Stoffspielereien: Textile Schalen

Vor Weihnachten habe ich mir zu diesem Thema schon allerhand Notizen gemacht. Zum Beispiel: mir fallen vorerst zwei Möglichkeiten ein: einmal die Schale, also das offene, gewölbte Gefäß, üblicherweise aus Porzelan, Keramik, Metall oder Holz, dann aber die Schale als Hülle und Schutz, wie die stachelige Schale der Kastanie, die Schale des Apfels und der Orange, die Schale der Muschel und des Krebses oder natürlich auch Kleidung als Schale. Wer kennt das nicht: „sich in Schale werfen“, also sich besonders gut zu kleiden, elegant, möglicherweise einem Anlass, einem Dresscode entsprechend. Vor allem aber denke ich an den Zwiebellook, also den vielen Stoffhüllen/schalen mit denen man sich umgibt, praktisch und-wenn geschickt gemacht- kleidsam und dekorativ, ideal für wechselnde Temperaturen, auf Reisen oder anpassungsfähig für drinnen und draußen.

Die Schale hat auf jeden Fall einen gewissen Schutzcharakter um Weiches, Empfindliches darunter zu verbergen und zu behüten, oder um Dinge aufzubewahren, zu lagern, zu sammeln.

Schalen aus Textilien, hm… irgendwie ist das ein Widerspruch für mich, schon alleine die Weichheit von textilem Material ist eine Herausforderung...

1. Herstellen einer Schale/Gefäß aus textilem Material: Momentan gehen mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, mal sehen was sich machen lässt. Eine Schale als Gefäß braucht eine gewisse Festigkeit und Steifheit, um überhaupt diese Bezeichnung zu verdienen. Da würde ich, abgesehen von Verstärkungsmaterial, gerne auch mit Falten oder Steppnähten über mehrere Lagen experimentieren, eventuell auch mit Schnüren und Borten. Bei einer Schale erwarte ich auch eine gewisse Höhe, sie ist kein Teller, dafür gibt es sie in unterschiedlichsten Größen, das heißt sie kann auch kleiner sein. Unbedingt möchte ich reichhaltige Oberflächentexturen haben und Stickereien zum Einsatz bringen. Ich denke an eine Serie unterschiedlicher Schalen in starken Farben, ShweShwe würde mir gefallen, aber möglicherweise verliebe ich mich in anderes Zufallsmaterial und ende in monochromen Farben…

2. Kleidung als textile Schale: Wann der Begriff Zwiebelook auftauchte weiß ich nicht. Neu ist die Idee nicht. Es war immer üblich, besonders in kalten Gegenden, viele Lagen Kleidung übereinander zu tragen und die Idee untere Schichten durchblitzen oder hervorschauen zu lassen ist auch nicht neu. Geschlitzte Röcke, Ärmel, hervorblitzende Unterröcke oder Überröcke, die sich mit Kordeln hochdrapieren lassen und die schönen Unterröcke sehen lassen, Manschetten die so kurz sind, dass die extravaganten Rüschen und Spitzen zur Geltung kamen, Röcke deren Vorderfront so schmal geschnitten wurde, damit die bestickte Weste gut zur Geltung kam usw. in der Kostümgeschichte gibt es unzählige Beispiele dafür.

Soweit die Theorie. In der Praxis stellte sich für mich heraus, dass ich momentan einfach keine Lust auf aufwendige Techniken hatte. Mein erster Versuch mit sechs Teilen, wie man sie auch für Hüte und Kappen verwendet mißlang gründlich. Es wurde irgendsoein wabbeliges Ding daraus, häßlich und der bloße Anblick hat mich nervös gemacht. Nun, ja, dann kam Weihnachten und noch vor dem Neujahr Corona und gewissermaßen eine medizinsche Auszeit, in der ich mich im Bett herumdrehte und Pläne schmiedete. Aber wenn ich nur an die Bemerkung „eine Serie von Schalen“ oder das großmaulige „mit Steppnähten und Falten experimentieren“ denke, mittlerweile war mir klar geworden, dass ich zu tun haben würde eine Schale zu schaffen.

