
Eigentlich wollten wir ursprünglich Wolle zum Thema der Stoffspielereien Ende September 2024 machen. Nach einem Gespräch mit Gabi, der Organisatorin wurden schließlich Naturfasern und Naturfarben daraus. Das ergibt für jeden möglicherweise mehr Spielraum. Trotzdem muss ich jetzt von unseren „Wollabenteuern“ erzählen:

Wenn man in den alten Bauernhof der Großmutter zieht, ergeben sich für einen Stadtmenschen und Tierliebhaber plötzlich ungeahnte Möglichkeiten. Alleine die zur Verfügung stehenden, zwar alten, aber funktionsfähigen Hausteile: Stall und Scheune, außerdem genug Weideland. Zwar verpachtet, aber immerhin. Schon als Kind wünschte ich mir eine Kuh und zwar eine braune. So wie sie in einer damals sehr populären Kinderserie vorkam (oder war es nur ein Film? Ich weiß nicht mehr). Jedenfalls war ich mittlerweile erwachsen genug um zu erkennen, dass eine Kuh vielleicht einen Ticken zu groß wäre, aber Schafe oder Ziegen? Als typischer Städter und Buchliebhaber studierte ich gleich einmal diverse Fachliteratur und- das war sehr wichtig- besuchte zusammen mit meinem Mann eine Reihe kleinerer und auch größerer Schaf- oder Ziegenhalter bzw. Züchter. Nachdem ich an der Idee immer mehr gefallen fand, besprachen wir das Ganze noch mit unseren Pächtern, denn schließlich bräuchten die Tiere Weide, Heu und Einstreu. Die Antwort fiel recht pragmatisch aus: “ Aber sicher, zäunt euch ein, was ihr brauchts, Heu und Stroh könnt’s auch haben und wenn’s euch nimmer freut, esst’s sie’s halt auf.“ Wie recht sie hatten. Natürlich klang das etwas trocken für ein landromantisches Städterkind, aber so war es letztlich auch.

Dazwischen erlebten wir mit unseren zwei Milchschafdamen Mädi und Bella, den Schafböcken und Ziegen und deren Nachwuchs wunderbare Abenteuer: Geburten mit und ohne uns, manchmal ein“alles schon erledigt“, manchmal ein dringender Telefonanruf von mir zur besten Dorfhebamme (was Tiere betraf) oder schlimmstenfalls der Tierarzt. Dann waren die geplanten Weideflächen immer zu klein. Die ersten Zäune hatten die Schafe bald umgerannt. Die Ziegen hatten eine besondere Vorliebe für junge Bäume, im Verein mit den Schafen legten sie den Zaun zum Beerengarten um und fraßen die neugepflanzten Erdbeeren komplett auf. Das Ausmisten war richtig harte Arbeit, speziell, wenn man alles von Hand mit der Mistgabel und der Scheibtruhe machen muss. Die Jungen kamen oft sehr früh in der kalten Jahreszeit, dann waren plötzlich nicht zwei sondern fünf Schafe da, die Hunger hatten. Das mit dem Melken war auch nicht so einfach zu erlernen und was macht eine vierköpfige Familie mit soviel Milch? Immerhin war es Milch von zwei Schafen und zwei Ziegen. Ich habe alles gekocht was mit Milch zu kochen war, Joghurt gemacht, mich im Käsen (teilweise durchaus erfolgreich) versucht und im Rest haben wir gebadet. Das fehlt mir wirklich. Ein Milchbad ist eine fantastische Sache. Kein eincremen nötig, weiche Haut, toll. Es riecht halt immer etwas nach Milch im Bad.

