Upcycling – Sinnvoll oder Nutzlos?!

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Wo immer man über Abfallwirtschaft liest, wird das Thema Recycling sehr ausführlich behandelt. Wir sind ja mittlerweile echte Recyclingprofis geworden- schön, denn das war leider nicht immer so.  Recycling  bezeichnet zwar ein Wiederverwerten, aber es entsteht fast immer ein mindereres Produkt. Upcycling wird meist nur nebenbei erwähnt, etwa so: „Upcycling ist eigentlich ein Hinausschieben des Wegwerfens…“

Unter Upcycling versteht man gemeinhin ein Umarbeiten und gleichzeitig Aufwerten des Kleidungsstücks oder auch aus dem Material etwas völlig Neues- und wenn möglich Hochwertigeres – zu schaffen. Und darin liegt ungeheures kreatives Potential. Das Wiederverwerten textilen Materials und auch der Handel mit Alttextilien ist nicht neu, das gab es schon im Mittelalter, sehr wahrscheinlich seit es Textilien gibt. Textilien waren echtes Luxusgut, aufwendig in der Herstellung und teuer, einfach zu schade zum Wegwerfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Beiträge zum Thema Upcycling!

Ein typisches Beispiel der häuslichen Wiederverwertung untragbar gewordener Kleidung und Bettwäsche ist der Flickenteppich. Ich habe noch eine ganz vage Erinnerung an einen langen Winterabend an dem meine Eltern – weiß der Himmel woher – Körbe mit alten Klamotten heruntertrugen. Meine Mutter saß an der Nähmaschine, wir anderen saßen um den Kleiderberg mit Scheren bewaffnet und zerschnitten die Textilien in ca. 5cm breite Streifen. Das war recht spannend, für uns Kinder: Soviel bekannte oder auch unbekannt Kleider gab es zu entdecken. Meine Mutter nähte die mehr oder weniger langen Streifen zu ganz, ganz langen Streifen, die dann zu Knäueln aufgewickelt wurden. Das ganze wurde danach zu einem Weber gebracht, der die Teppiche in der gewünschten Länge und Breite herstellte. Die Teppiche waren irgendwie gestreift, besondere Muster gab es keine. Aber beim Spielen am Boden haben wir oft unsere abgelegten Kleider im Teppich verwoben wiederentdeckt und die Veränderungen, die mit den Mustern durch das Weben entstanden, bewundert. Das war übrigens meine einzige diesbezügliche Erinnerung. Kleider wurden für diesen Zweck nicht mehr gesammelt und zerschnitten: Es gab keine Weber mehr, die daraus Teppiche anfertigten.

Eine aufwendigere Tradition der Verarbeitung zu Teppichen gibt es im Norden, speziell in Schweden: Trasmattor. Hier werden ganz bewusst Textilien, oft mit besonderem Erinnerungswert, zu schön gemusterten Teppichen verwebt. Teppiche waren früher ein Statussymbol: Nur ein wirklich reiches Haus besaß diesen Überschuß an textilem Material um daraus Teppiche zu machen.

Ein anderes Beispiel ist der Flickenmantel der Derwische oder die warmen Kimonos aus Sakioristoff (hergestellt aus verwebten Stoffstreifen verschlissener Indigo-Stoffe) in Japan.

Patchwork (auf Deutsch: Flickwerk) und Quilten gehören ebenfalls zu den Möglichkeiten der Wiederverwertung, ursprünglich wurden sie nur aus alten Textilien hergestellt. Ich finde gerade bei alten Beispielen dieser beiden Techniken kann man großartige, handwerkliche  Kunstfertigkeit erkennen.

Der Trend aus Altkleidern völlig neue, avantgardistische Kleidung zu gestalten ist neu. Upcycling, Redesign, Refashion sind einige Begriffe, die in diesem Zusammenhang häufig zu hören sind. Die Herangehensweisen professioneller Designer, genauso wie bei uns Amateuren sind sehr verschieden. Aber immer geht es um Konzepte und Entwicklung zu ökologischen, nachhaltigem Design. Ressourcenmangel, Klima- und Umweltveränderungen, das völlig verrückte, sich immer rascher drehende Modekarusell sind wohl der entscheidende Grund für diese Entwicklungen, Versuche, Arbeitsweisen und Ideen.

