidung von guter Qualität hat meist eine längere Lebensdauer als billige Massenartikel. Außerdem lassen sich solche Kleidungsstücke oft leichter flicken als jene, die möglichst kostengünstig produziert worden sind. Das Schwierige am Qualitätsbegriff ist, dass es viele verschiedene Auffassungen darüber gibt und man ihn häufig benutzt, um generell etwas Gutes zu beschreiben. So ist der Begriff ziemlich nichtssagend geworden…Beim Kauf prüfe ich auch die Nähte des Kleidungsstücks, um zu sehen, ob Fäden abstehen oder heraushängen…“

Überlegenswert finde ich ebenso ihre Ausführung zum Thema vorbehandelte Kleidung, ramponierten Jeans, dem Used-Look. Solche Kleidungsstücke haben durch die extremen Verfahren, denen sie vor dem Verkauf ausgesetzt werden, eine kürzere Lebensdauer (und Arbeiter in solchen Betrieben sind mit 30 Jahren arbeitsunfähig-vergl.Textilrevue2019…). Kerstin Neumüller kauft solche Kleidung grundsätzlich nicht. Sie bevorzugt Naturmaterialen ohne synthetischen Fasern, nicht weil synthetische Fasern sondern die Mischungen oft schlecht sind.

Verflickt&Zugenäht Kerstin Neumüller Hauptverlag

Es geht also um sichtbares und unsichtbares Stopfen, Flicken, Reparieren von Kleidung, auch von Strickwaren in diesem herrlichen Buches. Schon alleine das Papier auf dem gedruckt wurde ist wunderbar zum Anfassen, dann die stimmungsvollen Foto und informativen Texte und Anleitungen- mit einem Wort, ein Buch, ganz nach meinem Herzen.

Nach dem Vorwort folgt ein Kapitel mit dem Titel „Bevor sie beginnen„. Hier werden alle Material- und Zubehörfragen geklärt (Sticharten, Garn, Fingerhüte, Fadenlänge…) Danach gibt es sechs große Abschnitte: Wenn es schnell gehen muss, Flicken mit der Hand, Stopfen, Flicken mit der Nähmaschine, Stricksachen stopfen und Leder. Den Abschluss bildet eine Materialkunde (Tierische, pflanzliche Fasern, Wäsche, Brennprobe..) und ein Exkurs im Kunststopfen.

Im Abschnitt „Wenn es schnell gehen muss“ lernt man zum Beispiel, wie man einen Knopf an einem ungefütterten und gefütterten Kleidungsstück annäht- und erfährt nebenbei warum mit der Maschine festgenähte Knöpfe so schlecht halten. Das Layout ist sehr zurückhaltend und klar, cool eben. Es gibt zu jedem Thema eine kleine, kursiv gedruckte Einleitung. Danach abgegrenzt zwischen zwei punktierten Linien, übersichtlich und deutlich abgesetzt: Sie benötigen: Nähgarn in…. Darunter folgt die Beschreibung, wenn nötig ergänzt von Zeichnungen und/ oder Fotos.

Vieles ist- zumindest theoretisch- dem einen oder anderen bekannt (Lernt man heute noch Stopfen in der Schule?), anderes ist neu und ungewöhnlich. Sehr inspirierend finde ich die, ganz bewußt, sichtbar eingesetzten Flicken oder aufgestickten Flächenmuster. Mir gefällt aber vor allem die Achtung und der Respekt mit dem die Autorin über Kleidung spricht und die liebenswürdige Art, in der sie über mögliche oder beste Reparaturvarianten erzählt.


Fazit: Ein schönes, wirklich ansprechendes Buch mit sehr viel praktischem Inhalt, in dem ich auch gerne lese und die Fotos genieße.

Buch: Verflickt&Zugenäht von Kerstin Neumüller erschienen 2019 im Hauptverlag, 125 Seiten, Softcover, 17cm x 24cm, zahlreiche Fotos von Hampus Andersson und Illustrationen von Terese Karlsson, ISBN 978-3-258-60209-7

Verflickt&Zugenäht Kerstin Neumüller Hauptverlag

10 Gedanken zu “Verflickt & zugenäht- ein Buch von Kerstin Neumüller

  1. Ein sehr wertvolles Buch, ich mah euren Blog sehr, auch wenn ich selten kommentiere, zu der Frage zur Schule, in Vielen Bundesländern in Deutschland gibt es keinen Handarbeitsunterricht (ich habe nur gehört, dass Bayern sowas noch hat), im Kindergarten lernt man Fingerhäkeln, Weben, Pompons basteln und mit viel Glück, wo es sowas gibt und dann als Wahlthema, in Projektwochen in der Grundschule Einfädeln und z.B. Knopf annähen manchmal sogar ein bisschen Hand nähen…. LG Anja

