Das Dirndl: Ein Kleid mit Zukunft und Vergangenheit

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Mein zweites Dirndl, mit dem ich sogenannte „Dirndl-Regeln“ breche, nehme ich als Anlass die sehr abwechslungsreiche Geschichte des Dirndls genauer zu untersuchen.

Das Dirndl und die Lederhose waren ein Kostüm der Reichen (wie auch schon das Schäferinnenkostüm für die Schäferspiele Marie Antoinettes in Versaille) fürs Land und die Jagd, für die Sommerfrische in den Bergen, nachempfunden der einfachen Alltags- und Arbeitskleidung der Landbevölkerung. Man war en vogue, wenn man für den Ausflug in die Alpen Tracht trug. International mondän wurde das Dirndl dann 1930 durch die Operette „Im Weissen Rössl“. Insbesondere das jüdische Modehaus Wallache in München wurde gestürmt, da es die Kostüme für die Operette hergestellt hatte. Damit erreichte auch in urbanen Räumen das Dirndl ungemeine Beliebtheit.

Mit der Begeisterung des Nationalsozialistischen Deutschen Reiches für das Dirndl verlor dieses Kleid seine Unbekümmertheit. Denn von der NS wurde das Dinrdl instrumentalisiert und für politische Propagandazwecke eingespannt. So durften Juden das Dirndl nicht tragen und nicht produzieren.

Die Geschichte der Tracht im 20. Jahrhundert ist in mehrfacher Hinsicht eine jüdische geprägte Geschichte. Eines der ersten Gesetze 1938 war das Trachtenverbot für Juden. – Interview im Standard mit Elsbeth Wallnöfer und Miguel Herz-Kestranek

Die Nazis haben 1938 ganz bewusst die Tracht erneuert. Der frühere geschnürte, unkomfortable und figürlich wenig vorteilhafte Stil wurde überarbeitet. Starken Einfluss auf die heutige optische Erscheinung des Dirndls hatte auch die Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit Gertrud Pesendorfer. Das wurde dann als rassische Abgrenzung genutzt: Für die deutsche Frau wurde ein deutsches Dirndl entworfen! Das war kein Missbrauch, das war ein bewusster Akt. Und Trachtengeschäfte, die diese Vorlagen noch immer verkaufen, die schreiben das fort.

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Später wurde in München dadurch, dass die Hostessen der Olympiade 1972 in Dirndl gekleidet wurden, dieses wieder extrem populär und ist seitdem eng mit dieser Stadt verknüpft. München wäre nicht München ohne das Dirndl.

So gewandet schickte die Stadt München 1972 ihre Stadthostessen unters internationale Olympiavolk, um den Gästen aus aller Welt bayerischen Charme, Fröhlichkeit und Gastfreundschaft angedeihen zu lassen. – Augsbuger Allgemeine

Dann war über einen längeren Zeitraum, das Dirndl abseits von Trachtenvereinen und Musikvereinen mit seinen Dirndl tragenden Marketenderinnen kaum zu sehen. Erst in den letzten Jahren wurde es wieder chic Dirndl zu tragen. Unruhige Zeiten fördern den Wunsch nach Stabilität und Sicherheit, Wurzeln in der Heimat und Tradition, was das Dirndl einem zu versprechen scheint.

So ist auch heute das Dirndl und die Lederhose ein beliebtes Kleidungsstück rechts ausgerichteter und konservativer Parteien um ihre Bodenständigkeit und Hingabe an nationale Werte und Traditionen zu untermauern.

Lesenswerte Beiträge rund ums Dirndl: Dirndl im Bundestag, Politik und Tradition, Konservativ und Dirndl

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Gerade deshalb habe ich mich über den versöhnlichen Ton dieses Absatzes aus der Jüdischen Allgemeinen sehr gerfeut:

Doch jenseits der Ideologie verhält es sich mit dem Dirndl wie sonst auch in der Mode: Es gibt keinen guten und bösen, sondern nur guten und schlechten Geschmack. 1930 tönte es an jeder Straßenecke »Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?«, ein Ohrwurm aus dem Weißen Rössl. Der Text könnte auch lauten: Was kann das Dirndl denn dafür, dass es missbraucht wurd’?