Upcycling ist einfach eine tolle Herausforderung. Das schöne am Upcycling ist: das Ausgangsmaterial gibt es oft umsonst. Ich habe bei meinen ersten Versuchen, erst einmal den eigenen Kleiderschrank geplündert (es ging damals um T-Shirts, und da ich selber kaum welche trage, war es vor allem der Schrank meines Mannes). Nachdem das nicht so ausgiebig war, habe ich in Familie, bei Freunden, Nachbarn und Bekannten herumgefragt. Immer mit dem Hinweis, es sei ganz gleich wie gut oder schlecht die Kleider seien (sonst ist es den Leuten peinlich). Und ich kaufe natürlich auch auf Flohmärkten. Was ich nicht verwende oder wozu mir nichts einfällt, landet wieder im Container. Natürlich klappt nicht alles, manches geht so richtig gründlich daneben. Aber man kann eine Menge dabei lernen, viel über Materialien und ihre Möglichkeiten und Grenzen zum Beispiel. Oder, wenn man einen Maßanzug zerlegt, sieht man auch den exakten Aufbau eines Kleidungsstücks.

Die verschiedenen Herangehensweisen

Man kann ganz einfach ein Kleidungsstück aufwerten, indem man neue schöne Knöpfe annäht. Man kann es mit Bändern, Borten, Applikationen oder Spitzen schmücken. Das war zu allen Zeiten ein üblicher Weg, die eigene Garderobe aufzufrischen, Kleider genauso wie Hüte.

Man kann etwas wegschneiden: den Rock kürzen, die Ärmel entfernen, den Kragen abschneiden, einen neuen Halsauschnitt gestalten … Oder man kann  T-Shirts einschneiden und quasi „Zöpfe“ hineinflechten oder Loch/Schlitzmuster entstehen lassen. Das hat mir Sabine gezeigt, sie hat tolle Beispiele im Internet gefunden und einiges Nachgearbeitet. Und ich musste das natürlich auch probieren – daher die T-Shirtsuche!

 

 

 

 

Man kann ein Kleidungsstück vollkommen auseinander nehmen – sorgfältig auftrennen, wie es manche Designer machen, oder schnell auseinanderschneiden. Ich gebe zu, ich gehöre mehr zur zweiten Kategorie. Somit erhält man verschieden große Stoffstücke mit denen man neu gestalten kann. Der Vorteil dabei: Man geht wahrscheinlich freiere Wege und entwickelt leichter neue Ideen, man bleibt nicht bei der Form „Bluse“ oder „Hose“ hängen. Es gibt viele Designer, die so arbeiten. Die Bluse wird also nicht umgearbeitet, sondern aus ihr entsteht vielleicht ein Kinderkleid.

Man kann verschiedene Kleider zu einem Neuen zusammenfügen. Aus zwei oder drei Hemden ein Neues Hemd nähen, aus Socken ein Kleid. Reizvoll ist oft, wenn Materialien untypisch eingesetzt werden, transformiert werden (z.B. das Sockenkleid von Anita Steinwidder). Ein gutes Beispiel hierfür ist das Öko-Modelabel Milch. Hier werden bevorzugt Herrenanzüge zu avantgardistischer Damenmode umgearbeitet. Bei Schmidt Takahashi spielt die Geschichte jedes recycelten Teils eine ebenso wichtige Rolle wie das daraus entstandene Kleidungsstück.

Man kann aus sehr großen Kleidungsstücken kleinere nähen.  XXL Männersweater  zu Damenjacken umarbeiten, Babyhosen aus abgelegten T-Shirts nähen.

Man kann den Stoff alter Kleider vollkommen neu und andersartig einsetzen: ein Möbelstück damit beziehen oder, es schließt sich der Kreis, einen Teppich gestalten. Dazu gehören auch die bekannten Taschen aus alten LKW-Planen des Designerteams Freitag.

