Stoffspielereien: Techniken im Dialog

Heute sind wir mit dem Thema Techniken im Dialog zu Gast bei Tyche’s Touch. Ich fand das Thema sehr spannend und mir fiel wieder einmal so gar nichts ein. Daher musste ich meiner Fantasie etwas helfen. In ihrem wundervollen Buch Faszination Weben beschreibt die Autorin Ann Sutton ihr Designspiel. Ideen entstehen häufig aus einem Nebeneinander von zwei oder mehreren Gedanken, die man dann kombiniert. Das (Original-)Spiel besteht aus mindestens 50 Karten. Jede davon zeigt ein Design-Element, dass in einem Gewebe vorkommt. Ein Spieler erhält zwei Karten liest diese laut vor. Ist der Gegensatz zu groß, wird eine weitere Karte zugezogen… Soweit ungefähr das Spiel. Die Oberbegriffsgruppen dazu waren Technik (Kettfärbung, Schäfte…) Farbe, Garne, Materialien, Ausrüstung (aufrauhen, plissieren…), Design (Karo, Streifen, glitzernd…). Dieses Spielidee wollte ich mir zunutze machen. Ich bin jetzt keine Weberin, also versuchte ich Begriffe zu Handarbeitstechniken zu finden, die ich gerne mache. Also verschiedene Stickstiche, Nähtechniken (versteifen, wattieren, zwischenfassen, unterlegen), unterschiedliche Häkeltechniken oder auch so Sachen wie Rosetten, Stoffblüten, Schleifen, Quasten, Pompon oder Wörter wie durchlöchert, geflochten, geknüpft, drucken, eingeknüpft… Die Gruppen Farbe, Garne, Material fielen mehr oder weniger weg, da sie keine Technik sondern eine bestimmte Eigenschaft beschreiben. Obwohl sie bei der Gestaltung natürlich starke Impulse setzen können. Jedenfalls versuchte ich eine Reihe von Karten zu schreiben und zog danach meine ersten Wortpartner. Da kamen dann schon schrullige Kombination heraus. Z.B. Häkelstäbchen / Sashiko oder Gobelinstickerei / Knöpfe, Rosetten/ geknüpft, Kreuzstich/Quasten… Und jetzt ist man wieder ganz beim Originalspiel. Denn es stellt sich doch häufig die Frage: Geht das überhaupt? Es funktioniert nicht gleich. Manchmal ist man etwas verbohrt und versucht zu sehr alles in einer bestimmten Art zu verbinden, aber mit der Zeit entstehen im Kopf neue Möglichkeiten. Ich notierte eine Reihe Begriffspaare und verschloss das Ganze dann etwas unentschieden in ein hübsches Schächtelchen. Es kam einiges dazwischen und so ruhte das Projekt erstmal, allerdings, wie das so ist, der Termin rückte näher. Also nahm ich sie wieder heraus meine Wortzettelchen. Diesmal entschied ich mich drei Begriffe mit geschlossenen Augen, damit ich nicht wieder schummle, zu ziehen. (Denn leider dachte ich des öfteren: Oh weh, das will ich gar nicht! Lieber den nächsten Zettel…Wie gerne man sich doch selbst betrügt…)Die blind gezogenen Wortgruppen waren:

  • AUSGEFRANST /MIT FALTEN/ VERSTEIFT
  • MIT ÖSEN/ MIT ROSETTEN/ ZWISCHENGEFASST
  • MIT GEFORMTEN BLÜTEN/ GEKNÜPFT/ PLATTSTICH
  • HEXENSTICH/ HÄKELSTÄBCHEN/ GEFLOCHTEN
  • GOBELIN/ QUASTEN/ BANDSTICKEREI
  • COUCHING/ VORSTICH/ LUFTMASCHEN
  • KNOPFLOCHSTICH/ SCHLEIFEN/ APPLIKATION
  • GLASPERLEN/ UNTERLEGT/ GEHÄKELT

Das ist ein lustiges Spiel. Und man ist sehr versucht endlos Kärtchen zu ziehen. Aber ich fand, das reicht vorerst. Ich würde mit der Gruppe GOBELIN / QUASTEN/ BANDSTICKEREI beginnen, weil mir eingefallen war, dass ich am Flohmarkt eine wunderschöne feine Gobelinstickerei erworben hatte, eine unvollendete Tasche. Da hatte ich gelegentlich schon mit dem Gedanke gespielt daraus einen Fascinator zu machen. Hüte sind eine gute Spielmöglichkeit. Nur kam ich nicht voran. Damit ich überhaupt irgendwie begann, entschied ich mich danach für Gruppe eins AUSGEFRANST/ MIT FALTEN/ VERSTEIFT und bügelte erst einmal ein schönes, goldfarbiges Stoffstück in freie FALTEN. Dabei kam ich gut ins Tun. Es sah bald sehr interessant aus und die Lust am Weiterspielen war da. Es sollte die Oberfläche eines Fascinators sein.

