Ein Wienerwald Waschdirndl in Vanille

Seit längerem begeistere ich mich für Dirndl mit einem „gezogenem Brustfleck“ am Leibvorderteil. Eine Version des Dirndlleibs, die leider inzwischen total aus der Mode gekommen ist und nur sehr sporadisch bei alteingesessenen Dirndllabels zu finden ist.

Allgemein ist im Moment der Trend tiefer Ausschnitt oder hochgeschlossen, je nach Stilrichtung, entweder ganz schlicht und bodenständig, oder üppig dekoriert mit Rüschen und Schnürungen. Umso bedauerlicher ist es, dass viele andere Schnittformen irgendwie verschwunden sind.

Aber man kann sie sich ja selber nähen oder ein Vintage Dirndl kaufen. Ich habe mir also das Buch Trachten in und rund um Wien gekauft. In diesem Buch gibt es eine sehr detaillierte Anleitung wie man ein Dirndl näht (Sewing Galaxy hat nach diesem Buch ihr Dirndl genäht). Wenn ihr euch für Dirndl interessiert, die über das üblich hochgeschlossen und Ausschnitt hinausgehen, und auch noch mehr Hintergrund und Fachwissen haben möchtet, kann ich euch das Buch nur ans Herz legen. Ich habe meine ersten drei Dirndl nach diesem Buch genäht. Inzwischen mache ich manche Sachen anders als im Buch gezeigt, aber wenn ich mal was ganz genau wissen möchte, greife ich wieder darauf zurück.

Die erste Hälfte des Buches zeigt die verschiedenen Trachten rund um Wien. Welche Farben, Stoffe und Knöpfe, welcher Schnitt, alles was man wissen muss, um sich ein Dirndl nachzunähen. Im Buch befindet sich ein Rohschnitt eines Dirndlleibes, mit dessen Hilfe man sich den gewünschten Schnitt konstruieren kann. Für die diversen Modelle im Buch mit gezogenem Brustfleck gibt es extra Schemazeichnungen, an denen man sehr gut sieht, wie man den Schnitt umbauen muss, damit man am Ende das richtige Ergebnis bekommt.

Ich habe mich von all den Modellen mit gezogenem Brustfleck für das Wienerwald Waschdirndl entschieden. Ursprünglich besteht es aus einem rot karierten Leib, einem blauen Rock und einer hellblauen Schürze.  Nicht so meine Faben, aber das habe ich ja geändert, indem ich mich für einen vanillegelben Stoff mit weissen Print entschied. Das Spezielle an diesem Waschdirndl ist, dass es hinten geknöpft wird. Zugegeben das macht das Anziehen etwas sportlicher mit dem Verrenken, aber es ist machbar. Dazu kommen sich kreuzende Träger und vorne eben der gezogene Brustfleck. Was auch noch typisch für das Waschdirndl ist, es sind üblicherweise luftige Sommerdirndl, die oft ohne Bluse getragen werden und auch ohne Schürze.

Also habe ich mir den Grundschnitt abkopiert (ich hätte alternativ auch einen gut passenden Dirndlschnitt ohne viel Schnickschnack verwenden können), bin damit in den Nähkurs und habe mir  mit der Kursleiterin den Schnitt hergerichtet. Dann folgte natürlich ein Probemodell, das wir noch angepasst haben. Die Korrekturen habe ich danach auf den Schnitt übertragen und -dann war mal Pause, mein Nähmojo war weg.

Im Januar hatte ich zugeschnitten, und den Streifenprint bestmöglich ausgenützt. Mit Unterstützung der Kursleiterin habe ich teilweise den geraden Stoff in Form gebügelt damit das Muster perfekt weiterläuft. Allerdings ist dieser Stoff jetzt nicht unbedingt so gut geeignet (wie etwa ein Wollstoff) um in Form gebügelt zu werden. Danach habe ich alle Teile mit Einlag stabilisiert, nur der gezogenen Brustfleck bekam eine dünnere Einlage, damit das Eingereihte schön wird und nicht seltsam aussieht. Die Einlage war auch nötig, da der Stoff nicht blickdicht ist, dass sieht man sehr gut am Rocksaum. (Ich brauche unbedingt noch einen weissen Unterrock, ein Petticoat ist nicht alltagstauglich)

Den Rock habe ich eher unüblich quer gestreift zugeschnitten, was es später beim Bügeln des Saums sehr gemütlich macht, da ich mich am Muster orientieren konnte.

Fürs Futter habe ich einen dünnen Stoff mit Print mit einer Popeline unterlegt, etwas aufwendig aber ich wollte unbedingt den Muschelprint verwenden und der Stoff war noch weniger blickdicht als der Vanillestoff.

Das Zusammennähen der Rückenteile war ganz unkompliziert und ich habe sogar gleich(!) die Knopflöcher gemacht. Gemacht ist gemacht. Das Vorderteil war allerdings ein bisschen tückischer, vor allem musste ich die Nahtzugabe des Brustflecks beim Oberstoff und beim Futter irgendwie in den Griff bekommen. Ich habe die Lösung knappkantig overlocken gewählt. Beim Brustfleckfutter entfernte ich fast die komplette zugegebene Einreihweite, damit sich das Futter nicht unnötig aufbauscht, man muss mit dem Akzentuieren der Brust nicht übertreiben. Wenn ich klug gewesen wäre, hätte ich mir das Futter gleich vorab passend gerichtet und nicht nach und nach die Weite beim Zusammennähen entfernt. Aber trotz sehr vielen Fluchen und jammern, (Sorry Maria, Dana, Anna, Hanna, Sandra und alle anderen die mir zuhören mussten…) hatte ich es dann doch mal geschafft. Sogar mit der Paspelschnur ist es sich auf den Zentimeter genau ausgegangen, nur 3 cm blieben über.

