Winterwunderland – Umarbeiten eines Vintage-Samtmantels

(read in English)

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Unter Oma’s Kleiderschätzen fand sich ein praktisch ungetragener Samtmantel. Meine Mama konnte sich nicht wirklich für den Mantel erwärmen. Doch ich wollte den Mantel anprobieren, ich probiere sehr gerne Kleidung an, um zu sehen wie gut oder auch schlecht das Stück getragen wirkt. Und bei der Anprobe zeigte sich: der Samtmantel hat Potenzial. Er musste nur etwas kürzer, etwas enger und taillierter werden, damit er mir stehen würde. Das Cape vom Mantel war übrigens meine Inspiriationsquelle für das Cape beim Mantel Emma.

Somit reiste der Mantel mit mir zurück in die Schweiz um im Nähkurs fachgerecht umgearbeitet zu werden. Dieses „Make Do and Mend“ wurde besonders während den Kriegszeiten viel angewandt, da Ressourcenknappheit herrschte. So gibt es aus dieser Zeit Anleitungen wie aus einem Herrenanzug ein Damenkostüm wird oder aus einem Seidenfallschirm Unterkleider und Wäsche. Wichtig ist dabei, dass sorgfältig gearbeitet wird, denn andernfalls geschieht es schnell, dass untragbarer und unnützer Plunder entsteht, der schlussendlich weggeworfen wird.

Erste fachliche Analysen der Nähkursleiterin zeigten, dass der Mantel – wie dem Etikett zu entnehmen – in typischer Herrenschneiderart maßgeschneidert wurde. Der Schneider des Samtmantels war der Stammschneider meines Großvaters, der beruflich viele, viele Anzüge gebraucht hat. Für Damen nähte der Schneider nur strukturierte Kleidung, d.h. Kostüme und Mäntel, natürlich auch Hosenanzüge, bestellte aber auf Wunsch passenden Stoff für Blusen und Kleider aus der entsprechenden Stoffkollektion, sodass sich die Damen dann selbst Ergänzendes zum professionell maßgeschneiderten Kostüm oder Mantel nähen konnten.

Bei der erste Anprobe zeigte sich, dass der Mantel im Umfang um 16 cm verkleinert und um etwa 10 cm gekürzt werden musste. Der gekürzte Saum sollte dann der Gürtel werden. Beim Auftrennen des Futter war natürlich spannend, wie innen die Verarbeitung ist. Besonders im Brustbereich waren viele verschiedenen Einlagen verarbeitet – leider habe ich davon keine Fotos gemacht, da ich nur das Nötigste aufgetrennt habe. Am interessantesten war allerdings, dass die vordere Kante, als auch der Saum mit Bundeinlage stabilisiert waren. Dadurch hat der weiche Samt, eine schöne scharfe Kante erhalten – weitere Samttipps habe ich hier zusammengefasst. Der hinaufgeschlagene Saum war nicht nur mit einigen Stichen fixiert, sondern auch zusätzlich mit doppelseitig klebenden Vliesband geklebt.

Was habe ich nun konkret am Mantel geändert?

An der Seitennähten, wurden jeweils 4 cm herausgenommen, leider musste ich dann auch am Ärmel eine Naht auftrennen und diesen enger nähen. Eine Folge davon war das ich die schöne, mit der Hand genähte Armlochnaht auftrennen musste. Nachdem ich oben am Ärmel und der Seite wieder alles geschlossen hatte, ging es an die finale Länge des Mantels. Den Saum habe ich wie vorher wieder mit der Bundeinlage versehen und auch wieder ganz faul mit Vlies hochgeklebt. Beim Schließen des Futters habe ich zwar ein bisschen gepfuscht, aber man sieht es zum Glück nicht.

Aus dem weggeschnittenen Saum (10 cm breit) habe ich dann mit vielen kleinen Handstichen den Gürtel genäht. Dabei habe ich die eingebügelte Saumkante wieder verwendet und den oberen Bereich einfach eingeschlagen und festgenäht. Dadurch habe ich eine deutlich sichtbare Kante an der Innenseite des Gürtels, doch ein Umdrehen des Gürtels, wollte ich aufgrund des Materials nicht riskieren.