Aber frisch dem Krankenbett entkommen, inspirierten mich zwei Stoffe, die am Arbeitstisch herumlagen (und das Königsblau) zu einem weiteren Experiment. Im Buch Quilten in der dritten Dimension werden zwei Möglichkeiten zur Herstellung einer Schale beschrieben. Eine war eher kompliziert, nein, sie verlangte sorgfältigen Zuschnitt und gute Vorbereitung, das war jetzt nicht so meine Sache. Die andere Version startet mit einem Kreis aus dem ein Segment herausgeschnitten wird und ein kleiner Kreis als Boden, der später wieder eingefügt wird. Zuerst aber hieß es aus dem schlappen Stoff irgendein etwas festeres Material zu schaffen. Ich verstärkte die Stoffe mit Steifleinen und so einer aufbügelbaren Versteifung, die man auch bei der Taschenherstellung verwenden kann. Zudem erhielt sie aus rein dekorativen Überlegungen applizierte Stoffstreifen. Ich war natürlich zu faul eine ordentliche Kreisschablone zu zeichen und arbeitete frei hand. Daher war mein Kreis mehr ein verdelltes Osterei. Jedenfalls habe ich alle Teile zusammengeendelt im Zickzackstich mit Verlaufsgarn frisch fröhlich kreuz und quer, noch mehr optische Ablenkung. Meine Schale machte einen etwas ungenügenden wackeligen Eindruck und ich wusste auch nicht so recht, wie ich den Rand sauber hinkriegen sollte (und ohne allzu große Mühe). In den einschlägigen Bücher guckt das immer so toll aus… Eine ordentliche runde Schale würde sowieso nicht daraus, daher beschloss ich einen asymetrischen Rand zu gestalten. Dazu fügte ich noch mehr Zickzacknähte hinzu, um Segmente entfernen zu können. Das gelang teilweise recht gut, aber nicht auf allen Seiten gleich gut, daher noch mehr Deko: die blütenartigen Elemente. Ich weiß, es kaschiert nur eine mangelnde Grundform, aber ich habe es so genossen. Das Endprodukt ist so ein Ding, von dem man sagen würde: Was steht denn da herum? Was ist das eigentlich? Aber die Sache wäre ausbaufähig- und die Farben, ich liebe sie…Naja, vielleicht sollte ich einen Hut, so im Stil der 50iger Jahre daraus machen, einen Fascinator …

Schüssel Nummer zwei entstand aus völlig unbrauchbar überdrehter, handgesponnener Schafwolle. Davon habe ich noch sehr viel.

Normalerweise mache ich Häkelhauben daraus, die sind sogar wasserabweisend, wegen des enthaltenen Wollfetts. Jedenfalls kam mir so der Gedanke, dass ich zumindest versuchen müsste eine Schale zu häkeln. Eine Schale ist ja gewissermaßen eine halbfertige Mütze oder? Die dummste Idee war das Füßchen, dass ich noch daranhäkelte, sonst funktioniert diese Schale, etwas weich, aber es geht.

Schale Nummer drei ergab sich logischerweise aus Nummer zwei. Die ganze Zeit schob ich diese Wulsttechnik im Kopf herum, bis mir meine Sammlung an festen Kunststoffschnüren einfiel. Ich hatte sie mir einmal vom Bauern mitgenommen. Mit dieser Art Schnüre werden ganz große Strohballen zusammengebunden. Sie sind sehr steif, gerade das fehlte mir ja.

Mein Problem war nur womit ich sie am besten zusammenhäkle. Letztlich entschied ich mich für ein Verlaufsgarn in sanften Farben (Woole/Polyester) und ich finde das passt recht gut. Der Anfang war ganz schwierig, die steife Plastikschnur rutschte immer weg. Zuerst habe ich alles mit festen Maschen zusammengehäkelt, dann zwei feste Maschen, dann zwei feste Maschen/ zwei Luftmaschen je größer die Runden wurden. Die Schale ist ein bißchen beweglich, wegen der Häkelreihen. Normalerweise wird beim Zusammennähen zwischendurch immer wieder tiefer gestochen. Das lässt sich beim Häkeln so nicht machen. Aber grundsätzlich ist es sehr gut geworden. Jedenfalls besitze ich noch einen Riesensack voller Schnüre und kann da noch genug herumprobieren. Ich war ein wenig in Sorge, dass sich die Schale gleich auflösen würde, aber nein, das tut sie nicht!


Fazit: Wenn man mal in Schwung kommt, ergeben sich immer neue Ansätze…

Material: Stoffreste, Verstärkung, Nähseide, dicke Schafwolle, Plastikschnur, Wollreste…

ZU DEN STOFFSPIELEREIEN

Mach mit, trau dich, sei dabei! Die Stoffspielereien sind offen für alle, die mit Stoff und Garn etwas Neues probieren wollen. Es geht ums Experimentieren und nicht ums Perfektsein, denn gerade aus vermeintlich „misslungenen“ Experimenten können wir im Austausch jede Menge lernen. Lass dich gerne vom monatlich vorgegebenen Thema inspirieren und zeig deine Ideen dazu.