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Ach und die gebrochenen Regeln – oder modischen Spielarten und Interpretationen – sind übrigens:

Eine schwarze Bluse statt einer weißen Bluse. Schürze, Leib und Rock aus einem Stoff, statt wenigsten die Schürze aus einem anderen Stoff. Allerdings habe ich ja alternativ die schwarze Schürze. Und es hätten auch noch schwarz gemusterte Strümpfe dazu gehört um das Ganze so richtig verboten zu machen, die habe ich aber leider zuhause vergessen. Und während des Oktoberfestes habe ich die ganze Zeit Sneaker getragen – Skandal! Aber hey, ich will nach drei Tagen zu Fuß noch laufen können, da können die Schuhe mit Absatz noch so bequem sein, irgendwann sind die Füße hinüber. Und was trägt man auf dem Kopf heutzutage? Einen Hut? Eher selten, der Favourit sind modische Blumenkränzchen!

Noch ein bissiger Kommentar zu den Blütenkronen aus der Süddeutschen:

Wenn überhaupt Blumen, dann gehört ein kleines Sträußlein mit etwas Grün in den Brustausschnitt. So ist es etwa bei der oberbayerischen Gebirgstracht in Miesbach oder am Tegernsee üblich. Nur bei Prozessionen und Hochzeiten wird tatsächlich ein Kranz statt des Hutes aufgesteckt, allerdings aus den zarten Blüten des Myrthenstrauches. Was die Frauen sicher nicht auf dem Kopf tragen, ist ein aufgetürmter Blumenkasten – das machen nur Kühe beim Almabtrieb. – Süddeutsche Zeitung, Die Landpomeranzen kommen

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Fazit: Stilbruch macht Spaß und weil ich den Schnitt so mag, habe ich danach ein weiteres Dirndl gearbeitet.

Schnitt: Burda März 1976

Stoff: Dirndl Stoff von myTex (scheinbar aus der aktuellen Saison, jedenfalls hatte eine der Damen aus meiner Reisegruppe nach München ein Dirndl mit genau diesem Stoff als Rock gekauft)

Zeit: In einem Zeitraum von 2 Monaten genäht.

Die Fotos sind erneut mit den Fotografen Dani von Fotospuren und Marco von Mr-Foto vom Fototeam Luzern entstanden auf dem Biohof Lindenfeldweid. Da es doch etwas frisch war gibt es hin und wieder auch Gänsehaut auf den Fotos. Und die zufällig perfekt passende Jacke war ein Frustkauf, da ich einfach keine schöne meinen Vorstellung entsprechenden Lodenjacke gefunden. (Meine Not und Frustkäufe waren bisher immer sehr gute Ergänzungen im Kleiderschrank)

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39 Gedanken zu “Das Dirndl: Ein Kleid mit Zukunft und Vergangenheit

  1. Ich mag Deinen Kleidungsstil sowieso schon sehr gerne, aber dieses Dirndl ist der absolute Oberhammer ! W O W !!!
    LG und ganz viel Spass beim Tragen
    Jana

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  2. WOW! Danke für den Einblick in die Geschichte des Dirndls! Ich hatte keine Ahnung, dass ein Kleidungsstück für politische Zwecke so verhunzt werden kann =( Davon mal abgesehen ist dein Dirndl jedoch ein Traum und erinnert mich daran, das ich auch unbedingt selbst noch ein Dirndl nähen muss! Liebe Grüße, Bianca

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  3. Liebe Sabine
    Wieder einmal hast du ein Meisterwerk gezaubert! Jetzt brauchst du einfach ein paar Anlässe wo du es tragen kannst. Interessant wäre ja einmal euch drei Petersilienfrauen zusammen im Weihnachtsoutfit zu sehen;-)
    Herzliche Grüsse
    Verena

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    1. Ja ein paar Anlässe brauch ich jetzt unbedingt oder einfach mal in Luzern wo hinstellen und gucken wie viele Touristen Fotos wollen.
      Das mit dem gemeinsamen Foto zum Weihnachtsoutfit sollte doch machbar sein.
      Lg Sabine

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  4. Ich bin sozusagen ein Opfer dieser braunen Geschichte des Dirndls- ich mag einfach keines tragen, weil es so deutsch und ideologisch belastet ist. Dabei liebe ich ethnologische Mode. Deine tolle Modereportage mit Gehalt ist toll, so mag ich es bei Blogs. Und Dirndl und Jacke sind sehr gelungen und schön.
    Gerne mehr davon!
    ❤️ lich
    Astrid

