Vögel als Inspiration • Rabenkrähen, die geheimnisvollen Schwarzen: Ein Bolero

Die Rabenkrähe läuft bei uns unter dem Namen „da Krah“. Wir haben zwei – vielleicht ein Paar? – die regelmäßig unseren Garten kontrollieren. Ich habe sogar einmal – ich näherte mich dem Garten über die anschließenden Wiesen – einen regelrechten Kampf in der Luft zwischen Krähen beobachtet. „Unsere“ Zwei landeten nach gewonnener Schlacht auf ihrem Stammplatz: einer auf dem höchsten Ast einer alten, wetterzerzausten Lärche, der andere auf der Birke. Manchmal sitzen sie beide auf der Lärche, es ist der höchste Punkt. Von dort oben beobachten sie interessiert was sich in der Hühnerschüssel oder am Misthaufen so tut. Im Allgemeinen sind sie recht scheu, aber gelegentlich auch mitteilsam. Wenn ich zufällig in den Garten gehe und sie bei der näheren Inspektion ertappe, ergreifen sie eilig die Flucht, zumindesten zu einem höher gelegenen Ast im Kirschbaum. Was sie nicht wissen: momentan steht die Futterschüssel günstig platziert im Schnee, damit wir vom ersten Stock aus einen guten Blick haben und die Kamera am Stativ genau einstellen konnten. Wir haben viel Vergnügen mit der Vogelfotografie und den Wunschkandidaten zu erwischen ist gar nicht immer so leicht… (da fühlte ich mich gleich zu einem meiner Comics inspiriert)

Die glänzend schwarzen Rabenkrähen leben in halboffenen Landschaften mit Alleebäumen, Waldrändern, Städten mit Parks und Straßenbäumen. Ihr auffälligster Ruf ist das, oft mit Pausen, zwei- bis sechsmal wiederholte „krah“, „kräh“ oder „krarr“. Dieser Ruf ist so deutlich und allgegenwärtig, dass er für uns der Krähenruf  ist. Krähen sind Allesfresser, und sie haben ein gutes Gedächtnis: sie können zum Beispiel vom Schnee oder – zum Leidwesen vieler Bauern – unter Silofolie verdeckte Nahrung freilegen, sich also an verborgene Futterplätze erinnern. Außerdem benutzen sie Werkzeuge, Stöckchen, Steinchen oder Haken um an Nahrung zu gelangen. An den Straßenrändern patrouillieren sie paarweise  auf der Suche nach überfahrenen Tieren. Aber sie können keinem Tier das Fell abziehen! Daraus resultiert ihre Kooperation mit Wölfen oder auch dem Auto – sie brauchen jemanden der das Innere des Kadavers freilegt.

Krähen erkennen ihr Spiegelbild (im Gegensatz zu Wellensittich, Hahn oder Ente). Zudem haben die paarweise lebenden Krähen eine komplizierte Sozialstruktur. Es gibt brütende und nichtbrütende Paare. Brütende Paare haben ein Revier, dessen Zentrum das Nest ist und sie verteidigen dieses auch. Allein bleiben diese Paare trotzdem nicht: die meiste Zeit des Jahres benutzen Brüter und Nichtbrüter denselben Schlafplatz. Das ändert sich nur während der Aufzucht. Gegen einen Feind wie den Fuchs oder einen Hund kooperieren die beiden Gruppen gemeinsam. Mir ist schon zweimal im Frühsommer passiert, dass ich mit meinem Hund einer halbflüggen Rabenkrähe zu nahe gekommen bin. Wir haben jedesmal so schnell wie möglich einen Rückzug gemacht, die Krähenabwehr ist wirklich energisch, mutig und lautstark. Trotzdem sind die Nichtbrüter die schlimmsten Feinde der Brüter. Nur sechzig bis siebzig Prozent des Nachwuchses überleben, die Hauptursache der Verluste sind Nestplünderungen von Nichtbrütern während der Futtersuche der Eltern. Die freien, nicht brütenden Schwärme bilden gleichzeitig eine effektive Brutreserve: Fällt ein Elternteil aus, wird er sehr schnell aus dem freien Schwarm ersetzt. Der Bestand der Rabenkrähen reguliert sich auf diese Weise selbst.