Jeden letzten Sonntag im Monat sind die Stoffspielereien zu Gast bei einer anderen Bloggerin. Dabei kommen wir ohne Verlinkungstool aus: Schreib einfach einen Kommentar mit dem Link zu deinem Beitrag im jeweiligen Blogpost der Gastgeberin. Sie fügt die Links im Lauf des Tages in ihren Beitrag ein – ganz persönlich und individuell.

Heute zu Gast mit dem Thema textile Schalen sind die Stoffspielerein bei langer Faden.


17 Gedanken zu “Stoffspielereien: Textile Schalen

  1. Liebe Silvia Franziska, danke für deinen späten Beitrag. Vor allem deine Überlegungen zum Thema Schale an sich fand ich sehr spannend. Das textile Schalen auch Bekleidung sein könnten, darauf wäre ich in diesem Zusammenhang nie gekommen. Wie betriebsblind man doch sein kann.
    Deine Schalenversuche gefallen mir. Die Schale aus Stoff mag vielleicht nicht so gelungen sein, sieht aber sehr interesassant aus. Die braune Häkelschale gefällt mir am besten. Aber für die andere Schale verwendest du zwei sehr verschiedene Materialien, die für eine stabile Schale bestimmt gut zusammengehen. Liebe Grüße Gabi

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    1. Ja, eingefallen -theoretisch zumindest- ist mir eine ganze Menge…Bei dem blauen Versuch begeistern mich nach wie vor die Farben am allermeisten. Von der Stabilität her gesehen ist die Schale mit der festen Kunststoffschnur und der dünnen Wolle ganz sicher die Beste. Liebe Grüße, Silvia

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  2. Deine unterschiedlichen Gedanken zum Thema „Schalen“ finde ich sehr spannend, mal über die augenfällig erste Assoziation hinausgedacht. Deine Herangehensweise bei der ersten Schale ähnelt sehr meiner, indem sie eher intuitiv und prozessorientiert ist, eben eine Spielerei. Ich weiß nun auch besser, wie ich das Nähen „verbessern“ kann. Und auch beim Häkelkörbchen sehe ich „Restschnur“ zu ihrem größten Vorteil verwendet. Super. Ich habe mit dieser Technik mal eine ganze Tasche gehäkelt, aus Paketschnur und Stoff, die am Ende ziemlich stabil, aber auch schwer wurde. Man entdeckt immer was Neues bei den Stoffspielereien. Liebe Grüße, Elvira

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    1. Liebe Silvia, köstlich, wie du uns mit auf deinen Gestaltungsweg nimmst! Die Grundgedanken zum Begriff „Schale“ haben mich auch beschäftigt, aber es war ja klar, daß wir hier Schalen im Sinne von Aufbewahren zeigen werden. Dein erster Versuch ist es allemal wert, in einen fascinator verwandelt zu werden, so eine Idee habe ich für unser Thema im Herbst auch. Ich hoffe sehr, du bist inzwischen gesundheitlich wieder auf der Höhe, alles Gute! Tyche

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      1. Leider bin ich schon wieder auf der „Tiefe“ wegen einer ernsthaften, zwar kurzen, aber heftigen Magen/Darmverstimmung…Darum schreibe ich erst heute und hoffe natürlich, dass damit meine Winter/Frühjahrskrankheiten abgeschlossen sind, wo es doch soviele interessante Dinge zu tun gäbe! Liebe Grüße, Silvia

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    2. Das mit dem Gewicht ist immer ein Thema bei Behältnisse, die man eventuell auch tragen möchte. Das finde ich bei Jeanstaschen-genäht aus alten Jeans- -oft recht schwierig. Sieht toll aus, ist stabil, aber ab einer bestimmten Größe halt recht schwer. So wie du auch erzählst, liebe Grüße, Silvia

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  3. Du bist ja zu Anfang eher kritisch deinem Werk gegenüber – na ja, das darf man. Aber dann kommst du in Schwung, wie man an den gehäkelten Schalen sieht. Die braune mit den Nüssen drin sieht wunderbar rustikal aus und an der letzten mit den umhäkelten Kunststoffschnüren gefällt mir besonders, dass die Häkelmaschen in Dreiergruppen auftreten. Das ist das gewisse Etwas.
    LG
    Beate

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    1. Bei der dritten Schale hatte ich echt Probleme größere Rundungen zu erzielen, da musste ich irgendwie mit Dreiergruppen und Luftmaschen experimentieren, aber mir gefällt die enstandene Optik auch sehr gut…Liebe Grüße, Silvia

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  4. bei deiner blaue stoffschale die ich sehr elegant finde merke ich endlich dass bei schalen die schwierigkeit von der stabilität des materials (stoff etc) kommt und man könnte praktisch sich von hüte inspirieren lassen ?
    und die häkelarbeit bringt schöne kleine schalen !
    liebe grüsse
    mo

