{Nadelbrief} Mondrian Komposition in Blau-Schwarz-Weiß

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Farbkombination Blau-Schwarz-Weiß – da musste ich sofort an Farblehre denken, Kunstgeschichte, das Buch „Der großen Itten“ und Mondrian. Ich nehme an, den ersten Mondrian-Eindruck erhielt ich von einem Professor als unsere unbedarften, jugendlichen Schülerohren vom „Farbe an sich“-Kontrast hörten. Der holländische Maler Piet Mondrian (1872-1944) ist dafür ja ein perfektes Beispiel. Von ihm gibt es zahlreiche Kompositionen in den Grundfarben Rot, Gelb, Blau und den Nichtfarben Schwarz, Weiß und Grau. Sein malerischer Ausgangspunkt war der Kubismus, sein Ziel die Verwandlung des Naturbildes in formale Beziehungen und Rhythmen in der Fläche. Mondrian strebt eine gleichgewichtige Harmonie an, gestaltet aus den elementaren Kontrasten der Senkrechten und Waagrechten und den reinen Farben und Nichtfarben. In seinen Bildern fehlt das Natürliche, das Individuelle. Von hier führt kein Weg weiter, er steht damit an der äußersten Grenze der Malerei. Aber die Strahlkraft seiner Werke war so groß, dass sie nicht nur eine ganz neue Malerei hervorrief, sondern alle Bereiche der Gestaltung – Architektur, Möbel, Plakat, Gebrauchsform, Typografie, Mode (Mondrian-Kleid von Yves Saint Laurent), usw. – erreichte und unsere Umwelt gestaltete, somit unsere Gegen-Wirklichkeit zur Natur radikal veränderte.

Piet Mondrian gehörte zur Stijl-Gruppe, die sich 1917 in Leiden formierte und bis 1931 existierte. Sie war der wichtigste niederländische Beitrag zur Kunst des 20.Jahrhunderts. Die Prinzipien, die das bildnerische Programm der Gruppe formten, sind nicht nur aus künstlerischen, sondern auch aus weltanschaulichen Voraussetzungen entstanden. Sie wollten die Kunst der eigenen Zeit mit dem Wesen der neuen Zeit in Übereinstimmung bringen. Ihr Manifest 1918 verfasst verdeutlicht dieses Ziel:

„Es besteht ein altes und ein neues Zeitbewußtsein. Das alte richtet sich auf das Individuelle. Das neue richtet sich auf das Universelle. Der Streit des Individuellen gegen das Universelle zeigt sich sowohl im Weltkrieg wie in der heutigen Kunst. Der Krieg destruktiviert die alte Welt und ihren Inhalt: die inividuelle Vorherrschaft auf jedem Gebiet. Die neue Kunst hat das, was das neue Zeitbewußtsein enthält, ans Licht gebracht: gleichmäßiges Verhältnis des Universellen und des Individuellen.“

Dieses Zitat wurde 1918 nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs verfasst. Wir alle wissen, dass darauf nach wirtschaftlich und gesellschaftlich turbulenten Zeiten die vielleicht noch größere Katastrophe des Zweiten Weltkriegs folgte. Viele Menschen unter ihnen auch bekannte Künstler mußten fliehen (entartete Kunst). Auch Mondrian verließ Europa und emigrierte nach Amerika. Trotzdem scheint es mir bemerkenswert, dass sein Einfluß auf Architektur und Design danach ungebrochen fortdauerte. Ob die jetzige Gesellschaft dieses zitierte gleichmäßige Verhältnis des Universellen und des Individuellen gefunden hat, bzw. ob es wirklich in der von der Künstlergruppe Stijl gedachten Form erstrebenswert ist, getraue ich mir nicht zu beurteilen. Ob, zum Beispiel unsere modernen Städte, die ja Mondrian pur sind, wirklich der ideale Lebensraum sind, mit dem der Durchschnittsmensch zurechtkommt und sich wohl fühlt … In dem Zusammenhang muss ich an eine tolle moderne Villa denken, die in unserer Gemeinde steht. In deren Garten steht sinnigerweise gleich neben dem Haus eine richtig kitschige Gartenhütte, die irgendwie so alles verkörpert, was das moderne Haus schon überwunden zu haben scheint.