All diese großartigen Fähigkeiten zusammen mit der schwarzen Farbe und unserer gedanklichen Verbindung von Kadavern, Tod und Krähen haben ihnen einen schlechten Ruf und böse Beinamen eingetragen. Das war nicht immer so. Bis ins angehende Mittelalter waren sie nicht nur geduldet sondern auch geschätzt. Krähen beseitigten Abfälle und Kadaver, sie waren (und sind auch heute in großstädtischen Parks) Reinigungskräfte. Mit der verbesserten Hygiene in den Städten und der Intensivierung der Landwirtschaft begann ihre Umdeutung vom Reiniger zum Ungeziefer. Krähen gehörten dann lange Zeit neben Ratten zum „Raubzeug“, im Gegensatz zu Fuchs und Mader (dem „Raubwild“), hatten sie nicht einmal eine Schonzeit. In den USA wurde den Jägern empfohlen, während der Schonzeit, Krähen zu schießen um schießfit zu bleiben. Aber auch hierzulanden sah und sieht man immer wieder tote Krähen als Abwehr über Siloballen baumeln.  Ein Beschluss der EU hatte 1979 diese rücksichtslosen Verfolgung beendet: alle Singvögel wurden unter Schutz gestellt, Krähen gehören auch zu diesen. Natürlich gab es und gibt es dazu heiße Debatten und Ausnahmegenehmigungen, die Jägerschaft stellt eine starke parteiübergreifende Lobby im europäischem Parlament, und setzt sich immer wieder durch. Um der Verfolgung auf dem Land und der industriellen Landwirtschaft zu entgehen wandern Krähen immer noch zunehmend in die Stadt ab, wer ihnen nahekommen will hat in großen Parks die besten Chancen.

Die Rabenkrähe hat etwas Geheimnisvolles und Mysteriöses an sich: Mit ihrem Ruf, dem einzigen, den man auch im nebeligen Spätherbst hört, ihren lautstarken Auseinandersetzungen und ihrem wachen Blick – ein faszinierendes, schönes Tier.

Das Krähen-Bolero entstand aus einem ehemals sehr schönen Herrenpullover, der bei der Wäsche irrtümlich in einem zu heißen Waschgang gelandet ist – das kommt davon, wenn man im Haushalt schusselt. Es ist nicht der erste Pullover, dem so etwas zugestoßen ist und er wird nicht der letzte sein. Jedenfalls wirkt er jetzt wie Strickwalk, ist etwas fester geworden, kleiner natürlich und franst nicht mehr. Ich habe die Ärmel und den Kragen abgeschnitten, den Pullover gekürzt und ihn vorne aufgeschnitten. Dann habe ich die Kanten gerundet, einen V-Auschnitt gestaltet und die ganze Kante von Hand gesäumt um etwas massigere Kantenabschlüsse zu erhalten. Das ist die Vorarbeit, jetzt kam das Vergnügen: Mit grau-schwarz melliertem Stickgarn ist im Kettenstich eine Art Streumuster aufgestickt, dazwischen immer wieder Gruppen von Perlen, und aus den Abfällen habe ich Dreiecke geschnitten und diese gefaltet oder offen aufgenäht.