Den Rock in Falten zu legen war geradezu ein Kinderspiel, ich habe mich für Messerfalten entschieden, obwohl ich ursprünglich in der hinteren Mitte eine doppelte Kellerfalte machen wollte. Das harmoniert aber nicht so mit dem Knopfverschluss, der nicht mittig ist, sondern sich mit einem Ober und Untertritt überlappt.

Jetzt war das Dirndl fertig und als einzige Frage war noch zu klären, welche Schürze würde mir dazu gefallen. Obwohl nicht unbedingt meine Farbe, fiel mir als erstes Flieder als perfekt passend ein. Natürlich hatte ich keinen fliederfarbenen Stoff zuhause, ist ja wie gesagt keine Farbe, die ich regulär vernähe. Allerdings, bei Yingdesign, hatte ich wunderbare Stoffe mit total süssen Vögel und Blätter Print gesehen. Da ich mich da nicht zwischen dem eher fliederfarbenen, blaustichigen Print und dem pinken Print entscheiden konnte, nahm ich von beidem 1 m (Stoffbreite 110cm). 1 Meter ist perfekt für eine Schürze die ca 66 cm lang ist und hinten gebunden wird. Okay, ich habe auch noch ein paar Meter vom Grünen genommen- für ein grünes Dirndl und ein paar Meter vom Orangen für ein Sommerkleid.

Aber zurück zu meinem vanillefarbenen Waschdirndl: Als erstes nähte ich die pinke Schürze und da ich gerade zwei Schürzen mit schlicht abgsteppten Messerfalten genäht hatte, wollte ich mal etwas anderes machen. Um mich zu inspirieren griff ich dieses mal zum Buch Werktagsgewand von der Trachtenberatungstelle Baden. Ein sehr ähnlicher Inhalt wie im Wiener Buch, aber mit einigen Informationen und Inspirationen, die im anderen Buch nicht sind, besondere Schürzenformen z.B. Eine der Schürzen im Buch hat in der Mitte 15 cm glatt und nur rechts und links davon sind Falten gelegt und darüber wird gestickt oder gesteppt. Dafür entschied ich mich. Gleich beim ersten Versuch hatte ich die ideale Faltentiefe erwischt, sodass die Schürze die richtige Weite haben würde. Jetzt musste ich die Falten noch ein bisschen auffächern, feststecken, die Linie zum Sticken anzeichnen und sticken. Zum Sticken habe ich weisses Stickgarn mit allen 6 Strängen verwendet damit sich die Linie vom Print auch wirklich absetzt, ganz symetrisch sind die Bögen nicht geworden, aber symetrisch genug, dass ich nicht erneut aufgetrennt habe.

Bei der der zweiten Schürze wusste ich ewig nicht, was ich eigentlich machen sollte und entschied mich tausendmal um. Am Ende wählte ich mini 1 cm Falten, da hätte ich gerne einen Ruffler gehabt ( beim nächsten Stoffgeschäftbesuch einen bestellen). Allerdings habe ich trotz all meiner Bemühungen bei einem der beiden Schürzenbänder die Vögel auf  den Kopf gestellt. Wer erkennt bei welcher Schürze?


Fazit: Das Wienderald Waschdirndl war eine grössere Herausforderung als gedacht, vor allem das Anziehen ist eine gewisse Verrenkerei, aber machbar. Ich denke, ich werde den Schnitt ein zweites Mal nähen und dabei die zwei, drei Fehler dieser Version ausmerzen. Meine Passform könnte etwas besser sein, aber für alleine daheim nähen, ohne Nähkursleiterin, die perfekt anpasst, finde ich es ganz in Ordnung.

Schnitt&Buch: Trachten in und rund um Wien, Wienerwald Waschdirndl, Schürzen nach dem Buch Werktagsgewand von der Trachten Beratungsstelle Baden

Stoff: vanillefarbener Dirndlstoff myTex, Schürzen Stoff Bird&Branches von Yingdesign

Ein herzlicher Dank geht an Dani von Fotospuren und Marco von Mr-Foto vom Fototeam Luzern für das Fotoshooting und die tollen Fotos.


12 Gedanken zu “Ein Wienerwald Waschdirndl in Vanille

  1. Wunderschön! Das ist mal eine etwas originellere Form. Vielleicht bestelle ich mir das Buch auch 😀
    Wenn ich nicht ein G-Körbchen hätte, das wirklich nicht noch mehr Bausch braucht, würd ich mir glatt auch so ein Waschdirndl nähen wollen 🙂

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    1. Das Buch ist echt ein gutes Buch, wenn es mal ein bisschen mehr in die Tiefe gehen soll.
      Und bezüglich nicht zuviel Bausch, Ich habe auch eine Version mit so Brustfleck der nicht gezogen sondern mit abgesteppten Falten ist, da gibt es kein zusätzliches Volumen.
      LG Sabine

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  2. Liebe Sabinemichaela,
    was für ein tolles Dirndl du wieder genäht hast, klingt aber auch nach viel Arbeit. Als Kind hatte ich auch eines mit gezogenem Brustteil, ein Hitzgwandl, so etwas habe ich aber seither tatsächlich nicht mehr gesehen.
    Mein Favorit bei deinem Dirndl ist aber eindeutig das Rückenteil, schön!!!
    LG Elke

    Gefällt 1 Person

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