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    1. Ich kann total verstehen, dass du sagst das Dirndl ist mir zu belastet, das trage ich nicht. Ich hab allerdings oft das Gefühl das viele der euphorischen Dirndlträgerinnen sich der Geschichte ihres Kleidungsstücks nicht bewusst sind.
      Und immer nur zu schreiben, ich hab genäht auf die Art und Weise blablabla ist ja auch langweilig zu Lesen und zu Schreiben.
      Lg Sabine

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  5. Sehr schöner informativer Bericht… ich als Nordlicht habe keinerlei Bezug zum dirndel, finde es aber unglaublich schön anzusehen und sehr weiblich… Hochachtung vor deinem künstlerischen Schaffen, incl der Frisur und der Bilder! Ganz toll! Lg Sarah

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    1. Spannend zu sehen, wie viele Nordlichter Dirndl schön finden, aber sich höchst wahrscheinlich sehr verkleidet vorkommen in einem Dirndl. Wenn ich jetzt Schweizer Tracht anziehen würde, wäre es für mich auch mehr ein ausprobieren um mal zu sehen wie es ist.
      Lg

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  6. Hallo, ich lese immer gerne deine recherchen zur bekleidung.
    Diesmal MUSS ich kommentieren, so schoen ist dein kleid.
    Dein „dirndl“ sieht einfach phantastisch aus mit dir…obwohl – dirndl dein teil hat absolutes ABENDKLEID oder COCKTAILKLEID potential!
    Lg antje

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  7. Ein sehr schöner und informativer Beitrag zum Thema Tracht. In Nordbayern durchaus mit Tracht aufgewachsen (ich sag nur Kirwa=Kirchweihfest), habe ich sie für mich wegen der konservativen Verbrämung allerdings zumeist abgelehnt. Die regional-stilistische Festschreibung bzw. Einzementierung habe ich allerdings erst hier in der Steiermark kennengelernt. Und ernte zumeist nur Unverständnis wegen meiner kritischen Kommentare zu dieser unreflektiert hingenommenen und als Tradition angesehenen Festschreibung aus den 1930er Jahren. Dabei interessiert mich Tracht und ihre Geschichte sehr. Und ich spiele seit über einem Jahr mit dem Gedanken, mir unbedingt selbst ein Dirndl zu nähen. Nach meinen Vorstellungen, ohne festgeschriebene Zwänge. Deine beiden Dirndl, vor allem das petrolfarbene, haben diesem Wunsch wieder Auftrieb gegeben. Also danke für einen ehrlichen Artikel über Tracht und zwei sehr schöne Modelle. Die Dir übrigens beide ausgezeichnet stehen. LG Heike

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    1. Freut mich, dass dir der Text gefällt. So richtig mit dem Hintergrund des Dirndl habe ich mich auch erst auseinander gesetzt, als fernab der Heimat die Idee aufkam mir ein Dirndl zu nähen. Und da ist mir dann doch aufgefallen, dass vielen das auch gar nicht bewusst ist, wie sich fas Dirndl entwickelt.
      Vielleicht nähst du nun doch dein Dirndl weitab vom Regelwerk und festgefahrenen Ideen.
      Lg Sabine

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  8. Was für ein toller Auftritt! Du und Dein Dirndl mit Stilbruch, Deine hervorragenden Fotos und die Geschichte hinter dem Kleidungsstück – ich weiß schon, warum ich so gerne bei Dir lese und schaue. Vielen Dank für diesen Augenschmaus. Liebe Grüße von Ina

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  9. Danke für den informativen Bericht zum Dirndl. Es hatte sicher einen Grund, warum Dirndl für einige Jahrzehnte out waren.

    Deins ist jedenfalls sehr schön, die nicht volkstümelnden Farben sind sehr gut gewählt.

    LG Bella

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  10. Ein sehr informativer Beitrag, den ich gern gelesen habe. Und natürlich ein tolles Kleid, sowohl farblich als auch handwerklich beeindruckend, auch wenn ein Dirndl für mich nichts ist. Dafür bin auch ich zu sehr Nordlicht, oder es hätte die Sneaker dazu gebraucht … LG Manuela

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    1. Ich hab ja auch nur ein Dirndl genäht, weil in meiner Heimat Dirndl durchaus verbreitet sind. In der Schweiz tauchen Dirndl auch nur zur Oktoberfest Saison auf.
      Und ich trage auch ganz ungeniert Sneaker und Bomberjacke dazu, weil hey wir sind 2018 und ein bisschen Stilbruch und Gemütlichkeit darf schon sein.
      Lg Sabine