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    1. Danke für deinen Kommentar! Eigentlich schade, dass man so schnell und leicht Stunden wie Handarbeiten, Zeichnen, Musik oder Turnen kürz und streicht-auch bei uns, einfach weil in diesen Fächern wertvolle Fähigkeiten, auch Fingerfertigkeit, erlernt werden, oder sie schlicht und einfach Freude bereiten und die Fantasie anregen. Nicht, dass ich jetzt selber dem Fleckeinsetzen sehr viel abgewinnen konnte…Aber es schreckt mich einfach, wenn eine Mutter schlicht nicht in der Lage ist einen abgerissenen Saum mit ein paar Stichen festzunähen-ist bei von mir verliehenen Barockkostümen immer wieder ein Thema gewesen. In unserem Büchereiprojekt Sockentiere hatten die Kinder jedenfalls viel Freude mit Handarbeit.Liebe Grüße, Silvia

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  2. Ich bessere meine Kleidung auch aus. Jeans einfach wegwerfen, weil sie an den Innenseiten der Hosenbeine ein oder mehrere Löcher haben, würde mir nicht einfallen. da ich auch meine Hosen selbst nähe, denke ich mir: Bevor ich mir eine neue Hose nähe, flicke ich die alte, das ist erst einmal weniger Arbeit und wenn die Hose unansehnlich geworden ist, wird sie für die Gartenarbeit angezogen.

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    1. Meine Hosen trage ich auch immer bis sie mir buchstäblich vom Leib fallen, am Land ist das bei uns auch wirklich sehr üblich Kleidung auch Arbeitskleidung immer wieder zu reparieren. Einmal habe ich für einen Landwirt eine Jacke so gut es ging geflickt, einfach weil es seine Lieblingsjake war-da hingen die Fetzen wirklich schon herunter. Ich finde es schön , dass du dir die Zeit für Reparaturen nimmst, liebe Grüße , Silvia

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    1. Das mit dem unnützen Kram ist ein interessanter Aspekt, ich mag auch hin- und wieder ein paar „kreative Spielchen“, aber, wenn ich ehrlich bin, befriedigt einem eine Handarbeit, die sinnvoll ist einfach mehr. Liebe Grüße, Silvia

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  3. Ein Buch, das auch ich sehr gerne gelesen habe. Es ermutigt zum sichtbaren reparieren. Danach habe ich einige Reparaturen und Nadelübungen mit Boro und Sashiko genadelt.
    LG Ute

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  4. So ein schönes Buch und so ein wichtiges Thema! Wahrscheinlich verbringe ich sogar mehr Zeit damit, alte Sachen zu reparieren, Nähte zu erneuern, Löcher zu stopfen,… als damit, neue Dinge zu werkeln. Oje, die Kiste mit „zu reparieren“ quillt schon wieder über – wird Zeit, dass ich mich daran mache. Trotzdem schaffen es die Reparaturen bei mir nie auf den Blog, warum eigentlich? Ein Beitrag zum Thema „reparieren“ ist schon halb fertig. Wird Zeit, dass ich den mal hervorhole.
    Zum Thema „Handarbeiten und Werken in der Schule“ – oder eben auch nicht – könnte ich mich stundenlang aufregen. Der im Grunde unsäglich dumme und ungerechte Fokus im Schulstystem auf die intellektuellen statt der praktisch-kreativen Fächer bringt mich zur Weißglut. Aber das ist ein anderes Thema…
    Danke für die schöne Buchvorstellung! Sag: Bist du zufällig ihn einem Deiner Bücher über eine Anleitung gestolpert, wie man durchgewetzte Krägen von Männerhemden erneuern kann? Liebe Grüße, Gabi

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    1. Das letzte zuerst: meine Mutter hat durchgewetzte Krägen einfach im Zickzackstich übernäht, das taugt natürlich nur für Arbeitshemden. Aber ich habe das Gefühl, ich hab‘ da wo was gesehen, muss noch nachdenken wo…Ich fände es cool , wenn wir mehr übers Reparieren schreiben, noch dazu wo du einen Beitrag fast fertig hast. Ja, und was Handarbeiten und Werken in der Schule betrifft, darüber sind wir uns einig- und ich finde, man sollte es ansprechen, wo immer es geht. Es geht wirklich viel verloren. Liebe Grüße, Silvia

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