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    1. Es ist ja gerade die Weichheit und Nachgiebigkeit, die die unübertroffene Qualität der Textilien und Stoffe ist, und eine Schale sollte doch irgendwie stabil werden. Darum hätte ich mich noch mehr bemühen müssen, liebe Grüße, Silvia

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  5. Ja, dieser Art Schalen sind wenigstens auch viiiiel platzsparender aufzubewahren als die aus ueblichem Festmaterial.
    Uebrigends: nachdem Du/Ihr/Europa ja gerade in den Fruehling bekommt moechte ich zumindest Dich bitten, auch an die gefiederten kleinen Freunde zu denken und denen zu helfen.
    Wie? Vielleicht eine kleine Menge Deiner ‚unbrauchbaren Wolle‘ in Zwiebelsaeckchen gegeben in Baeumen aufhaengen als ‚Vogel-Baumarkt‘ bzgl. Nestmaterial?
    Du wuerdest nicht glauben, was ‚unsere gefiederten Freunde‘ hier so alles hierzu brauchen koennen:
    – die kokosfaser-bezogene Kletterstange f. eine Rankpflanze ist
    a) innerhalb Kuerze immmmer halbnackt
    b) fordert (bringt!!!) Disziplin unter den Rackern, denn sie ’stehen‘ (= sitzend) fuerfuer doch
    glatt ‚brav-ordentlich-british‘ wartend sogar im nahestehenden Baum an fuer ihren Anteil am,
    aehem, zwar eigentlich ‚Raub‘. Dies ist aber eben nur die Sicht des ‚armen, (‚anders
    denkenden/arbeitenden‘) Menschen‘ im eben zu teilendem Revier.

    – selbst eine Plastikplane aus Webstruktur, welche als leichter Wetterschutz etwas schuetzend ab-
    denken sollte, wurde als brauchbar erachtet. ‚Faeden‘ daraus fand ich naemlich spaeter in einem
    dann irgendwann wieder verlassenem Vogelnest in einem naheliegendem Busch ‚eingebaut‘!

    Aber zurueck zum eigentlichen Thema hier bzw. faellt mir gerade so ein in meiner mitunter ‚Gehirn-Pfurzigkeit‘: Regenschirme; eigentlich auch ’schuetzende Schale(n)‘ ?

    LG,
    G

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    1. Wir haben ein Fenster mit Außenladen, der ist einfach immer zu. Zwischen Glas und hölzerenem Fensterladen hat mein Mann schon des öfteren eine schützende Isolierschicht gesteckt, aber das zupfen die Vögel immer raus…sieht immer leicht zerzaust aus, aber mir gefällt es. Aber du hast recht, ich werde wieder Hundehaar und sonstige Wollteilchen draußen ablegen. Liebe Grüße, Silvia
      P.S.:natürlich gilt bei mir auch der Regenschirm…

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  6. Gerne habe ich Deine einleitenden Gedanken zum Begriff und die Beschreibung zur Entstehung Deiner Schalen gelesen. Da hast Du ja einige Erfahrungen zu Material und Eigenschaften gesammelt und wir Leser können davon profitieren.
    Falls Du die blaue Schale für Nähzubehör verwendest könnte ich mir an Stelle der Blüte(n) ein Nadelkissen vorstellen.
    Die Kunststoffschnüre hast Du nobel in Form gebracht mit Naturfasergarn.
    LG Ute

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  7. Liebe Silvia, die Schale als Schutz: Sehr spannend. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht! Deine erste, blaue Schale: Textilkunst nennt man das! 😉 Einfach genial, deine Experimentierfreude und es einfach so stehen zu lassen. Sehr überdreht gesponnene Wolle habe ich auch seit gestern einige: Der Göttergatte wollte wissen, wie das mit dem Spinnen geht, hat sich voller Begeisterung ans Spinnrad gesetzt und wollte gar nicht mehr aufhören. Es war ein erster Versucht, und es hat ihm Spaß gemacht. Zurückdrehen mag ich die fast volle Spindel nicht, das heißt, ich muss eine andere Anwendung finden. Bzw. habe sie jetzt ja gefunden – super! Ich mag alle deine drei Experimente, und zum Thema „Kordeln“ habe ich hier eigentlich noch eine alte Leine vom Segeln, die sich gut zum „Tieferstechen“ eignen würde! Zum Glück kommt das Thema in ähnlicher Form im Herbst noch einmal. Liebe Grüße, Gabi

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    1. Meine überdrehte Wolle stammt auch vor allem aus der Produktion meines Mannes, nicht, dass ich wirklich gut bin im Spinnen…Aber am Spinnrad sitzen ist eben cooler, als Wolle Kämmen. Liebe Grüße, Silvia

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