Man kann alte Kleider und neue Stoffe kombinieren.

Man kann Kleider färben und bedrucken.

Bücher zum Thema: (eine Auswahl)

Ausbessern&Verschönern von Denise Wild (Stiebner-Verlag), ein Buch in dem auch die klassische Reparatur von Kleidungsstücken sehr gut erklärt wird und das weiter führt zum Verändern, neu gestalten, dekorieren (diese Modelle gefallen auch Sabine).

Cut-up-Couture von Koko Yamase, Stiebner, die Autorin zeigt eher Avantgardistisches , „Verrücktes“, sehr cool, sehr modern, für mutige Fashionistas

Shoe Unique von Nina Armbruster, ToppLab, jawohl auch Schuhe kann man aufwerten und wie das gehen kann und mit Humor zeigt dieses Buch

Beinkleider von Lea Reusse und Marie Jaksch, ToppLab, hier geht es um die untere Körperhälfte: Strümpfe, Strumpfhosen, Leggins, Shorts, Hosen, tolle Ideen, hübsch präsentiert- ich hab leider noch nichts probiert

schneiden tauschen nähen /Neues aus gebrauchten Kleidungsstücken von Saphira Graziano, Haupt, vieles in dem Buch ist sehr gelungen (die Halbe-Halbe-Hemden z.B.), mit Bikinis aus abgelegten, übereinander angezogenen Strumpfhosen kann ich mich nicht so sehr anfreunden

Sonderheft von Simplicity, Nähideen aus Alt mach Neu (Pimp your clothes), das war eigentlich eines meiner ersten diesbezüglichen Hefte, gute Ideen, aber auf manchen Fotos sieht man, dass Stoff, der starkes Pilling zeigt, eben trotzdem „abgenudelt“ wirkt.

Es gibt natürlich noch viele andere Bücher (z.B. Das war doch meine Lieblingsjeans von L. S. Wilhelm, ReDesign von Frau Jona&son, Alles Jeans L.S. Wilhelm erschienen im Haupt Verlag), von der Ideenfundgrube Internet ganz zu schweigen: U.a. der Blog New Dress a Day oder Sarah Tyau.


Fazit: Ich glaube es ist vor allem eine gestalterische Herausforderung. Ich beschäftige mich sehr gerne mit dem Thema Upcycling, nicht immer, aber immer wieder. Einige Werke haben es auch tatsächlich auf den Blog geschafft. Manche Ideen kommen sehr spontan und lassen sich auch rasch umsetzten, anderes wird trotzdem entsorgt. Ich würde jedem einmal einen diesbezüglichen Versuch nahelegen.

Material: Alttextilien, aber Achtung: Wirklich gelingen wird Upcycling nur mit gutem Material. Bitte keinen Stoff dessen Oberfläche fusselig oder durchgescheuert ist verwenden, das lässt sich nicht wegmachen. Man ist dann nur enttäuscht. Und: Nicht jedes Material wirkt trotz Abnützungserscheinungen so cool oder edel wie Jeans! Was nicht heißen soll, dass es unmöglich ist Gebrauchsspuren gekonnt oder effektvoll einzusetzen.

Verlinkt: Lust auf mehr Nachhaltiges aus dem DIY-Bereich? Schau doch mal bei der „Öko?-Logisch! Die Nachhaltigkeitsparty“ und der „Einfach. Nachhaltig. Besser. Leben.“ Blogparade rund um grünes Leben, DIY und nachhaltiges Leben vorbei.

Tipp: Auf Pinterest sind viele Ideen zu finden!