Die Krone, der abgeschnittene, oberste, sanft gerundete Teil eines alten Filzhutes diente als steife Basis (schon hatte ich die zweite Aufgabe erfüllt: VERSTEIFT). Etwas AUSGEFRANSTES würde sich bei der Garnierung unterbringen lassen, hoffte ich. Der gut gebügelte und gefaltete Stoff ist mit der Hand an der Innenseite festgenäht. Manche Falten öffneten sich leicht durch die Krümmung, das hat einen besonderen Reiz.

Praktisch gesehen war die Befestigung des Hutgummis der nächste Arbeitsschritt, nur sollte man da mal wissen, was vorn und hinten ist… Aber nach mehrmaligen Anprobieren und Drehen und Wenden nahm ich auch diese Hürde. Jetzt kam das, was mir grundsätzlich am meisten Spass macht bei Hüten, das Garnieren und Schmücken. Aber, zugegeben, es ist gar nicht so leicht die richtige Garnierung zu finden. Anders gesagt: die Gefahr ist groß, dass man bei der toll dekorierten Hutkreation an ein Kostümfest denk oder sich ins 18. oder 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt…Die an Origami erinnernde Faltung war an und für sich schon sehr dekorativ. Was jetzt? Blumen sahen doof aus, ein Schmuckstück, eine Broche etwa, würde in den Falten untergehen, genauso wie irgendwelche Schleifen oder Maschen. Also kamen wieder einmal meine geliebten Federn zum Zug. Eine Schwungfeder des Fasans schien farblich passend zu sein. Federn kann man ganz toll präparieren. Nicht, dass ich das wirklich kann, aber ich versuche mich darin. Ich versuchte also den oberen Bereich der Feder zu locken. Das sah dann etwas weniger gelockt sondern mehr fransig aus, passend zu meinem dritten Wort. Ich nähte noch drei kleine dreieckige Element um vorne einen bessere Optik zu erzielen. Ganz nebenbei half das auch bei der Federnbefestigung. Einzelne verstreute Perlen bildeten den Abschluss. Die Innenseite des Fascinators ist gefüttert.

Mittlerweile ist mein kreativer Teil des Denkes wieder etwas in Schwung gekommen und die letzte Wortgruppe GLASPERLEN/ UNTERLEGT/ GEHÄKELT hat schon vage Gestalt angenommen. COUCHING/ VORSTICH/ LUFTMASCHEN ebenfalls… Dazu entstand Dekoration für eine sehr schicke Baskenmütze in Grün. Die Luftmaschenstücke häkelte ich aus unterschiedlichen Wollresten. Sie wurden anschließend mit anderes grünen Stickgarn in der Technik Couching befestigt. Freie Linien dazwischen habe ich mit Vorstichen ausgeführt. Insgesamt wirkt die Mütze sehr stimmig und ist tatsächlich tragbar..

Meine drei ersten Wörter AUSGEFRANST/ VERSTEIFT/ MIT FALTEN haben mich noch nicht ganz losgelassen. Als weiterer Versuch entstand dazu eine Baseball-Kappe. Sozusagen eine sportliche Umsetzung des Themas. In einem Hutbuch von Juliet Bawden aus dem Jahr 1992 gibt es eine interessante Baseball-Kappen Variante. Der Kopf wurde etwas verlängert und später die äußere Kappe am Mittelpunkt auf einer normalgroßen Inneren (die gleichzeitig als Futter bzw. Verstärkung dient) befestigt. Dabei entstehen dann interessante FALTEN.

Nur leider ist im Buch nicht angegeben um wieviel die Kopfteile verlängert werden. Ich habe meine Teile um ca. 3cm verlängert, das könnten jedoch mehr sein. Ich muss das nochmal probieren. Diesmal wollte ich AUSGEFRANST im Fokus haben. Daher habe ich die Kappe offenkantig genäht und dazu gezielt nach einem Stoff gesucht der gut franst. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich alles offenkantig nähen soll oder nur das Kopfteil, daher ist es etwas knapp geworden mit der Fertigstellung und auch die Passgenauigkeit der Innenkappe lässt etwas zu wünschen übrig. Im Buch sind die Modelle aus Satin genäht, das ist so typisch für die Entstehungszeit. Überhaupt sind viele Modelle sehr verspielt und extrem romantisch, aber trotzdem inspirierend und, wie man sieht, ein anderer Stoff ergibt einen völlig neuen Look.