Die Anregung dazu stammt aus dem Buch „Nähen in der dritten Dimension“ von Alison J. Reid, erschienen 2011 im Hauptverlag. Das ist ein sehr inspirierendes Buch, wenn man auf ungewöhnlicheren textilen Pfaden wandeln möchte. Gerade für Upcycling ist das Buch eine wahre Fundgrube. Der Untertitel heißt: Techniken und Projekte mit plastischen Stoffeffekten. Das umreißt im wesentlichen den Inhalt, aber interessant ist das Wie und Womit kann ich das machen. In einer kurzen Einleitung gibt die Autorin Auskunft über ihre persönlichen Erfahrungen und Inspirationen, dann erläutert sie den Aufbau des Buches, was sie damit erreichen möchte, nämlich – es könnte nicht schöner sein – sich verzaubern lassen und die Arbeit mit Textilien genießen. Danach gibt es kurze Grundinformationen über Stoffe und Garne, dann geht es weiter zu den Vorbereitungen (bügeln, messen, zuschneiden…).

In den nächsten neun, spannenden Kapitel werden verschiedenen Techniken vorgestellt:

  • Ausgeschnittene Formen
  • Falten
  • Biesen
  • Quilten
  • Schnüre
  • Stoffdekor mit Handstickerei
  • Smokstickerei
  • Stickunterlagen

Die Autorin zeigt dazu jeweils sechs Entwurfsbeispiele, die genau beschrieben und erklärt werden. Jedes Kapitel endet mit teilweise leichten, teils schwierigeren Projekten (Sets, Tischläufer, Schmuck …). Die Beispiele sind durchgehend apart in den Farben abgestimmt: Naturtöne, Weiß, Schwarz, ab und zu eine Prise Rot und Grün, ein bisschen Muster. Das Ganze macht einen sehr coolen, zeitgemäßen Eindruck und sogar so altmodische Dinge wie ein Eierwärmer wirken trendig. Man kann sich die Projekte gut in heutigen Wohnungen vorstellen. Das Buch ist sehr schön fotografiert, mit Arbeitsanleitungen (flott gezeichneten Skizzen, die alles sehr unbeschwert wirken lassen) und auf herrlich angenehmen Papier gedruckt.


Fazit: Geeignete verwaschene Pullover sind leider nicht immer verfügbar – das Umarbeiten hat mir nämlich richtig Spaß gemacht. Diese Dekorationstechniken möchte ich unbedingt noch öfter verwenden, außerdem möchte ich noch vieles aus dem vorgestellten Buch probieren.

Material: ein verwaschener Herrenpullover, Stickgarn, Perlen, Nähseide

Bucher:

  • Nähen in der dritten Dimension, Techniken und Projekte mit plastischen Stoffeffekten von Aliso J. Reid, erschienen 2011 im Hauptverlag, 143 Seiten, zahlreiche Foto und Illusstrationen, Format 25x19cm, Softcover, ISBN 978-3-258-60020-8
  • Krähen Ein Portrait von Cord Riechelmann erschienen 2013 in der Reihe Naturkunden im Verlag Matths&Seitz Berlin,153 Seiten, illustriert, Format 12,5×18,5cm, Hardcover, ISBN 978-3-88221-048-4

Rabenkrähe Sommer3


10 Gedanken zu “Vögel als Inspiration • Rabenkrähen, die geheimnisvollen Schwarzen: Ein Bolero

  1. Wow, was für ein faszinierendes Kleidungsstück Du geschaffen hast! So einzigartig und doch irgendwie ganz selbstverständlich das Ergebnis Deiner weitreichenden Überlegungen zu den Rabenvögeln. Ich bin schwer beeindruckt. Die plastische Form und die schöne Stickerei machen den Bolero so lebendig. Erinnert mich sehr angenehm und nachdrücklich an das Buch „Rabenblut“ – ein sehr schöner Jugendroman, in welchem die Schönheit und Intelligenz der Rabevögel ausführlich beschrieben sind. LG Kuestensocke