 

 


12 Gedanken zu “Upcycling – Sinnvoll oder Nutzlos?!

  1. Das ist ein langer und informativer Post mit vielen wertvollen Anregungen. Danke dafür.
    Da wir zumindest hier und heutzutage nicht aus einer materiellen Not heraus up- oder recyceln, spielen hauptsächlich die Motive Umwelt- und Ressourcenschonung und die handwerkliche Herausforderung im Vordergrund. Da der Anteil des erstgenannten Motivs im Vergleich zur konventionellen Textilproduktion wahrscheinlich im Milleprozentbereich liegt, retten wir die Welt auf diesem Weg nicht. Es ist dann eher die individuelle Befriedigung, die daraus erwächst, Ressourcen geschont und wertiges Material wiederverwendet zu haben. Das ist natürlich auf jeden Fall gut so. Die handwerkliche Herausforderung sehen dann in erster Linie die kreativen Handarbeiterinnen, zu denen wir uns auch zählen. Einen aus meiner Sicht wichtigen Aspekt erwähnst du ebenfalls: Vorsicht bei der Verwendung von minderwertigem Material. Das kann mal OK sein, wenn man eine Idee oder Technik ausprobieren will, aber wenn man ernsthaftes Interesse am fertigen Produkt hat, ist das nicht der Weg. Was mich auch ein wenig stört: wenn man im Netz zu diesem Thema recherchiert, werden oft Projekte mit den Schlagworten „schnell, einfach, unkompliziert, ohne Nähen“ angepriesen. Ein Sinnbild unserer heutigen Zeit! Man will schnell fertig sein und sich nicht tiefer auf etwas einlassen. Schade – da können wir noch viel Missionsarbeit leisten.
    Bei meinen eigenen Re- und Upcycling- Arbeiten, bin ich je nach Ausgangsmaterial und Ziel beide oben beschriebenen Wege gegangen (im Januar bei den Stoffspielereien zu sehen). Auch im Moment bin ich an einer Upcycling-Arbeit: ein zu eng gekauftes Shirt, neu und ungetragen, wird mit einer erprobten Methode weiter gemacht.
    Gibt es eigentlich zu diesem Thema momentan eine Challenge? Wenn nicht, wäre es eine gute Idee, bei der ich mitmachen würde.
    LG
    Siebensachen

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    1. Toll, was du schreibst. Zum Thema Geschwindigkeit: wenn man ganz klar weiß, wie man es machen wird, geht es schon (manchmal) schnell. Muss man sich allerdings allerdings erst hintasten, dauert Upcycling oft länger, aber warum soll alles immer schnell gehen? Wir haben ja beinah schon verlernt ein langsames Wachsen zu genießen. Liebe Grüße Silvia

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  2. Ich habe vor längerem bei einem verschlissenen T-Shirt den Spruch auf der Vorderseite ausgeschnitten, auf Vlieseline gebügelt und das Ganze in einen übriggebliebenen Bilderrahmen gesteckt. Dieses Bild hängt nun bei uns im Treppenhaus.

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  3. Das ist ein ganz toller Artikel mit vielen nützlichen Informationen und Links. Man sollte da wirklich noch tiefer einsteigen und sich gerade die Shops, die Upcycling-Produkte anbieten, noch näher anschauen. Die Idee, aus Männerhosen schicke Kleider zu nähen, gefällt mir z.B. richtig gut. Wenn du magst, verlinke deinen Artikel doch bei meiner Nachhaltigkeitsparty (https://undiversell.wordpress.com/2019/03/03/bienenwachstuecher-aus-maennerhemden/) Ich würde mich sehr darüber freuen. LG Undine

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  4. Wichtiges Thema, tolle Anregungen, gute Zusammenstellung und feine weiterführende Literatur! Es ist mir zu Beginn meiner Upcycling-Karriere richtig schwer gefallen, genähte Kleidungsstücke als „nur Stoff“ und damit wieder als Rohmaterial und Ausgangspunkt für Neues zu sehen! Am leichtesten fällt mir das – wie du schreibst – wenn ich das Kleidungsstück komplett zerlege. Mir wird immer leicht schlecht wenn ich daran denke, wie viele Tausend Tonnen Kleidung durch „fast fashion Konsum“ jedes Jahr im Müll landen… lg, Gabi

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    1. Der Gedanke lässt einen wirklich schwindelig werden, wenn man an die Müllberge denk- dabei sprechen wir da nur von Kleidung. Ich denke ,ich müsste manchmal radikaler sein, den Rohstoff Alttextil in einem neuen Kontxt sehen, es gibt jedenfalls viel zu entdecken… liebe Grüße Silvia

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