ZU DEN STOFFSPIELEREIEN

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Stoffspielerei-Termine 2026:

25.01.2026: „Ein Buch als Inspiration“ bei Langer Faden

22.02.2026: „Licht & Dunkelheit“ bei HeyyOskar

29.03.2026: „Taschen“ bei Petersilie und Co

26.04.2026: „Altes in Neuem“ bei feuerwerk by KaZe

31.05.2026: „Englisch Paper Piecing“ bei 123-Nadelei

28.06.2026: „Tierisches“ bei zwisch-en-durch

Juli und August: Sommerpause

27.09.2026: „Die Kunst des Weglassens“ bei Tyche’s Touch

25.10.2026: „Schablonieren“ bei Siebensachen zum Selbermachen

29.11.2026: „Teppiche“ bei made with BlümchenTyche

Dezember: Winterpause


22 Gedanken zu “Stoffspielereien: Techniken im Dialog

  1. Es ist so spannend, deinen Ideenfindungs- und Umsetzungsprozess zu (ver) folgen. Ich lerne jedesmal dazu, danke dafür. Das Wortspiel hat mich fasziniert und ich werde es auch einmal versuchen. Gerade die scheinbar unmöglichen Kombinationen bringen doch die spannendsten Ergebnisse. Neulich bei einer Ausstellung „Fäden schaffen Welten“ hat eine Künstlerin mit Elektrokabeln geklöppelt, eine andere mit Haaren gestrickt. Deine Hüte hätten dort auch gut dazugepasst. Liebe Grüße und bis nächstes Jahr. Elvira

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    1. Solche Ausstellungen finde ich auch immer sehr inspirierend, da kann man sich etwas mitnehmen. Und freut mich, wenn du auch Lust bekommen hast so ein Wortspiel zu versuchen. Es dauert immer etwas (zummindest bei mir) aber dann passieren spannende Dinge, liebe Grüße, Silvia

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  2. Grandios, die Spielereien in Kopfbedeckungen einzubauen! Die Idee mit den Karten finde ich toll. Letztens hatten wir die Aufgabe, drei Stäbchen mit Begriffen zu ziehen und das Ding zu bauen, das sich aus den drei Begriffen ergab. Neudeutsch nennt sich diese kreative Umgebung maker space. Liebe Grüsse von Regula

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  3. Oh super Idee, das mit den Wortpaaren! Erinnert mich eine ähnliche Aufgabe aus einem Buch, da wird ein Würfel verwendet, um zu entscheiden, welche Aktion man ausführen soll (mit nur einer Hand arbeiten, destruktiv, mit verbundenen Augen, etc…), kombiniert mit einer Technik (Handgenäht, geknotet,…). Der Würfel entscheidet auch über die Menge an Materialien etc… So eine „künstliche Beschränkung“ funktioniert erstaunlich gut, finde ich.

    Die Falten beim ersten Hut gefallen mir, sehr edel! Irgendwie Origami-artig, toll!

    LG Anne Sophie

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  4. Diese Idee mit Karten, mit Begriffen zu spielen, ist für mich ganz neu, das gefällt mir sehr gut ! Nun komme ich vom “ Spieltisch“ gar nicht mehr weg. Dein Fascinator ist absolut gelungen, die Idee mit den Bügelfalten merke ich mir und werde sie für mein nächstes Beret ausprobieren. Hast du denn Gelegenheit, diese schicken Kopfbedeckungen auch auszuführen ?

    Vielen Dank für die vielen Beispiele und die Anregung mit den Karten, liebe Grüße von Tyche

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  5. Das ist eine interessante Herangehensweise bei dir. Schön, dass du es so ausführlich beschreibst. Und deine Hutkreationen sind schon etwas Besonderes. Ich glaube, das habe ich bei dir schon mehr gesehen. Danke fürs Zeigen!

    LG

    Beate

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  6. es sieht so aus dass man hüte grenzlos erfinden könnte * es wird ja zu mancher gelegenheit gerne etwas neues zu kreieren * AUSGEFRANST lustig !

    lieber gruss

    mo

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  7. Die Zufallskombinationen finde ich auch spannend. Deine Kopfbedeckungen mit den zufallsinspirierten Technikkombinationen gelallen mir.

    LG Ute

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