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  2. Sehr spannend, was Du an Büchern hervorzauberst! In der Bibliothek würde ich gerne mal stöbern. (Vielleicht darf ich ein bisschen, Ende Juli?) Wie du das Buch beschreibst muss ich mir das unbedingt besorgen bzw. vielleicht finde ich es in der Bibliothek. Faszinierend Dein Exkurs über die Krähen, und ein tolles Stück. Das glaubt Dir keiner, dass das Upcycling ist, sehr edel! lg, Gabi

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    1. Ich versuche den Buchbestand „im Zaum“ zu halten, diese Naturkundenserie ist sehr schön, es gibt zum Beispiel ein ganz tolles über Federn, aber mein Federnprojkt schreitet nicht voran. Stöbern ist natürlich erlaubt! Liebe Grüße Silvia

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  3. Sehr schick, mir gefallen insbesondere die Schulterpartien. Gelungen! Und danke mal wieder für den tollen Einnlick über Krähen. Schöne Tiere und doch bleiben sie einem fremder und distanzierter als kleine, dicke bunte Vögelchen. Mit der Reinigung der Parks kann ich ja nur bedingt zustimmen, gerade die Krähen sind sehr talentiert darin, Plastikschüsseln für Salat auseinander zu werfen, um die Reste zu essen und auch den Rest einer offenen Mülltonne zu entleeren 😂:D Hat ne Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, das die das anstellen :D
    Liebe Grüße
    Marta

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  4. Schön, dass Du uns ein weiteres Mal inDeine Welt mitgenommen hast. Hmm, so einen verwaschenen Pullover habe leider auch schon mal … nächstes Mal werde ich was passendes zum upcyclen finden, sehr schöne Idee. Und auch Dein Ergebnis zum Tragen: inspirierend! Das Buch dazu: muß ich haben, habe ich entschieden. Über die Krähen: die haben mich schon immer interessiert, jedoch wohne ich jetzt in ländlicher Gegend, wo sie nicht so sehr beliebt sind. Aber sie leben hier in grossen Gruppen und machen einmal in der Woche eine tolle Flugshow verbunden mit einen fantastischen Großkonzert. Ich werde mal ein Buch besorgen zu den Vögeln. Sie räumen sogar manchmal vor unserem Haus auf, wenn die Katzen ihr Gejagtes verschmähen … 😺😁 nochmals danke für die bereichernden Impressionen, liebe SylviaFranziska.

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    1. Ja, auf dem Land haben sie einen schweren Stand, die Krähen, schon allein wie über sie geredet wird! Danke für deinen Einblick in das Leben eurer Krähen. Gefällt mir . Das Buch ist wirklich spannend , liebe Grüße Silvia

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  5. Also ich nehme mal an, dass du nun nicht extra die Pullis verwaschen wirst, auch wenn dir dieser Bolero sehr gut gelungen ist und es dir Spaß gemacht hat.
    Was ich jetzt aber über die Rabenkrähen gelernt habe ist toll. Wir haben offenbar Nichtbrüter im Garten, bis zu 20 auf einmal haben wir gezählt, das ist ein Krach und ein wildes Gewusel. Wie ich dir schon geschrieben habe. In den letzten zwei Wochen ist mir aufgefallen, dass fast nur mehr zwei da, das altbekannte Päarchen, hat sich sein Revier zurückerobert. Ich wusste echt nicht, dass es da Unterschiede gibt, zwischen Nichtbrütern und Brütern. Aber jetzt bin ich gescheiter, dank dir.
    LG Birgit

    PS: Meine Tochter als sie zu sprechen anfing,hießen alle Vögel „Pipiiie“ und außer die Rabenkrähen zu denen sagte sie „Krakrapipiiie“

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    1. Ich bin ganz begeistert von den positiven Feedbacks zu den Rabenkrhen, zu den Vögeln, ich erfreue mich immer wieder an ihnen und einfach schön die Geschichten, die ihr erzählt ( Krakrapipie!!) Und nein ich verwasche schöne Pullis nicht absichtlich, aber ausrangierte manchmal…Liebe Grüße Silvia

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