Dabei haben wir sehr viel gelernt: Wir haben unsere Tiere zum Schlachter gefahren, begleitet und ich bewundere immer noch die gekonnte ruhige Arbeit, aber naja, es ist nötig, nur nicht so leicht. Ein Tier besteht nicht nur aus Schnitzel und Kotelett oder Lungenbraten. Was macht man mit den vielen Knochen? Was mit dem Bauch oder Hals? Einmal ließen wir ein Tier verwursten, aber das reicht für ein Jahr…Bei Schafen musste dann auch irgendwie die Wolle runter. Das war tatsächlich schwierig. Denn es gab hier in der Gegend keinen, der das richtig gut konnte oder es für andere machte. Wenn man Schafe hinsetzt, hängen sie tatsächlich wie ein Sack da und sind relativ still. Nur konnten das meine Scherer nicht. Man kann sie auch hinlegen, aber hier ist die Zapplerei größer und damit die Gefahr, dass sie geschnitten werden oder man selber mit den Hufen geschlagen wird und das tut richtig weh. Dann hat man- von nicht recht guten Scherern -einen Haufen ungeordnete Wolle, dreckige vom Pobereich und vom Hals recht kurze. Nicht so ein schönes zusammenhängendes Wollvlies, wie man es auf Bildern von Profis sieht. Also habe ich mich im Wollewaschen geübt, schon auch einmal eine Partie zu heiß gewaschen. Jedenfalls wunderte ich mich immer was für eine schmutzige Brühe herauskam. Später gab ich Wolle auch zum Waschen oder tauschte Wolle gegen Vlies. Nur kostet der Scherer mehr als die ganze Wolle einbrachte. Tauschte man Rohwolle gegen gewaschene, erhielt man sehr wenig dafür oder zahlt- möchte man das gleiche Gewicht haben sehr viel drauf. Wolle muss aber irgendwie verarbeitet werden. Also habe ich Wolle mit Handkarden gekämmt- das ist nicht so die tolle Arbeit- darum blieb sie immer mir vorbehalten, und danach mit dem Spinnrad versponnen. Daran hat sich gern mein Mann versucht, weil es so schön ist. Klare Arbeitsteilung. Trotzdem sind keine toller Wollspinner aus uns geworden und ich besitze immer noch eine große Schachtel völig überdrehter Wolle. Aber wir haben spinnen mit der Handspindel und Kämmen im Kindergarten vorgeführt… Nach Sabines Geburt endete mein Schafabenteuer, vor allem auch weil es meinen Mann nicht mehr so interessierte.
Übrigens: Ich hatte auch einen Angorahasen Rosie. Aber darüber erzähle ich ein anderes Mal.

Ein richtiges Lebensabenteuer und als Stadtkind habe ich interessiert gelesen, was alles auch noch mit dazu gehört … ein sehr spannender Blogbeitrag. Danke dafür und die Kinder-Tier-Bilder sind wirklich goldig ….
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Ja, mich erfreuen sie auch immer wieder. Schafe, also vor allem die Damen, sind wirklich äußerst friedlich. Laufen aber auch mal über alles drüber, wenn sie etwas intessantes zum Fressen entdecken oder auch in Panik geraten. Und ja, mir sind beim Schreiben wieder viele Dinge eingefallen, es war ein Abenteuer… Liebe Grüße, Silvia
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schön zu lesen wie so ein schafabenteuer sich verwirklichen kann und danke so viele erfahrungen zu erzählen * hatte hier nur kleine tiere (poisson rouge, poule, chats, lapin nain…) im garten oder/und haus und jedesmal war es nicht so einfach * die tierwelt ein erlebnis * mit schafe und ziege ein sehr grosser schritt weiter ins abenteuer * und sehr nette fotos zeigst du !
liebe grüsse
mo
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Zur Zeit bin ich auch nur mehr mit den kleineren Tieren (Hühner, Enten, Hase, Meerschweinchen und Katzen) unterwegs- das macht manches leichter und selbst da gibt es immer wieder Aufregungen…liebe Grüße, Silvia
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Kurzfassung: Vie(c)h-‚Zeug‘; wie menschlich doch auch Tiere und wie tierisch mitunter die Menschen. Angeblich behauptete ja einst Winston Churchill, dass er Schweine eigentlich sehr gerne mag. Grund: Katzen schauen meist hochnaessigst auf Menschen herab; Hunde dagegen meist ueber-trieben/-treibend zum Menschen auf. Schweine dagegen – lt. W. Ch. – erachten einen Menschen einfach als ebenbuertig.
O.k., o.k., Frechheit weg; andere Kessheit dafuer her: DAfuer, dass Du als Stadtkind Dich auf dem Land durchgekaempft hast (und wohl ‚gewonnen‘ hast, da noch immer dort!?) und mit Sicherheit Eiiiiniges erlebt/mitgemacht hast, deutet beim Vorfuehren Deiner genaehten Stuecke Dein eigentlich ‚gut erweiterter Ruecken‘ enorme Eleganz !