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Eine kleine Reparatur musste ich am Kragen erledigen. Und zwar habe ich den kompletten Halsauschnitt entlang unter dem Kragen mit der Hand nachgenäht. Ich weiß jetzt, dass ich unbedingt lernen muss mit einem Fingerhut zu nähen. Eine Blase habe ich knapp vermieden, aber meine Finger haben sehr, sehr geschmerzt. Mein letzter Fingerhutversuch endete übrigens damit, dass ich zwar den Fingerhut auf den Finger gesteckt habe, aber dann einen andere Finger zum Nähen verwendet habe, da das Gefühl mit Fingerhut seltsam war.

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber die investierte Zeit hat sich gelohnt. Bis auf ein wenig Verschnitt an der Seite habe ich auch den kompletten Stoff wiederverwendet, also fast ein „Zero Waste“-Projekt. Und meine gesammelten Samterfahrungen von diesem Projekt und dem WKSA Samtrock finden sich nun hier.


Fazit: Es dauert ein bisschen und man muss sich auch die Zeit nehmen, damit das Stück dann auch wieder tragbar wird, aber es lohnt sich.

Zeit: Über dem Zeitraum von einem Monat umgearbeitet.

Material: Maßgeschneideter Mantel aus Samt.

Verlinkt zu MMM, AWS, CreateInAustria.

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16 Gedanken zu “Winterwunderland – Umarbeiten eines Vintage-Samtmantels

  1. Ach wieder so ein richtiger Beitrag für’s herz!!! Ich wünschte ich hätte so ein erbstück von meiner Oma, und dann noch so tragbar!!! Steht dir unglaublich, und man spürt direkt die Geschichte! Die Arbeit war es unbedingt wert! Lg Sarah

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    1. Dankeschön, da ich den Mantel aber noch nie an meiner Oma life oder auf einem Foto getragen gesehen habe, fühlt es sich nicht so nach Erbstück an. Viel spannender fand ich die Hintergrundgeschichte mit dem Herrenschneider.
      Lg Sabine

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  2. Tolles Projekt und so interessant. Die Mühe war es wert und die Geschichte, die da hintersteckt, macht den Mantel zu etwas Besonderem!

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  3. Ich konnte jetzt nicht den gesamten Text lesen, aber die Fotos sprechen für sich. Ein toller Mantel, diese Farbe, hach! Da hast du ein wunderbares Projekt vollendet, klasse. LG Kuestensocke

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  4. So ein schöner Beitrag mit dem Ergebnis eines Traummantels! Auch Deine Fotos sind wieder so schön! Herzlichen Glückwunsch übrigens noch zu Deinem Preis beim Vintage Pledge, den Du zu recht bekommen hast!
    Ich komme sehr gut mit so einem ledernen Fingerhut aus dem Quiltladen zurecht. Er hat in der Fingerspitze eine Metallverstärkung, muss sehr straff sitzen und zwar auf dem Mittelfinger. Ich kann ohne kaum von Hand nähen.
    Liebe Grüße, SaSa

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    1. Dankeschön. Ich bin auch total glücklich mit meinem Gewinn und kann es kaum erwarten, mit den Schnitten loszulegen.

      Ich hab auf jeden Fall geplant, msl im Nähkurs die Leiterin dazu auszuquetschen wie man nun mit Fingerhut näht. Meine Mama hat jedenfalls erzählt, dass der besagte Schneider des Mantels ohne Fingerhut überhaupt nicht handnähen konnte und dann meine Oma ihren suchen musste als er seinem bei einer Anprobe vergessen hatte.
      Lg Sabine

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  5. Vielen Dank für deine Beschreibung, wie du einen schönen Samtmantel in einen noch schöneren verwandelt hast. Ich habe auch deinen Blogpost mit den Tips, wie am besten Samt zu vorzubereiten und zu vernähen ist, gern gelesen. Vor ein paar Tagen habe ich eine Samtrock fertiggestellt und samt als Diva zu zeichnen, trifft die Sache ganz gut. Aber Samt ist eben auch wunderschön und wunderschön ist auch der Blauton deines Mantels.

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    1. Dankeschön.
      Samt ist ja wie gesagt eine Diva aber mit der richtigen Einstellung und Vorbereitung weniger dramatisch zu verarbeiten. Und im Geiste plane ich auch schon die nächsten Samtprojekte.
      Lg Sabine

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