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  11. Guter Beitrag, ich finde es auch immer sinnvoll, sich mit der Geschichte eines Kleidungsstückes, einer Klamottenmarke (z.b. Hugo Boss) oder speziellen Stoffen (z.b. sog. „Ethno-Mustern) auseinander zu setzen um sich möglicher Statements, die man damit setzt, bewusst zu sein. Dein Dirndl ist wirklich wunderbar und es muss nicht immer klassisch sein!
    LG (und ich hoffe, dir bald endlich mal ne Einladung mit Terminen für einen Gegenbesuch aussprechen zu können)!
    Marta

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    1. So jetzt hab ich noch schnell den Background von Hugo Boss recherchiert (ich stelle es mir aber auch nicht leicht vor während dem Dritten Reichs Unternehmer zu sein)
      Gerade dadurch dass das Dirndl ja schon immer ein Modekleidungsstück war angelehnt an Alltagskleidung und Trachten, denke ich mir, da muss man sich nicht so streng an alle “Regeln“ halten.
      Ohja Frankfurt da war ohnehin noch nie, nur bitte erst nach Weihnachten und sonst dann zur Fasnacht wieder nach Luzern 😉.
      Lg Sabine

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  12. Dein Dirndl ist der Oberhammer, so super gearbeitet und dann noch so gute Fotos mit Dir in Deinem Pracht- Dirndl.
    Auch von mir danke für die geschichtlichen Einblicke dieses tollen Kleidungsstückes. Ich würde gerne mal ein Dirndl tragen, als Nordlicht würde ich hier aber vermutlich komisch angeschaut werden.

    LG
    Sandra

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  13. Ich liebe die Geschichten und Recherchen hinter deinen Kleidungsstücken! Und so ein gekonnter Stilbruch ist auf alle Fälle erlaubt ;-).
    Herzliche Grüße,
    Malou

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  14. Toller Stilbruch, ich mag dein Dirndl. Schwarze Blusen finde ich ja besonder schick. Und bei deiner Stoffwahl finde ich das perfekt. Toll wie schön deine Frust-Kauf-Jacke dazu passt.
    Ein echter Traum.
    Viele Grüße
    Elke

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  15. das Dirndl ist SO wunderschön, ich bin total geflashed!
    ja, die Geschichte mag wechselhaft sein, aber ich finde auch, „nur“ weil es von den Nazis missbraucht wurde, ist ein Dirndl noch lange nicht böse.
    LG
    sjoe

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    1. Herzlichen Dank.
      Darum finde ich das Zitat aus der jüdischen Allgemeinen so wunderbar und ich bin auch nicht bereit ein so schönes Kleidungsstück einfach dem rechten Lager zu überlassen.
      Lg Sabine

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  16. Wow! Was für ein interessanter Artikel! Und das Dirndl ist trotz/oder gerade wegen des Traditionsbruchs mehr als gelungen… Chapeau! Jetzt lese ich gerade im letzten Absatz, dass der Blazer gar nicht selbstgenäht sondern nur selbstgekauft ist – darf ich dann trotzdem schreiben, dass ich mich gerade Hals über Kopf in den Blazer verliebt habe? ;-) Liebe Grüße und ein nähreiches Wochenende dir!
    Franzi

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  17. Wunderschönes Dirndl und so schöne Fotos! Ich hatte noch nie ein Dirndl an, aber ich glaub ich muss das bald mal testen Nicht zu nähen, sondern im Laden mal anprobieren. Ich habe großen Respekt, wenn jmd so große und lang dauernde Modelle näht. LG Ina

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  18. Wunderschönes Dirndl und ein interessanter Beitrag. Als Kind habe ich über Jahre Dirndl getragen – und das im Rheinland unmittelbar an der holländischen Grenze. Ich habe sie geliebt, fühlte mich gut angezogen und konnte mich trotzdem beim Spielen gut bewegen. Dann nach der Pubertät sahen sie für mich zu volktümelnd aus. Insofern finde ich es total spannend, wenn sie – so wie bei Dir – neu interpretiert und individuell gestaltet werden. Und handwerklich gibst Du Dir viel Mühe. Das gefällt mir noch besonders gut! Bleibe gespannt auf die nächsten Kreationen, die da kommen werden.

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