Jedenfalls kommt es mir nicht so vor als ob der Mensch sich den inneren Dingen zuwendet, wie Mondrian im folgenden Zitat sagt:

„Das Leben des kultivierten Menschen von heute wendet sich nach und nach von den natürlichen Dingen ab, um immer mehr zu einem abstrakten Leben zu werden. Da die natürlichen (äußeren) Dinge immer automatischer werden, wendet sich das lebendige Interesse, wie wir sehen, zunehmend den inneren Dingen zu. Das Leben des wahrhaft modernen Menschen ist weder rein materialistisch noch rein vom Gefühl bestimmt. Es stellt sich eher als ein autonomeres Leben des menschlichen Geistes dar, der sich seiner selbst bewußt wird.“

Vollkommen recht gebe ich Mondrian allerdings in dem Punkt, dass die natürlichen (äußeren) Dinge immer automatischer werden. Fest steht: es macht uns sehr viel Spaß. Sonst würde Handy, Tablet, Internet, automatischer Rasenmäher & Co nicht soviel Erfolg haben. Wohin uns das bringt, wissen wir noch nicht wirklich.

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Mein Mondrian-Nadelbrief besitzt leider ein paar sanfte Krümmungen statt der perfekten Geraden, ich bin beim Nähen etwas abgerutscht. Auf weißem Leinen habe ich Rechtecke aus Jeansstoff und königsblauer Baumwolle appliziert, die Trennungslinien bestehen aus schwarzen Samt.


Fazit: Das genaue Ausklügeln der Stoffflächen zueinander war ein bisschen schwierig, speziell die Nahtzugabe am Außenrand habe ich zuwenig genau geplant. Samt war nicht ganz ideal (Bügelfähigkeit). Aber alles in allem ein guter Anlass wieder über Komposition, Farbtheorie und Mondrian zu lesen.

Mitnähaktion: Das große nahtlust Nadelbrief-Jahr 2019, Thema „Farbkombi Blau-Schwarz-Weiß“ – unsere gesammelten Werke kannst du unter dem Schlagwort „Nadelbrief“ finden


21 Gedanken zu “{Nadelbrief} Mondrian Komposition in Blau-Schwarz-Weiß

  1. Eine wundervolle Herausforderung, der du dich gestellt hast, liebe Silvia! Ganz und gar famos und ich finde, das Nadelbriefchen kann sich sowas von sehen lassen! Danke auch für deine Gedanken und die geteilten Worte – das ist toll, dass wir hier noch einen zusätzlichen Lerneffekt haben. Mich begeistert das! LG. Susanne

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  2. Danke für Deinen interessanten Exkurs – bei mir ist die künstlerlsche Bildung viel zu kurz bekommen (wenn meine Freundin damals nicht den Kunst-LK gewählt hätte, wäre es noch elender…). Und der Nadelbrief passt wunderbar dazu!
    Liebe Grüße
    Ines

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  3. Sehr lustig… vor gerade mal 5 Minuten habe ich mit meiner Tochter über Mondrian gesprochen… ich bin am überlegen ob ich an einer Quiltchallenge mitmachen soll wo es um die Hommage an einen Künster geht… da fielen mir als Maler natürlich sofort Mondrian und Miró ein, ich liebe sie beide… Dein Mondrian Nadelbuch ist dir jedenfalls gut geglückt und der künstlerische Hintergrund sofort ersichtlich.
    LG Birgit

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  4. Eine sehr schöne Idee mit den reduzierten, geometrischen Flächen. (Und zum anderen Kommentar: Paul Klee habe ich schon mal auf einer Pinwand mit Inspirationen für Quilts gesammelt – das wäre wirklich mal ganz großartig, da was umzusetzen.) Liebe Grüße, Gabi

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    1. Einen Mondrianquilt habe ich heute zufällig in einem Buch gesehen, aber das etwas unkonkrete von Klee, auch die Farben und diese feinen Federstriche (ich seh schon die genähte Version vor mir)…Liebe Grüße Silvia

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  5. Hallo Silvia, dein Nadelheft ist sehr ansprechend geworden. Vielleicht bräuchte ich so was auch mal, denn ich habe oft keinen Überblick über die Nadeln. Die Zitate und Hintergrundinformationen fand ich sehr interessant!
    Liebe Grüße,
    Amely

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  6. Ein toller Beitrag, danke für die vielen spannenden Erläuterungen und dein Nähbriefchen passt doch perfekt dazu. LG Ingrid

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