… und flitz weg; jedoch mit lieben Gruessen
G
= Landkind in Art Stadtrand-Leben verschlagen. Die einstige ‚Kampf-Arena Bauernhof‘ gehoerte zwar den Grosseltern, aber Ferien (trotz Arbeiten) dort waren immer schoen – trotz Kuh-Kuessen. Wenigstens haben sie mich in ihren grossen Liebesbezeigungen nie ernsthaft ‚beschaedigt‘, nur einfach ‚mehrfach zusaetzlich gewaschen‘ und das ist mM nach viel heftiger als von jedweden grossen Hund liebevollst, aehem, abgeschlabbert zu werden. Davon gibt’s aber immer wieder beinahe Groessere als mich selbst mit auch ordentlich liebevollen, ‚jederzeit einsatzfaehigen eingebauten Waschlappen‘ in meinem Lebenskreis sich , aehem, oftmals begeistert um mich kuemmernd!
Fuer die Sorte ‚Huete-Hund‘ hierzulande bin ich aber wohl ‚DAS (beliebteste!) Schaf‘ von ganz ueberhaupt ../ /..
PS:
Solltest Du einen Schaf-Schur-Kurs brauchen, geh‘ lieber zu den Neuseelaendern; die arbeiten angeblich mit Geraeten breiterer Schnittweite. Nachbarschaftliche ‚Laender-Duelle‘ ergeben hierbei wohl oefter mal gute ‚Diskussionen‘. Ich nehme an/hoffe: ‚leicht Wegschwemmbare‘ (mit Bier ‚innerlich angewandt‘)
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Irgendwo bin ich so dazwischen, zwischen Land und Stadt, mein ich. Was sich auf jeden Fall kleidungstechnisch verändert hat: Ich trug früher gerne Kleider und weite Röcke, auch mal enge Miniröcke, abgesehen davon, dass ich vom Alter her zumindest aus Minis herausgewachsen bin: Mein liebstes Kleidungsstück ist jetzt die Hose. Und die Farbe weiß ist ein Tabu, obwohl mir Weiß gefällt…wird einfach zu schnell dreckig…Und was ich auch gelernt habe am Land: das mit der Sonntagskleidung macht Sinn. Ich habe tatsächlich etliche Kleidungsstücke im Schrank griffbereit, inklusive Schuhe, für die Stadt und so…-Das mit den Schuhen klappt nicht immer so ganz (weil ich auch mal schnell noch in den Stall oder auf die Weide laufe…), aber so im großen und ganzen ist es doch praktisch. Liebe Grüße, Silvia
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So, da bin ich noch einmal, jetzt in Ruhe zum Lesen und Kommentieren.
Ein spannendes Pflanzenportrait, und ein wunderhübsches Ergebnis! Ich habe mich dabei ertappt, wie ich automatisch annahm, diese Pflanze sei giftig. Dabei wird sie in anderen Ländern in allen Teilen gegessen. Faszinierend. (Du hast Rezepte? Das würde ich gerne einmal kosten.)
So schön, dass du (a) die Fasern verarbeitet (b) etwas Neues ausprobiert (c) ZWEI Bücher benutzt und (d) auch noch ein hübsches Ergebnis geschaffen hast! Wie schön und rundum gelungen. Danke fürs Gastgeberin-Sein heute! Liebe Grüße, Gabi
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Die Ziegen hatten eine Vorliebe für junge Bäume – das wundert mich nicht! Sie werden ja – so höre ich – besonders gern eingesetzt, um Landschaften (wie Almen oder Heidelandschaften) vor Verbuschung zu schützen. Ich bin zwar am Land aufgewachsen, aber wir hatten nie Haustiere, und schon gar keine großen, und daher habe ich jetzt ganz fasziniert von euren Abenteuern mit den Tieren gelesen.
Das ganze Schaf verwerten. Wie mit der vielen, schmutzigen Wolle umgehen? (Ich habe große Lust und auch den Plan, nächstes Jahr einen Schafscherkurs zu machen. Einfach weil ich wissen will, wie das geht.) So ein schöner Rück- und Einblick! Danke dafür. Liebe Grüße, Gabi
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Zu den überdrehten Garnen fällt mir ein: Ich glaube, die würden sich sehr gut für einen gewebten Teppich eignen, ähnlich Fleckerlteppich.
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Wenn mich das Weben im Moment nur etwas mehr freuen würde…man kann solche Garne auch sehr schön einknüpfen, naja vielleicht wird noch was…liebe Grüße, Silvia
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Schafwolle wird auch als Dünger im Garten eingesetzt…Und auf einen Bericht von deinen Erfahrungen beim Scheren wäre ich sehr gespannt, liebe Grüße, Silvia
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